NewsPolitikPharmaverband: Ärzte vor Regressrisiko schützen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Pharmaverband: Ärzte vor Regressrisiko schützen

Dienstag, 19. September 2017

Berlin – Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hat die nächste Bundesregierung dazu aufgefordert, Ärzte von Regressdrohungen zu befreien, wenn sie neue Arzneimittel verordnen. „Die nächste Regierung muss dafür Sorge tragen, dass als Mischpreise verhandelte Erstattungspreise über alle Subgruppen hinweg als wirt­schaft­lich gelten“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des BPI, Norbert Gerbsch, heute auf einer Pressekonferenz in Berlin. Denn solange das Damokles­schwert der Regressdrohung über den Ärzten schwebe, würden selbst überlegene neue Arzneimitteltherapien nur unzureichend in der Versorgung ankommen.

Zum Hintergrund: Gemäß Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) bewertet der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) den Zusatznutzen neuer Arzneimittel im Ver­gleich zu einer zuvor festgelegten Standardtherapie. Dabei bildet der G-BA bei Bedarf Subgruppen – immer dann, wenn das Medikament nur bei bestimmten Patienten­gruppen einen Zusatznutzen entfaltet. Bei den anschließenden Preisverhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem Hersteller wird jedoch nur ein einziger Preis verhandelt, der für alle Patientengruppen gleichermaßen gilt.

Als wirtschaftlich wird dieser Preis von den Krankenkassen jedoch nur dann ange­sehen, wenn Ärzte das Medikament den Patienten verordnen, für deren Subgruppe der G-BA einen Zusatznutzen anerkannt hat. Verordnen Ärzte das Medikament einem Patienten aus einer anderen Subgruppe, laufen sie Gefahr, in Regress genommen zu werden.

Anzeige

Manche neuen Arzneimittel werden trotz Zusatznutzen nur zurückhaltend verordnet. Ein weiteres Problem sprach Dieter Cassel von der Universität Duisburg-Essen an, der zusammen mit Volker Ulrich von der Universität Bayreuth im Auftrag des BPI den „AMNOG-Check 2017“ verfasst hat, der heute vorgestellt wurde. So würden manche der neuen Arzneimittel, denen der G-BA einen hohen Zusatznutzen attestiert hat, nur zurückhaltend von Ärzten verordnet.

Dieses Problem hat der Gesetzgeber in diesem Jahr im Arzneimittelversorgungs­stärkungsgesetz (AMVSG) adressiert und den G-BA damit beauftragt, seine Beschlüsse für die Nutzenbewertung neuer Arzneimittel künftig so aufzubereiten, dass sie in der Praxissoftware abgebildet werden können. Gerbsch forderte, dass über ein solches Arztinformationssystem nicht die Verordnung gesteuert werden dürfe. Der Arzt müsse in seiner Verordnungsentscheidung unbeeinflusst bleiben.

22 Marktaustritte in fünf Jahren

Im AMNOG-Check wurde auch untersucht, wie viele neue Arzneimittel nach Inkraft­treten des AMNOG entweder nicht in Deutschland eingeführt wurden oder nach ihrer Einführung wieder vom Markt genommen wurden. Von den 170 Arzneimitteln, die zwischen 2011 und 2015 in der Europäischen Union zugelassen und im Rahmen des AMNOG-Verfahrens bewertet wurden, seien 30 nicht in Deutschland eingeführt und weitere 22 nach einer Einführung wieder vom Markt genommen worden, wie Volker Ulrich erklärte. Das seien insgesamt 30 Prozent.

Der Pressesprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, wies auf Anfrage des Deutschen Ärzteblatts darauf hin, dass es sich bei diesen Arzneimitteln größtenteils um Medikamente handelte, denen der G-BA keinen Zusatznutzen zuerkannt hatte. „Wenn Arzneimittel ohne einen Mehrwert für die Versicherten vom Markt verschwinden, kann ich daran nichts Schlechtes erkennen“, betonte Lanz. © fos/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

16. Juli 2018
Berlin – Vor zwei Wochen hatte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) ein eigenes Modellprojekt zur elektronischen Arzneimittelverordnung angekündigt. Jetzt hat die ABDA gemeinsam
Apotheker und Partner präsentieren „Letter of Intent“ für ein E-Rezept
11. Juli 2018
Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DHGO) hat die Bestätigung des Bundessozialgerichts (BSG) in Kassel für die Mischpreisbildung bei neuen Arzneimitteln
Onkologen begrüßen „Ja“ zur Mischpreisbildung
5. Juli 2018
Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat nach dem gestrigen Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) zur Rechtmäßigkeit sogenannter Mischpreise von Arzneimitteln weitere Klärungen
Urteil zu Mischpreisen: KBV mahnt weitere Klärung an, Krankenkassen enttäuscht
5. Juli 2018
Berlin – Für mehr Sicherheit bei der Therapie von Patienten, die mehrere Arzneimittel gleichzeitig einnehmen, will die Barmer sorgen. Das hat deren Vorstandsvorsitzender Christoph Straub heute
Barmer will Arzneimitteltherapie sicherer machen
3. Juli 2018
Frankfurt am Main – Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen hat die gemeinsame Prüfvereinbarung mit den hessischen Krankenkassen gekündigt. Die Kündigung wird zum Jahresende wirksam. „Nicht
KV Hessen kündigt Prüfvereinbarung mit den Krankenkassen
3. Juli 2018
Berlin – Fristgerecht zum 30. Juni 2018 hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) eine einheitliche Schnittstelle für den Wechsel der Arzneimittelverordnungssoftware definiert und in das
Praxis-EDV: Schnittstelle für Verordnungssoftware erleichtert Wechsel
19. Juni 2018
Weimar – Die Projektpartner der „Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen“ (ARMIN) haben eine positive Zwischenbilanz des Modellvorhabens gezogen. „Innovativ, sektorenübergreifend und wirkungsstark:

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Anzeige

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER