Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Wenig Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin

Freitag, 22. September 2017

stock.adobe.com

Köln – Nach den Qualitätskriterien einer evidenzbasierten Medizin gibt es nur eine sehr eingeschränkte Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin. Es besteht eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrneh­mung der Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabisprodukten und den bisherigen Studienergebnissen. Zu dieser Einschätzung kommen Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken und Koautoren nach Sichtung der Studienlage in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 627–34).  

Cannabinoide ist ein Sammelbegriff für Substanzen aus dem Harz der Hanfpflanze. Mit Inkrafttreten des Gesetzes zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ vom 10. März 2017 dürfen Ärzte Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen und bei fehlenden Therapiealternativen Cannabinoide zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnen – als getrocknete Blüten (sogenannter Medizinalhanf oder medizinisches Cannabis), standardisierte Extrakte (Rezeptur­arzneimittel Dronabinol, Fertigarzneimittel THC/CBD-Spray) oder synthetisch hergestellte Cannabisanaloga (Fertigarzneimittel Nabilon).

Auf der Grundlage systematischer Übersichten von randomisierten kontrollierten Studien und Langzeitbeobachtungsstudien scheint der Nutzen von Cannabisprodukten allerdings sehr beschränkt. Einzig für den Einsatz von Tetrahydrocannabinol/Canna­bidiol-Spray (THC/CBD-Spray) fanden sich Hinweise auf eine eingeschränkte Wirksamkeit bei neuropathischen Schmerzen, betonen die Autoren. Es gebe keine ausreichende Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabisprodukten bei Tumorschmerzen, rheumatischen und gastrointestinalen Schmerzen oder bei Appetitlosigkeit bei Krebs und Aids.  Die Datenlage zeige keinen eindeutigen Nutzen gegenüber Placebo. Zudem seien bei der Verwendung von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin relevante zentralnervöse und psychiatrische Nebenwirkungen möglich.

Die Autoren kritisieren, dass bei der Zulassung der Verschreibungsfähigkeit von Cannabinoiden in Deutschland die Standards der Europäischen Arzneimittel-Agentur für die Zulassung von Arzneimitteln in der Schmerzmedizin (mindestens 2 ausreichend große kontrollierte Studien mit einer Dauer von mindestens 12 Wochen) nicht berücksichtigt worden seien. Mit wenigen Ausnahmen sei deshalb der Einsatz von Cannabisprodukten als individueller Heilversuch anzusehen.

Cannabinoide sollten nicht als isoliertes Therapieverfahren, sondern nur in Kombination mit physiotherapeutischen und schmerzpsychotherapeutischen Verfahren eingesetzt werden. Die Autoren verweisen auf die im Gesetz vom 10. März vorgeschriebene Begleitforschung, von der sie sich weitere evidenzbasierte Aussagen zur Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabinoiden bei spezifischen Indikationen erhoffen. 

© tg/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Allgäu Wanderer
am Montag, 9. Oktober 2017, 17:44

Einseitige social media Berichterstattung - Ausnahme Video Visite Dr. Weigl

Hallo DÄ,
seit Monaten verfolge ich die Debatte über Cannabis. Ich finde sehr gut Ihre kritische Auseinandersetzung über Nutzen und Wirksamkeit. V.a. aber auch dass nicht jeder Arzt es gleich verschreibt - was wiederum so viele Patienten hoffen. Einen sehr guten Beitrag dazu habe ich bei Youtube gefunden auf dem Kanal Video-Visite: https://youtu.be/r0_StKu-fCk
Als einer der ganz wenigen wie ich finde geht Dr. Weigl kritisch und ausgewogen an das Thema ran - ganz wenige meine ich im Vergleich zu all den vielen anderen Beiträgen auf Youtube. Eine solche "patientenfreundliche" Kommunikation benötigt man. Es ist wichtig, dass nicht nur wir Ärzte und unsere "peer Group" sich mit den Themen auseinandersetzt sondern auch dass diese in die Medien und damit schließlich an den Patienten richtig transportiert wird - und nicht durch einseitige Berichterstattung bestimmt wird. Daher brauchen wir mehr solche Beiträge wie das Video von Dr. Weigl.

Mit herzlichen Grüßen
GH

Nachrichten zum Thema

15.12.17
Neuer Begutachtungs­leitfaden zur multimodalen Schmerztherapie
Berlin – Der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD) und der Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung haben den......
15.12.17
Dänemark startet Versuch mit medizinischem Cannabis
Kopenhagen – Patienten können ab dem kommenden Jahr auch in Dänemark medizinisches Cannabis auf Rezept bekommen. Das Parlament in Kopenhagen stimmte heute einem entsprechenden vierjährigen Versuch......
11.12.17
Diskussion um Lancetstudie zu Schulteroperationen entbrannt
Berlin – Fach- und Berufsverbände aus Orthopädie, Unfallchirurgie und Chirurgie haben davor gewarnt, Studienergebnisse zu Schulteroperationen, die jüngst im Lancet publiziert wurden (doi......
01.12.17
Symptomkontrolle bei Sterbenden ab sofort verordnungsfähig
Berlin – Um die pflegerische Versorgung sterbender Menschen in ihrer häuslichen Umgebung zu verbessern, dürfen Vertragsärzte für Palliativpatienten jetzt Symptomkontrollen verordnen. Darauf hat die......
01.12.17
Interesse an Cannabis als Schmerzmittel flaut ab
Weimar – Nach der zunächst großen Nachfrage nach Cannabis als Medikament verzeichnen Schmerzmediziner inzwischen weniger Patientenanfragen. „Das hat sich wieder relativiert“, sagte der......
28.11.17
Wenig Evidenz für medizinisches Cannabis, vielfältige Risiken beim Freizeitkonsum ­
Berlin – Welche Evidenz gibt es für den Nutzen von Cannabinoiden zum medizinischen Gebrauch? Welche Risiken hat Cannabis als Freizeitkonsum? Die heute vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) offiziell......
21.11.17
Subakromiale Dekompression: Operation bei Schulterschmerzen oft ohne Nutzen
Oxford – Wer dauerhaft Schulterschmerzen aufgrund eines subakriomialen Schulterschmerz-Syndroms hat, kommt in vielen Fällen unnötigerweise unters Messer. Zu diesem Ergebnis kommt eine erste......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige