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Erbliche Netzhauterkrankung: Erste Gentherapie am Auge vor der Zulassung

Donnerstag, 21. September 2017

Auge Retina /Axel Kock, stock.adobe.com
/Axel Kock, stock.adobe.com

Berlin – In den USA ist kürzlich erstmals eine Gentherapie gegen Krebs zugelassen worden. Ein baldiger Start der ersten Gentherapie am Auge könnte schon im März 2018 folgen. Einen Antrag hat der Hersteller bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA bereits gestellt. In Deutschland rechnen Experten der Deutschen Ophthalmolo­gischen Gesellschaft (DOG) frühestens im Herbst 2018 mit einer Zulassung, teilt die Fachgesellschaft heute im Vorfeld ihres 115. Kongresses in Berlin mit.

Es geht dabei um eine Gentherapie für eine von mehr als 250 bekannten genetischen Sehstörungen, für die man bis vor Kurzem noch keine Therapiemöglichkeit hatte. In Deutschland leiden an dieser speziellen Netzhauterkrankung etwa 150 bis 200 Menschen. Dabei führt eine Mutation im Gen RPE65 zu einer allmählichen Zerstörung der Sinneszellen in der Netzhaut. Das Gen kodiert für ein Enzym zur Reaktivierung des Sehpigments nach Bleichung. Allein 25 kindliche und jugendliche Patienten werden von Birgit Lorenz an der Justus-Liebig-Universität Gießen betreut.

Die Expertin hofft jetzt auf die baldige Zulassung einer Gentherapie, die in den vergan­genen zehn Jahren international an 137 Patienten erprobt worden ist. Bei der Behand­lung werden intakte Versionen des RPE65-Gens in Adeno-assoziierte-Virenhüllen verpackt und unter die Netzhaut injiziert. „Die Virenhüllen dienen als Genfähren“, erläu­tert Birgit Lorenz, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Gießen. „Nach der Infektion werden sie im Zellinneren abgeladen. Dort stehen sie dann zur Produktion des fehlenden Enzyms zur Verfügung.“ Die Ope­ration sei sehr difizil, dauere aber nur bis zu einer Stunde.

Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. „Die Behandlung hat sich in allen publizierten Studien als sicher erwiesen“, berichtet die DOG-Expertin, operations­bedingte Komplikationen seien sehr selten aufgetreten. Eine einmalige Injektion reicht vermutlich aus, um die Proteinfunktion lebenslang wiederherzustellen.

Patienten sehen besser bei schlechten Lichtverhältnissen

Zwar kann die Therapie bereits abgestorbene Sinneszellen nicht wiederbeleben. Sie kann jedoch das weitere Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. „In den Studien kam es vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen zu einer Verbesserung des Sehens“, erklärt Lorenz. Die Sehschärfe insgesamt konnte nicht verbessert werden. Bei einigen Patienten komme es jedoch zu einer Vergrößerung des Gesichtsfeldes.

In den USA hat der Hersteller bereits die Zulassung bei der dortigen Behörde FDA beantragt. „Parallel dazu wird der Antrag bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA vorbereitet“, sagt Lorenz. Damit steht die Entwicklung von Gentherapien für angeborene Augenkrankheiten, die vor zehn Jahren begonnen wurde und mittlerweile auch in Deutschland vorangetrieben wird, vor einem ersten Erfolg. Der Preis für das Medikament ist noch nicht bekannt, könnte sich aber zwischen 250.000 und 500.000 Euro bewegen, vermutet Lorenz.

Weitere Einsatzgebiete der Gentherapie: Chorioideremie und Farben­blindheit
Eine weitere Gentherapie wird derzeit bei der Chorioideremie erprobt. Ursache sind Mutationen im CHM-Gen auf dem X-Chromosom. Die betroffenen Patienten, alle männlich, leiden an einer angeborenen Nachtblindheit und einer Gesichtsfeld­einschränkung, die von außen nach innen fortschreitet. „Die Gentherapie zielt darauf ab, die Makula zu erhalten“, erklärt Lorenz.

Die Makula ist im Zentrum der Netzhaut der Ort des schärfsten Sehens. Ohne sie können Patienten keine Details erkennen und nicht lesen. Bisher wurden 44 Patienten jeweils an einem Auge behandelt, darunter sechs in Tübingen. „Die ersten Lang­zeitergebnisse sind günstig“, fügt die Gießener Ophthalmologin hinzu. Nach dreieinhalb Jahren hat sich bei zwei von sechs in Oxford behandelten Patienten das Sehvermögen verbessert, während die Erkrankung im unbehandelten Auge weiter fortschritt.

Darüber hinaus blicken Experten mit Spannung auf den Verlauf einer Gentherapie zur Farbenblindheit. Seit 2015 werden in Tübingen, München und New York Patienten behandelt, bei denen es aufgrund von Mutationen im Gen CNGA3 zum Ausfall der Zapfen kommt, die in der Netzhaut für das Farbensehen zuständig sind. Die Folge ist Achromatopsie, eine extreme Farbenblindheit.

„Da die Stäbchen für das Schwarzweiß­sehen im Hellen nicht funktionieren, sind die Patienten bei Tag quasi blind, wenn sie nicht die Augen zukneifen, um möglichst wenig Licht in die Augen fallen zu lassen“, beschreibt Lorenz das Krankheitsbild. Auch hier könnte eine Gentherapie helfen, die Zapfen wieder funktionstüchtig zu machen. Die ersten Ergebnisse der Studie, die in Deutschland initiiert wurde, werden für das Frühjahr 2018 erwartet.

In Gießen wird derzeit an einer grundsätzlichen Verbesserung der Gentherapie gearbeitet. „Statt mit Genfähren zusätzliche DNA in die Zellen zu schleusen, sollen moderne Genom-Editoren die mutierten Gene gleich vor Ort reparieren“, erklärt Lorenz. Ob dies auch in vivo gelingt, lässt sich derzeit nicht absehen. Die Experimente befin­den sich noch im Laborstadium. © gie/EB/aerzteblatt.de

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