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Symposium: Von ärztlichem Handeln, Zulassungsfragen und Interessenkonflikten

Freitag, 15. September 2017

Berlin – Der Freiburger Arzt und Bioethiker Giovanni Maio hat Ärztinnen und Ärzte dazu aufgerufen, sich ihr medizinisches Denken nicht von Betriebswirten austreiben zu lassen. „Ärzte sollen heutzutage betriebswirtschaftlich denken. Ich vermisse den Appell, dass sich Betriebswirte im Gesundheitswesen umgekehrt auch einmal überlegen, welche Disziplin sie zu steuern versuchen“, sagte Maio in der vergangenen Woche auf einem Wissenschaftlichen Symposium in Berlin.

Das Symposim wurde anlässlich der Verabschiedung von Wolf-Dieter Ludwig als Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Helios Klinikum in Berlin-Buch veranstaltet. Ludwig ist zugleich Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Fachredakteur für die medizinisch-wissenschaftliche Redaktion des Deutschen Ärzteblattes.

Derzeit würden die Normen der industriellen Massenproduktion unreflektiert auf die Medizin übertragen: Schnelles Durchschleusen, bei dem man die Zeit als etwas ansieht, was wegrationalisiert werden müsse. Heute werde Denken nicht mehr anerkannt, stattdessen Stromlinienförmigkeit gepriesen. „Ärzte sind aber angewiesen auf die Investition von Zeit“, so Maio.

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Irrationale Phantasien

Das Grundproblem seien dabei nicht die Geschäftsführer der Krankenhäuser, sondern die Politik, die von der irrationalen und technokratischen Phantasie beherrscht werde, dass das Verhalten der Ärzte gesteuert werden müsse. „Es gibt heute im Gesundheits­wesen eine Überformalisierung und eine Überregulierung, die sich gegen die ärztliche Arbeit wenden“, so Maio. „Eine solche Denkweise führt zu einer Enteignung der ärzt­lichen Profession.“ Die ganze Medizin in Deutschland funktioniere nur noch deshalb so gut, weil sich so viele Ärzte gegen die Anreizstrukturen zur Wehr setzten und anders handelten, als die Anreize ihnen anempföhlen.

Ärzte veränderten sich, ohne es zu merken, wenn sie täglich in einem System arbeite­ten, das sie durch eine Managementsteuerung ersetzen wolle. „Doch ärztliches Handeln ist nicht technisierbar“, sagte Maio. „Und das Wohl des Patienten ist nicht verhandelbar.“

Hecken: Auf Informationen über Patientennutzen bestehen

Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), Josef Hecken, dankte Ludwig auf dem Symposium für das, was er für die Wissenschaft geleistet habe. „Und danke auch dafür“, fuhr Hecken fort, „dass Sie mit Ihrer Gabe, Publizität zu erzeugen, auch auf den häufig vorhandenen Widerspruch zwischen den Heilsversprechen der Pharmaindustrie und den relativ dürftigen Evidenzen hingewiesen haben.“

Besorgt äußerte sich der G-BA-Vorsitzende über die Entwicklungen im Bereich der Onkologie. Derzeit gebe es hier die Tendenz, dass Pharmafirmen Medikamente für die Second- oder Third-Line-Therapie auf den Markt brächten, bei deren Zulassungs­studien nur Endpunkte wie das mediane Überleben abgebildet würden. Wenn es um die Daten zur Lebensqualität gehe, sehe die Situation hingegen schlechter aus.

„Der entscheidende Punkt ist, dass wir darauf bestehen müssen, Informationen über den konkreten Patientennutzen neuer Arzneimittel zu bekommen“, sagte Hecken und kündigte an, dass der G-BA den Zusatznutzen neuer Arzneimittel künftig im Rahmen des AMNOG-Verfahrens um eine Stufe niedriger bewerten werde, wenn entsprechende Daten bei Medikamenten fehlten, die nach dem Inkrafttreten des AMNOG erhoben wurden.

Ludwig: Bei Nutzenbewertung in Europa enger zusammenarbeiten

Wolf-Dieter Ludwig, der weiterhin der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) vorsitzen und ärztlicher Vertreter im Managementboards der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) bleiben wird, erklärte: „Das AMNOG-Verfahren wird in Europa sehr positiv gesehen. Es sollte aber künftig unser Ziel sein, bei der Nutzenbewertung von neuen Arzneimitteln sehr viel enger auf europäischer Ebene zusammenzuarbeiten als bisher.“

Ludwig regte an, dass nationale regulatorische Behörden und die EMA bereits bei der Planung der für die Zulassung relevanten klinischen Studien in einen engen Dialog mit den führenden europäischen HTA-Organisationen und dem pharmazeutischen Unter­nehmer treten sollten, um die Evidenz zu Wirksamkeit und Sicherheit neuer Arznei­mittel zum Zeitpunkt der Zulassung zu verbessern. „Erfreulicherweise ist eine derartige strukturierte Zusammenarbeit inzwischen sowohl auf deutscher als auch auf europäi­scher Ebene fest vorgesehen“, sagte Ludwig.

Interessenkonflikte aus Schmuddelecke holen

Klaus Lieb, der in der AkdÄ dem Fachausschuss für Transparenz und Unabhängigkeit in der Medizin vorsitzt, würdigte Ludwigs Leistungen in diesem Bereich. „Das Thema Interessenkonflikte und Glaubwürdigkeit in der Medizin ist eng mit deiner Person verbunden“, sagte er an Ludwig gerichtet. Ludwig habe sich an vielen Stellen um das Thema gekümmert, zum Beispiel habe er früh damit begonnen, auf persönliche Honorare der Pharmaindustrie zu verzichten und dadurch zu einem Kulturwandel beigetragen.

„Wir hatten in der AkdÄ viele Diskussionen um potenzielle Interessen­konflikte“, sagte Lieb. „Heute steht fest, dass Interessenkonflikte eine Risikokonstella­tion sind, die dann eintritt, wenn zwei Interessen nebeneinander bestehen.“ Diese Diskussion innerhalb der Ärzteschaft habe dazu geführt, das Thema Interessenkonflikte aus der Schmuddelecke herauszuholen.

„Der korrekte Umgang mit finanziellen Interessenkonflikten wird uns auch in Zukunft häufig beschäftigen“, sagte Ludwig. „Dabei halte ich es für nicht gerechtfertigt, dass der Begriff nur negativ besetzt ist, und Kollegen, die bei klinischen Studien mit pharma­zeutischen Unternehmen zusammenarbeiten, automatisch an den Pranger gestellt werden.“ Die Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel sei derzeit ohne Zusam­men­arbeit von Medizinern und Pharmaindustrie nicht möglich. „Wichtig dabei ist allerdings“, so Ludwig, „dass wir uns der Interessenkonflikte und möglicher Beeinflus­sung ärztlicher Entscheidungen, die aus dieser Zusammenarbeit resultieren, bewusst sind und deshalb die Interessenkonflikte grundsätzlich offenlegen.“ © fos/aerzteblatt.de

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