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Medizin

Immuntherapie: Vom Neuling zum Standard in wenigen Jahren

Mittwoch, 20. September 2017

Antikoerper Immuntherapie Tatiana Shepeleva adobe.stock.com
Als Antikörper wirken Checkpoint-Inhibitoren nicht gegen Krebszellen direkt. Sie greifen in die Steuerung der Immunantwort gegen Tumore ein. /Tatiana Shepeleva, adobe.stock.com

Mainz – Die Immuntherapie gegen Krebs zählt mittlerweile nicht mehr zu den experi­mentellen Behandlungen. Beim malignen Melanom sei sie bereits eine der Standard­therapien und der Chemotherapie von den Effekten und der Verträglichkeit her weit überlegen, sagt Stephan Grabbe, Kongresspräsident des Deutschen Hautkrebs­kongresses, der morgen in Mainz beginnt. Er hält die Immuntherapie für einen der „Megatrends“ in der Onkologie.

2011 wurde das erste Immuntherapeutikum zugelassen, 2015 folgten zwei weitere. Seit 2016 werden sie auch kombiniert.

Auch bei Lungenkrebs und anderen Hautkrebsarten sei die Forschung vielversprechend, etwa bei hellem Hautkrebs und dem Merkelzellkarzinom, ergänzt der Direktor der Hautklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Beim malignen Melanom ist der Erfolg der Immuntherapie aber besonders groß. Die Ursache dafür erklärt Jochen Utikal, Leiter der klinischen Kooperationseinheit Dermato-Onkologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und an der Universitäts­medizin Mannheim: „Das Melanom ist die Tumorart mit den meisten Mutationen in den Tumorzellen.“ Das Immunsystem erkennt einen Tumor mit vielen Mutationen besser als einen mit wenigen.

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Im Vergleich zu Zytostatika konnten Immuntherapien mit Checkpoint-Inhibitoren (Beispiel: Nivolumab oder Pembrolizumabdas) das mediane Überleben erhöhen, wie bereits auf dem American Society of Clinical Oncology (ASCO) berichtet wurde.

Klinische Onkologie: Wie sich ein „kalter“ Tumor „heiß“ machen lässt

Zielgerichtete Substanzen und Immuntherapien sind wichtige Tragpfeiler der Krebsmedizin geworden. Ein Ziel ist es, immunologisch „kalte“ Tumoren mit unterschiedlichsten Substanzen in einen inflammatorischen, „heißen“ Zustand zu überführen, der mit einer besseren Prognose assoziiert ist. Die American Society of Clinical Oncology (ASCO) hatte bei ihrer Jahrestagung im Juni in Chicago eine deutliche

Checkpoint-Inhibitoren gehören zu den Immuntherapien, die bisher am weitesten entwickelt wurden. Ihre Wirkung basiert darauf, dass T-Zellen Tumore gewöhnlich nur kurzzeitig angreifen, bevor sie von einem immunhemmenden Signalweg ausgebremst werden. Diese Checkpoints sollen eigentlich eine überbordende Immunreaktion verhindern, kommen aber auch den Tumoren zugute (Immune-escape-Mechanismen). Checkpoint-Inhibitoren blockieren diese Brems- und Kontrollproteine auf den T-Zellen und verhindern die Immunsuppression.

Immuntherapie wirkt noch nicht bei jedem Patienten

Trotz des Fortschritts mittels Immuntherapien spricht ein erheblicher Teil der Krebs­patienten auf die Infusion mit den Antikörpern nicht oder nicht dauerhaft an. „Eine langfristige Tumorkontrolle kann bei etwa der Hälfte der Patienten erreicht werden“, sagt Grabbe. Und das Verfahren ist keineswegs frei von Risiken. Denn ist die körpereigene Abwehr entfesselt, kann sie sich auch gegen gesundes Gewebe und Organe richten. „Das ist momentan ein großes Problem bei der Immuntherapie“, meint Grabbe. Ziel müsse es nun sein, nur noch den Teil des Immunsystems zu stimulieren, der den Tumor erkenne.

Mainzer Wissenschaftler untersuchen derzeit die personalisierte Immuntherapie. Hierbei wird für jeden Patienten ein individuelles Mittel hergestellt, das auf die jeweiligen Mutationen im Erbgut des Tumors passt. Der Arbeitsgruppe von Ugur Sahin ist es gelungen, den Impfstoff-Herstellungsprozess so zu automatisieren, dass hierfür im Durchschnitt weniger als drei Monate benötigt werden. Bei 13 Patienten konnten sie  ermutigende erste Ergebnisse präsentieren, die in Nature publiziert wurden. Alles deutet darauf hin, dass der Impfstoff die gewünschte Wirkung haben könnte und Nebenwirkungen einer Immuntherapie ausbleiben. Zuvor sei lediglich auf bestimmte, bereits bekannte Marker gesetzt worden, erklärt Grabbe.

Wirksamkeit der Immuntherapie verbessern

Ein weiteres Problem in der Entwicklung von Krebs-Impfstoffen war bisher die geringe Wirksamkeit der Impfstoffe, die oft nur unzureichend in der Lage waren, schützende Immunantworten gegen die Krebszellen des Patienten zu erzeugen. Auch hier haben die Mainzer Forscher einen Lösungsansatz entwickelt. Es hat sich herausgestellt, dass Impfstoffe besser wirken, wenn sie nach der Injektion verpackt in Nanopartikel (Lipoplexen) von dendritischen Zellen aufgenommen werden. Das zeigt eine in Nature publizierte Pilotstudie. Die Wirksamkeit dieser Therapie wird aktuell in einer klinischen Studie bei Patienten mit fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs an der Hautklinik der Mainzer Universitätsmedizin getestet. © gie/aerzteblatt.de

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