NewsÄrzteschaftVersorgungs­strukturen müssen an die Realität angepasst werden
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Versorgungs­strukturen müssen an die Realität angepasst werden

Freitag, 22. September 2017

/dpa

Berlin – Die Versorgungsstrukturen in Deutschland müssen an die Versorgungsrealität angepasst werden. Darauf hat heute der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung (VV) hinge­wiesen. Ein wichtiger Aspekt, den es dabei zu berücksichtigen gelte, sei die rasant fortschreitende Ambulantisierung der Medizin.

„Wir brauchen und wollen aber keinen einfachen Heckenschnitt. Wir wollen die strukturierte Umwandlung defizitärer Klinken oder Klinikabteilungen in ambulante Einrichtungen“, betonte Gassen. Nebenbei habe die Umwandlung von Klinikstrukturen einen „hochwillkommenen Nebeneffekt“. Denn für die verbleibenden Kliniken müssten Qualitätsstandards gelten, die dann automatisch die Frage beantworten, welche Klinik am Netz bleibe und welche nicht.

Der KBV-Chef sieht zudem wirtschaftliche Vorteile, denn die „übergroße – international einzigartige – Zahl von Betten“ verschlinge „Unsummen“ und stelle „keine Versorgungsverbesserung dar“. „In leeren Betten wird nämlich weder geheilt noch behandelt“, sagte Gassen, der darauf verwies, dass diese Struktur dennoch „extreme Kosten“ verursacht. Zahlen des IGES-Instituts zufolge machten die fehlallozierten Finanzmittel mehrere Milliarden Euro jährlich aus.

Anzeige

Entlastung erhofft sich Gassen von einer neuen Struktur der Notfallversorgung. „Die wichtigste Aufgabe ist hier, die Notfallpatienten – ob echt oder gefühlt – in die angemessene Versorgungsebene zu führen“, erklärte er. Dabei sei es der KBV bei dem Thema gelungen, „wieder die Meinungshoheit zurückzuerlangen“.

Dem Vorstoß des Verbands der Krankenhausdirektoren, der Sicherstellungsauftrag für die ambulante Notfallversorgung solle auf die Krankenhäuser übergehen, erteilte er eine klare Absage. „Mit welchem Personal, bitteschön, wollen die Kliniken das denn stemmen?“, fragte Gassen. Die Debatte zur neuen Struktur der Notfallversorgung mit dem Marburger Bund bezeichnete der KBV-Chef als „enorm kollegiale, fruchtbare, offene und lösungsorientierte Diskussion, die das Thema medizinisch angegangen hat“.

Sachverständigenrat fand Ideen ansprechend

Erfreut zeigte sich der KBV-Chef, dass der Sachverständigenrat Gesundheit die Ansätze der KBV positiv aufgenommen hat. Deren Überlegungen zur Notfallversorgung im 2018er-Gutachten, die sie in der vergangenen Woche vorab präsentierten, greife vieles davon auf, so der KBV-Chef. Wichtigste Punkte seien eine einheitliche Plattform als erste Anlaufstelle, eine konsequente Triage mit Überleitung der Patienten in die angemessene Versorgungsebene sowie eine deutliche Reduktion von Notfallambulan­zen an den Kliniken. „Wobei Letzteres selbstverständlich nicht die Schließung von Rettungsstellen bedeutet. Dieses Missverständnis kann man gar nicht oft genug aus dem Weg räumen“, betonte Gassen.

Als „frustrierend“ bezeichnete Gassen heute erneut die Ergebnisse der mit dem GKV-Spitzenverband (GKV-SV) geführten Honorarverhandlungen für 2018. Mit welcher „Ignoranz und Verweigerungshaltung“ die Kassen in die Verhandlungen gegangen seien, habe er in dieser Form noch nicht erlebt. Besonders verärgert zeigte er sich darüber, dass selbst punktsummenneutrale Änderungen, wie die bloßen administra­tiven Vorschläge zur Chronikerpauschale, ohne jede Diskussion abgebügelt worden seien. „An Strukturverbesserungen war man ohnehin nicht interessiert – ausgerechnet der GKV-Spitzenverband, der immer auf Strukturverbesserungen drängt. Ist das eine gelebte Vertragspartnerschaft, die letztlich die Verbesserung der Versorgung der Versicherten zum Ziel hat?“, fragte Gassen.

Er bezeichnete die Entwicklung als „nicht nur unklug, sondern auch politisch gefähr­lich“. Schließlich seien KBV und GKV-Spitzenverband eine Art besonderer Schicksals­gemeinschaft, der der Gesetzgeber aufgetragen hat, Versorgung zu organisieren, sicherzustellen und angemessen zu finanzieren. „Das ist schwierig, aber eine wichtige Aufgabe. Diese kann man gemeinsam lösen, dies setzt jedoch nicht nur Lösungswillen voraus, sondern auch gegenseitigen Respekt“, sagte Gassen.

Eine Orientierungspunktwertsteigerung, die sich bei 1,18 Prozent bewege, müsse man seiner Ansicht nach „schon fast als Nullrunde“ bezeichnen. „Da müssen wir unsere politische Forderung nach kassenartenspezifischen Gesamtverträgen, die wir in KBV 2020 formulieren, noch viel vehementer in den politischen Raum tragen“, mahnte Gassen. Versorgung könne man unter solchen Bedingungen nicht zukunftssicher gestalten und es stelle sich die Frage, ob der GKV-SV an Versorgung überhaupt interessiert sei.

Er forderte die Kassenseite auf, die Vertragspartnerschaft „auch als solche zu leben“. „Lassen Sie uns in der Sache hart um richtige Lösungen ringen und trotzdem lieb­gewonnene Feindbilder ablegen! Unsere Patienten und Ihre Versicherten haben hierauf ein Anrecht“, betonte der KBV-Chef.

Hoffnung auf Überarbeitung des Heilpraktikergesetzes

Für die Zeit nach der Wahl erhofft er sich unter anderem eine Überarbeitung des Heilpraktikergesetzes. Gassen nannte es „einfach absurd“, welcher Wildwuchs nonchalant toleriert werde, der „nicht selten eine reale Patientengefährdung darstellt“. „Für uns Vertragsärzte gelten höchste Qualitätsstandards und eine kontinuierliche Fortbildungsverpflichtung – und ein Heilpraktiker kann seine Heilstätte aufmachen, wo er will, und auch noch die Preise selbst bestimmen?“, fragte Gassen.

In Bezug auf seine Aussage zur Homöopathie nach der VV im Mai traf er noch eine Klarstellung. „Ich habe nichts gegen eine ärztliche Komplementärbehandlung dieser Art“, erklärte Gassen. Dennoch spreche er sich gegen die Erstattung solcher Angebote durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung aus. „Jedes neue Medikament muss einen aufwendigen Prozess im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss durchlaufen, ehe es von uns verordnet werden kann – und selbst dann können wir finanziell haftbar gemacht werden“, führte Gassen aus. Aber für die neuesten Kügelchen, für die keine standardisierte Nutzenbewertung gelte, blättere manche Kasse „Hunderte von Euros hin“. Das sei – solange in Deutschland 15 bis 20 Prozent der erbrachten ärztlichen Leistungen nicht bezahlt werden – nicht akzeptabel, so Gassen.

Er kündigte zudem an, dass sich Hausärzte und Fachärzte im KV-System jeweils auf eine Formulierung ihres Versorgungsauftrags geeinigt haben. Im Konsens und einstimmig, wie Gassen betonte. Es zeige sich, wie gut der neue KBV-Vorstand zusammenarbeite. „Zusammen mit Dr. Hofmeister wird es uns gelingen, die alten Gräben zwischen Haus- und Fachärzten endlich zu überwinden“, so Gassen. Die gemeinsamen Änderungsvorschläge für die Anlage 5 des Bundesmantelvertrages sollen nun in die Verhandlungen mit den Krankenkassen einfließen. „Wir hätten damit zum ersten Mal eine Legaldefinition des hausärztlichen und fachärztlichen Versor­gungsauftrages“, erläuterte Gassen. © may/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

7. Mai 2018
Erfurt – „Zechprellerei“ von knapp drei Milliarden Euro allein im vergangenen Jahr hat der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, den Krankenkassen in
Kassenmilliarden nicht für Beitragssenkungen, sondern für Versorgung einsetzen
7. Mai 2018
Erfurt – Der Gesetzgeber plant die Sprechstundenzeiten für Praxen von Ärzten und Psychotherapeuten um 25 Prozent anzuheben. Die Haltung der Politik stößt bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
KBV wehrt sich gegen politisch verordnete Ausweitung der Sprechstundenzeit
7. Mai 2018
Erfurt – Die Einführung der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) in den Praxen geht nur langsam voran. „Ich kann Ihnen berichten, dass sich bisher circa 15.000 Praxen an die TI angeschlossen haben. Das sind
Einführung der Tele­ma­tik­infra­struk­tur hakt weiterhin
2. März 2018
Berlin – Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat die Budgetierung im ambulanten Bereich angeprangert. Das Grundproblem der ambulanten Versorgung bleibe im
KBV-Chef fordert Entbudgetierung im ambulanten Bereich
2. März 2018
Berlin – Um die Fehlinanspruchnahme der Notfallambulanzen der Krankenhäuser zu vermeiden, soll die bundeseinheitliche Rufnummer 116117 ausgebaut werden. Das hat bei der heutigen Ver­tre­ter­ver­samm­lung
KBV-Vize will Ausbau der bundeseinheitlichen Rufnummer 116117
2. März 2018
Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) werde nicht tatenlos zusehen, wenn die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten mit Sanktionen bewehrt würden für Dinge, auf die sie keinen
KBV will bei der Tele­ma­tik­infra­struk­tur nachverhandeln
12. Januar 2018
Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) will 2018 das Gesundheitssystem aktiv weiterentwickeln. Dabei liegt der Fokus vor allem auf der fortschreitenden Ambulantisierung, der Reform des
VG Wort
NEWSLETTER