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Medizin

Urologische Infektionen: Enterococcus faecalis nimmt ab, ESBL-Resistenzen nehmen zu

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Filamentöses Bakterien (gelb) aus dem Urin einer Frau mit Blasenentzündung in einer elektronenmikroskopischen Aufnahme. /dpa
Filamentöses Bakterien (gelb) aus dem Urin einer Frau mit Blasenentzündung in einer elektronenmikroskopischen Aufnahme von Hultgren et al (PloS Medicine). /dpa

Bad Homburg – Der dominante Keim bei einer Zystitis ist nach wie vor E. coli. Hingegen gab es einen deutlichen Rückgang der Infektionen mit Enterococcus faecalis. Gleichzeitig stiegen die ESBL-Resistenzen an. Zu diesem Ergebnis kommt eine retrospektive Analyse, die Forscher um Jon Jones und Sebastian Nestler bei sämtlichen positiven Urinkulturen zwischen 2011 und 2015 an der Hochtaunusklinik Bad Homburg durchgeführt haben. Die Ergebnisse wurden beim 69. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Dresden präsentiert und sollen demnächst in Gänze publiziert werden.

Von 1.905 positiven Urinproben stammten 1.659 von Zystitis-Patienten und 171 von Pyelonephritis-Patienten. Bei der Blasenentzündung konnten die Urologen zu 45 Prozent E. coli-Bakterien nachweisen. Der Vergleich zwischen 2011 und 2015 zeigt, dass dieses Keimspektrum stabil geblieben ist. Anders sieht es aus bei Infektionen mit Enterococcus faecalis. Während 2011 noch 46 Prozent auf dieses grampositive Bakterium zurückgeführt werden konnte, waren es 2015 nur noch 17 Prozent.

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Bei der Pyelonephritis blieb das Keimspektrum stabil; sowohl für E. coli als auch für Enterococcus faecalis lag es bei 65 beziehungsweise 30 Prozent. Bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen zeigte sich E.coli ebenso dominant mit 63 Prozent, gefolgt von Klebsiella pneumoniae (6 Prozent), Enterococcus faecalis (6 Prozent) und Proteus mirabilis (4 Prozent).

Sorgen bereitet den Forschern die beachtliche Zunahme der Extended-Spectrum-Betalaktamasen (ESBL) Resistenzen: Bakterien, die ein erweitertes Spektrum Betalaktam-haltiger Antibiotika spalten können, nahmen zu. Zwischen 2011 und 2015 musste das Hochtaunusklinik sieben statt null Prozent zu diesen ESBL resistenten Bakterien zählen. Auch bei der Nierenbeckenentzündung war ein vergleichbarer Anstieg von null auf sechs Prozent zu verzeichnen.

Daher sehen wir für unser Kollektiv und die Region des Hochtaunus die Fluorchinolone weiterhin als orale kalkulierte Antibiose der ersten Wahl bei komplizierter Blasenentzündung und Nierenbeckenentzündung. Jon Jones, Chefarzt der Klinik für Urologie, Hochtaunusklinik Bad Homburg

Die Warnungen der AOK vor der Verordnung von Fluorchinolonen kann das Forscherteam zumindest für ihre Region und ihr Patienten-Kollektiv nicht ausnahmslos bestätigen.

AOK-Institut kritisiert Verordnungsraten von Fluorchinolonen

Berlin – Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone wurden im Jahr 2015 in Deutschland bezogen auf alle Antibiotikaverordnungen mit knapp 5,9 Millionen verordneten Arzneimittelpackungen am vierthäufigsten verordnet. Das berichtet das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO).

Zwar gelte beim unkomplizierten Harnwegsinfekt der Frau nach aktueller Datenlage die einmalige Gabe von Fosfomycin als Mittel der Wahl – aber nicht die Therapie einer Pyelonephritis, die gezielt und über einen deutlich längeren Zeitraum erfolgen sollte. „In unserer Untersuchung zeigte die orale Antibiose mit Fluorchinolonen, Ciprofloxacin und Levofloxacin bei Zystitis und Pyelonephritis die höchste Wirksamkeit von fast 80 Prozent“, sagt Jones dem Deutschen Ärzteblatt auf Anfrage. Sogar eine signifikante Zunahme der Sensibilität konnten die Forscher dokumentieren. „Daher sehen wir für unser Kollektiv und die Region des Hochtaunus die Fluorchinolone weiterhin als orale kalkulierte Antibiose der ersten Wahl bei komplizierter Blasenentzündung und Nierenbeckenentzündung.“

Vergleichbar wirksam zeigte sich Tazobactam, allerdings mit leicht sinkender Tendenz, sensibel bei 74 Prozent. Andere Penicilline wie auch Cephalosporin erreichten hingegen nur eine Wirksamkeit von 50 Prozent. Mit 95 Prozent die höchste Sensibilität zeigte sich bei Impenem – es sollte als Reserveantibiotikum dienen, empfehlen die Urologen vom Hochtaunusklinik Bad Homburg.

Größere Studien zeigen Parallelen zur regionalen Auswertung

Jedoch gehen die Forscher von signifikanten regionalen Unterschieden aus. „Die Datenlage zum Keimspektrum und der Resistenzlage von Antibiotika bei urologischen Erkrankungen ist noch nicht sehr umfassend“, sagt Jones. Mögliche Überschneidungen lassen sich aus einer deutschen Studie im Urologen aus dem 2010 mit 412 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren ableiten. „Bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen zeigte sich auch hier E.coli dominant mit 76,7 Prozent, gefolgt von Proteus mirabilis (4,7 Prozent), Klebsiella pneumoniae (2,5 Prozent) und Enterobacter species (1,3 Prozent)“, resümiert Jones.

Bei den Resistenzen verweist der Urologe auf die ARESC-Studie aus dem Jahr 2009 mit mehr als 4.000 Frauen mit unkomplizierter Harnwegsinfektion, die im International Journal of Antimicrobial Agents publiziert wurde. Am effektivesten waren damals Ciprofloxacin (sensibel in etwas über 90 Prozent der Fälle), Cefuroxim (91,3 Prozent sensibel), Nitrofurantoin (95,4 Prozent sensibel) und Fosfomycin (97,9 Prozent sensibel). „Das unteren Ende der Skala zierten hingegen Cotrimoxazol mit 74 Prozent Sensibilität und Ampicillin mit 59,2 Prozent Sensibilität“, berichtet Jones und zieht den Vergleich: „In unserer Untersuchung erhielten wir teils ähnliche Werte für Fluorchinolone, Ciprofloxacin und Levofloxacin und Nitrofurantoin.“

Deutliche Unterschiede ergaben sich am Hochtaunusklinik Bad Homburg bei der Resistenzlage von Ampicillin/Sulbactam und Cefuroxim mit relativ schlechter Sensibilität von nur 46 Prozent beziehungsweise 40 Prozent. „Allerdings wurden hierbei nicht zwischen komplizierter und unkomplizierter Harnwegsinfektion unterschieden“, erklärt Jones. Daten zu anderen urologischen Erkrankungen wie dem komplizierten Harnwegsinfekt oder der Pyelonephritis existieren seines Wissens außerhalb der Daten aus Bad Homburg bisher nicht.

© gie/aerzteblatt.de

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