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Ärzteschaft

„Wir brauchen Strukturen für einen organisierten Zugang zum Gesundheitswesen“

Dienstag, 19. September 2017

Berlin – Am 24. September ist Bundestagswahl. Das Deutsche Ärzteblatt hat die gesundheits­politischen Sprecher der Parteien, Länderminister, Verbände und Ärzte aus der Patienten­versorgung befragt, wie es mit der Gesundheitspolitik in der kommenden Legislatur weitergehen sollte.

Fünf Fragen an Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes

DÄ: Welches gesundheitspolitische Thema muss in der nächsten Legislaturperiode als erstes angegangen werden? Warum?
Klaus Reinhardt: Schön, dass Sie hier ausdrücklich nach Prioritäten fragen. Denn die Liste der Herausforderungen ist ja wirklich lang – ich denke beispielsweise nur an Themen wie die Weiterentwicklung der Digitalisierung oder die Dynamik im Bereich neuer Gesundheitsberufe. Ganz weit oben auf meiner Agenda steht aber für uns die Forderung an den Gesetzgeber, in Abstimmung mit der Selbstverwaltung intelligente Instrumente zur Lenkung der Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheits­systems zu entwickeln.

Wenn wir es als Ärzte ernst damit meinen, dass es unser wichtigs­tes Ziel ist, unsere Patienten individuell, mit ausreichender Zeit und Zuwen­dung betreuen zu können, dann brauchen wir – vor allem mit Blick auf die begrenzten Ressourcen – Strukturen für einen organisierten Zugang zum Gesundheitswesen. Es ist nicht zuletzt eine Frage der Solidarität in einem gemeinschaftlich finanzierten und mit begrenzten Ressourcen ausgestatteten Gesundheitssystem, hier endlich praktikable Konzepte zu entwickeln. Nach meiner festen Überzeugung können wir diesen Weg gehen, ohne elementare Grundwerte wie zum Beispiel die freie Arztwahl aufs Spiel zu setzen.

Bisher hat sich keine politische Partei an dieses Thema herangewagt, weil es auf den ersten Blick unpopulär ist, dort sanft zu strukturieren, wo bisher ein völlig freier und ungeregelter Zugang vorhanden war. Es wird aber ohne den Mut zu solchen Maßnahmen auf Dauer der Erhalt eines freiheitlichen Systems zu nicht gewährleisten sein.

DÄ: Welche Partei beziehungsweise welches Parteienbündnis bietet aus Ihrer Sicht die besten Lösungen für die zukünftigen Probleme des Gesundheitssystems? Warum?
Reinhardt: Ich denke, dass es nicht meine Aufgabe ist, meinen Kolleginnen und Kollegen konkrete Wahlempfehlungen zu geben. Entscheidend ist es für mich, genau hinzuschauen, von welchem Geist politische Weichenstellungen geprägt sind und mit welcher politischen Grundhaltung Entscheidungen für die Gesundheitsversorgung in Deutschland getroffen werden.

Wer stellt die Freiberuflichkeit und die wirtschaftliche Selbstständigkeit unverändert als Kernelement ärztlicher Versorgung dar? Wer teilt uneingeschränkt die Auffassung, dass die Unabhängigkeit der ärztlichen Therapie­entscheidung unverzichtbare Basis für erfolgreiches Handeln ist? Oder wer lässt keinen Zweifel daran, dass die Rolle des Arztes als Individuum bei der Versorgung von Patien­tinnen und Patienten zentraler Ankerpunkt von Gesundheitspolitik ist? Die Beantwor­tung dieser Fragen ist elementar, wenn es gilt, sich politisch zu positionieren.

DÄ: Welche aktuellen Positionen der Parteien gefährden die Versorgungsqualität im deutschen Gesundheitssystem?
Reinhardt: Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass alle Bestrebungen, die auf Einheits­medizin und Staatsmedizin setzen – in welcher Form auch immer – die Versorgung gefährden. Wer private Initiativen herunterregelt, drosselt gleichzeitig Motivation und persönliches Engagement. In diesem Sinne warne ich ausdrücklich vor sozialistischen Experimenten in der Gesundheitspolitik – und nicht nur dort.

DÄ: Wie müssten die Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeit verbessert werden?
Reinhardt: Ich habe es bereits angesprochen. Auf meiner Wunschliste stehen ganz oben all jene Maßnahmen, die dazu beitragen, als Arzt wieder mehr Zeit für die indivi­duelle Betreuung meiner Patientinnen und Patienten zu gewinnen. Ich bin nicht Arzt geworden, um einen Großteil meiner Zeit mit bürokratischen Vorgängen oder anderen arztfremden Tätigkeiten zu verbringen. Erst recht nicht bin ich Arzt geworden, um mich von einem durch und durch ökonomisierten System zwingen zu lassen, meine Patienten abzufertigen!

DÄ: Was wollen Sie für Ihre Mitglieder in der kommenden Legislaturperiode erreichen?
Reinhardt: Für unsere Mitglieder, aber auch für alle anderen Kolleginnen und Kollegen werde ich mein Möglichstes dafür tun, dass all die von mir bereits oben formulierten Ziele der Verwirklichung wenigstens ein Stückchen näher kommen. Hier bohren wir dicke Bretter, aber aufgeben gilt nicht. © bee/aerzteblatt.de

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