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Ärzteschaft

„Wir brauchen mehr Zeit für Patientengespräche“

Freitag, 15. September 2017

Berlin – In diesem Jahr jährt sich der internationale Tag der Patientensicherheit zum dritten Mal. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzender des Ausschusses „Qualitätssicherung“ bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), welche Bedeutung die Kommunikation für den Heilungs­prozess hat, warum Schweigen gefährlich sein kann und wie Ärzte es schaffen können, sich trotz vollem Arbeitstag Zeit für Patienten zu nehmen.

Fünf Fragen an Günther Jonitz, Präsident der Ärzte­kammer Berlin und Vorsitzender des Ausschusses „Qualitätssicherung“

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DÄ: Herr Dr. Jonitz, der diesjährige Tag der Patien­tensicherheit steht unter dem Motto „Wenn Schweigen gefährlich ist“. Was ist damit gemeint?
Günther Jonitz: Das Motto macht deutlich, dass das Zuhören und miteinander Reden zentral ist. „Schweigen“ ist insbesondere dann gefährlich, wenn es darum geht, Behandlungsfehler zu verhindern. Wenn zum Beispiel ein Patient vor seiner Operation mit falschem Namen ange­sprochen wird, kann es im Extremfall lebensrettend sein, wenn er die Pfleger und Ärzte darauf aufmerksam macht. Bei diesem Thema geht es also um die Mitverantwortung von Patienten, aber auch allen anderen Beteiligten im Behandlungsprozess.

Gestern hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit, das ja den Tag der Patienten­sicherheit in Deutschland ins Leben gerufen hat, einen Ratgeber herausgegeben, der sich explizit an Patienten wendet. Darin werden sie ermutigt, mit ihren behandelnden Ärzten zu sprechen, wann immer sie Fragen haben.      

DÄ: Manche Patienten trauen sich aber nicht, mit ihren Ärzten zu sprechen. Wie kann man ihnen diese Angst nehmen?
Jonitz: Ich empfehle den Patienten, ihre Fragen vor dem Gespräch mit dem Arzt aufzuschreiben. Oft ist es heute allerdings so, dass Ärzte während der Arbeitszeit kaum Zeit für ein Gespräch haben. Ich empfehle den Patienten, die Ärzte trotzdem um ein Gespräch in Ruhe zu bitten. Wenn dafür zum Beispiel während der Visite keine Zeit ist, dann kann dieses Gespräch später stattfinden, vielleicht auch am Ende des Arbeits­tages.

Und ich empfehle den Ärzten sehr, sich die Zeit für ein solches Gespräch zu nehmen und diese Zeit für die Patienten gegenüber ihren Vorgesetzten auch einzufordern. Denn wenn man diese Gespräche am Anfang des Behandlungsprozesses führt, wird im späteren Verlauf dadurch Zeit eingespart. Außerdem ist ein Gespräch mit dem Patienten für den Heilungsprozess extrem wichtig. Und wenn das Gespräch nach Feierabend stattfindet, muss der Arzt seine Überstunden dokumentieren.

Manche Ärzte bereiten die Antworten auf Fragen, die ihnen von vielen Patienten gestellt werden, übrigens schon im Vorfeld vor, schriftlich oder in Form von kleinen Filmen. Viele Fragen werden auf diese Weise bereits beantwortet.   

DÄ: Was sollten denn Ärzte während eines Patientengespräches beachten?
Jonitz: Dabei gibt es manches zu beachten, zum Beispiel, dass man dem Patienten zunächst einmal zuhören sollte. Der Deutsche Ärztetag hat diesem Thema vor drei Jahren einen eigenen Tagesordnungspunkt gewidmet. Die gute Nachricht ist auf jeden Fall: Kommunikation kann man lernen. Und viele Ärztekammern oder Krankenhäuser bieten mittlerweile auch entsprechende Lehrgänge an, die Ärztekammer Berlin zum Beispiel im Rahmen von Qualitätsmanagementkursen. Und die Rückmeldungen sind sehr positiv. Die einzige Klage, die wir immer wieder hören, ist: Warum lernen wir das erst jetzt?

In diesen Kursen lernt man übrigens auch, seine Ängste zu überwinden und sich nicht wegzuducken, wenn einmal etwas schief geht. Die Motivation des Arztes zu helfen, ist ja sehr groß. Wenn etwas schief geht, besteht die Gefahr, dass man gar nicht richtig wahrnimmt, was so nicht vorgesehen war. Gerade dann, wenn ein Fehler aufgetreten ist, muss man aber auf den Patienten zugehen und die Verantwortung übernehmen. Wie man in diesen Fällen reagieren kann, steht in der Broschüre „Reden ist Gold“, die das Aktionsbündnis Patientensicherheit im Jahr 2008 herausgegeben hat.

DÄ: Was muss sich auf politischer Ebene verändern, um die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten zu verbessern?
Jonitz: Die Politik muss den Ärzten die Zeit zurückgeben, um mit ihren Patienten zu sprechen. Auf die Leistungsexplosion innerhalb der Medizin und die damit verbundene Mengenausweitung hat die Politik doch nur symptomatisch mit Mengen- und Kosten­begrenzungen reagiert. Die Folgen dieser Politik sehen wir heute sehr deutlich. Flächendeckende Rationierungen und bundesweiter Fachkräftemangel sind nur zwei davon.

Das Geld im System muss so verteilt werden, dass die Ärzte wieder Zeit für die Patientenbehandlung bekommen. Zum Beispiel müssten die Landesbasisfallwerte in allen Bundesländern, die ihre Strukturreformen im Krankenhaussektor schon hinter sich haben, so deutlich angehoben werden, dass die Krankenhäuser aus dem Wett­bewerb um lukrative Eingriffe herauskommen und genügend Personal einstellen können. Wenn mehr Personal vorhanden ist, ergibt sich auch mehr Zeit für die Kommunikation – übrigens auch für die Kommunikation zwischen Ärzten, Pflege­kräften und weiteren Gesundheitsberufen im Krankenhaus untereinander. Sie werden heute kaum noch Krankenhäuser in Deutschland finden, in denen regelmäßige Teambesprechungen stattfinden können.

DÄ: Dieses Jahr findet der dritte internationale Tag der Patientensicherheit statt? Welche Bedeutung hat er für Sie?
Jonitz: Im Bereich der Patientensicherheit gab es in Deutschland zwei Meilensteine. Zunächst hat sich im Jahr 2005 der Deutsche Ärztetag dafür ausgesprochen, mit dem Thema Behandlungsfehler konstruktiv umzugehen. In der Folge wurde das Aktions­bündnis Patientensicherheit gegründet. Der zweite Meilenstein war die Veröffent­lichung der bereits erwähnten Broschüre „Reden ist Gold“, in der Ärzte offen über ihre Behandlungsfehler gesprochen und dafür große Anerkennung gefunden haben. Der internationale Tag der Patientensicherheit ist für mich die Verstetigung dieses Themas in der öffentlichen Wahrnehmung und eine Plattform für viele gute Beispiele und Aktionen. © fos/aerzteblatt.de

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