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Politik

Techniker Krankenkasse von Innovationskraft neuer Arzneimitteln nicht überzeugt

Mittwoch, 20. September 2017

/photocrew, stock.adobe.com

Berlin – Die Arzneimittelpreise steigen, aber die Innovationskraft bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Innovations­report 2017 eine ernüchternde Bilanz der frühen Nutzenbewertung im Rahmen des Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetzes (AMNOG) gezogen. Für den heute in Berlin vorgestellten Bericht wurden 32 neu eingeführte Wirkstoffe und Wirkstoffkombina­tionen aus dem Jahr 2014 untersucht.

Diese „Spätbewertung“, wie es Arzneimittelexperte Gerd Glaeske von der Uni Bremen und Mitautor des TK-Reportes formulierte, habe gezeigt, dass erstmals seit sieben Jahren keine „grüne“ Ampel in dem Bewertungsschema für einen Wirkstoff gegeben werden konnte. 15 der 32 bewerteten Medikamente wurden gar mit „rot“ bewertet, und waren so teurer wie die zweckmäßige Vergleichstherapie, so die TK.

Ausgaben deutlich gestiegen

„Auch wenn es in einigen Bereichen Fortschritte gab, zeigt uns die Gesamtbewertung, dass die Industrie zu sehr darauf bedacht ist, hohe Preise einzufordern, statt wirklich innovative Arzneimittel zu entwickeln“, erklärte Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK vor Journalisten in Berlin. Allein bei seiner Kasse seien die Ausgaben für neue Arzneimittel im ersten Jahr nach der Markteinführung von 54 Millionen auf 250 Millionen Euro gestiegen. In diesem ersten Jahr dürfen Pharmaunternehmen den Preis bestimmen, erst danach wird zwischen Kassen und Unternehmen im Rahmen des AMNOG-Verfahrens über einen Preis verhandelt.

Kritisch bewerte Glaeske in diesem Zusammenhang auch die Entwicklungen bei den Orphan-Arzneimitteln. Zwar sei es sehr erfreulich, wenn für Patienten mit seltenen Erkrankungen neue Therapieoptionen zur Verfügung stünden. „Es muss jedoch auch betont werden, dass im Rahmen des AMNOG-Verfahrens die Bewertung von Orphan-Arzneimitteln noch nicht ausreichend geregelt ist“, so Glaeske. So werden prinzipiell davon ausgegangen, dass ein Orphan einen höheren Zusatznutzen als die herkömm­liche Vergleichstherapie habe. Nach den Ergebnissen des TK-Innovationsreportes sei dies allerdings bei vier von zwölf Wirkstoffen nicht erkennbar.

Spätbewertung von Arzneimitteln gefordert

Auch Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft und Mitautor des TK-Reports, plädierte für eine kritische Betrachtung des Orphan-Marktes. Diese seien „zu einem äußert lukrativen Geschäftsmodell für pharmazeutische Unternehmer geworden, wofür in erster Linie finanzielle Anreize verantwortlich sind“, sagte Ludwig. So würden gerade in der Onkologie immer häufiger Orphan-Arzneimittel eingesetzt, obwohl Krebserkrankungen nicht selten seien, erklärte er weiter. Die Forschung auf den Therapiegebieten, in denen hohe Preise verlangt werden könnten, nähmen zu, dagegen bräuchte es aber mehr Forschung bei Antibiotika, so Glaeske.

Beide Arzneimittel-Experten argumentierten vor allem mit dem Patientenschutz. Nach deren Aussage seien die Risiken sowie Nebenwirkungen in den Studien mit kleinen Patientenzahlen deutlich unterbewertet, die Wirksamkeit dagegen deutlich über­bewertet. Daher sollte der Gesetzgeber die „Nachverfolgung im Markt ernst nehmen“, so Glaeske, und er forderte vom Gesetzgeber, über eine „Spätbewertung“ von Arznei­mitteln nachzudenken. Dafür benötige es auch mehr Forschung in Deutschland. „Wir haben nicht genügend Forschungsmöglichkeiten, den Markt besser zu beobachten“, so der Experte der Uni Bremen.

Die Krankenkasse bezeichnete es als „nach wie vor erstaunlich und irritierend“, dass trotz des geringen therapeutischen Fortschrittes und negativer Bewertungen einige Arzneimittel Eingang in bestehende Leitlinien gefunden haben, dazu gehören Cabozantinib, Cobicistat, Nalmefen und Obinutuzumab.

Vertreter der Pharmaindustrie kritisierten heute den TK-Report. Dieser konzentriere sich zu sehr auf die Kostenfaktoren und ignoriere den Nutzen neuer Arzneimittel, kritisierte der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa). Haupt­geschäfts­führerin Birgit Fischer erklärte in einer Mitteilung, es gebe über mehrere Jahre hinweg gesehen „sehr relevante Therapiefortschritte, die für Patienten längeres Überleben und oft eine Rückkehr in ihren gewohnten Alltag bedeuten“.

Kritik aus der Industrie

Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) kritisiert den „verzerrten Blick der TK“ auf die Arzneimittelpolitik und die Kosten, die neue Therapieoptionen ausmachen. „Bei allem gebotenen wirtschaftlichen Verhalten gelten in der Versorgung von Patienten auch für die Krankenkassen Regeln: Die Ärzte entscheiden über die notwendige Therapie zuallererst nach dem Wohl des Patienten“, sagte der stellver­tretende Hauptgeschäftsführer Norbert Gerbsch in einer Mitteilung.

Der Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) wies darauf hin, dass neue Arzneimittel einem strengen Prozess unterliegen, um ihr vorteilhaftes Nutzen-Risiko-Verhältnis zu beweisen. Zusätzliche Bewertungen mit fragwürdiger Methodik, die den Nutzen und die Kosten von Arzneimitteln nur ausschnitthaft zeigen, könnten kein Maßstab sein, sagte Hermann Kortland, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BAH. © bee/aerzteblatt.de

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