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Ärzteschaft

Digitalisierung nur, wenn sie den Ärzten nutzt

Donnerstag, 5. Oktober 2017

/dpa

Berlin – Während der Start der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) näher rückt, über die künftig die medizinischen Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) laufen sollen, sind wichtige Fragen zum Mehrwert dieser Anwendungen im ärztlichen Arbeitsalltag weiterhin ungeklärt. Darauf wiesen Experten gestern auf dem „Diskussions­forum Digitalisierung“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin hin.

KBV-Vorstand Thomas Kriedel betonte, die KBV bekenne sich grundsätzlich zur Einführung der TI sowie zum Ausbau der medizinischen Anwendungen. Zu diesen zähle insbesondere die elektronische Patientenakte (ePA). Es gebe aber auch Forderungen, so müsse die Interoperabilität zwischen den beteiligten Akteuren gewährleistet sein, sagte er.

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Zudem dürfe die Digitalisierung nicht zu mehr Bürokratie in den Arztpraxen führen, sondern sie müsse mehr Zeit für die Arzt-Patienten-Kontakte ermöglichen. Außerdem müsse in der Praxissoftware dokumentiert werden, wenn der Patient bestimmte Daten auf der eGK oder künftig in der ePA sperre. Diese Möglichkeit soll er gemäß den Vorgaben des Gesetzgebers erhalten. Denn wenn es zum Streitfall komme, so Kriedel, sei es notwendig, belegen zu können, welche Daten der Arzt einsehen konnte und welche nicht.

Sorge vor Datenflut in den Arztpraxen

Kriedel forderte zudem, dass Fragen zum Nutzen der TI für den ärztlichen Arbeitsalltag vor dem bundesweiten Start der Tele­ma­tik­infra­struk­tur geklärt werden müssten, zum Beispiel Fragen nach der ärztlichen Haftung. „Ärzte wollen wissen, ob sie verpflichtet sind, die Daten zu nutzen, die ein Kollege in die elektronische Patientenakte hinein­geschrieben hat“, sagte der KBV-Vorstand. „Oder welche Daten sie auswerten müssen, wenn die auf der ePA gespeicherten Informationen 10 oder 15 Jahren zurückreichen.“

Hans-Jürgen Beckmann vom Ärztenetz „Medizin und Mehr“ in Bünde sprach sich dagegen aus, dass Patienten bestimmte Daten auf der ePA sperren dürfen. „Wenn sie einfach Informationen aus der Akte verschwinden lassen können, dann müssen die Ärzte doch wieder zum Telefon greifen, um sich bei ihren Kollegen über den Patienten rückzuversichern“, sagte er. So müssten Ärzte nicht nur die Daten auf der ePA aus­werten, sondern hinterher trotzdem noch mit den Kollegen telefonieren. Das führe nicht zu einer Arbeitsersparnis in den Praxen.

Beckmann zeigte sich davon überzeugt, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen nur erfolgreich sein werde, wenn die Ärzte sähen, dass die ePA ihnen bei ihrer Tagesarbeit Zeit sparen könne. Er berichtete von dem Versuch, in seinem Ärztenetz eine elektronische Patientenakte einzuführen. „Wir sind gehörig gescheitert“, so Beckmann. „Denn es ist schwer, die Kollegen zu motivieren.“ Und der Mehraufwand für die Ärzte sei „nicht so klein“. Auch bei der Einführung der Tele­ma­tik­infra­struk­tur habe er Sorge, dass die Ärzte in einer Datenflut versinken würden.

„Mit Geld allein können Sie die Telematik nicht umsetzen“

Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen mehr an Fahrt gewinnen könne, wenn zum Beispiel das Absenden eines elektronischen Arztbriefes höher vergütet werde als das Absenden eines Faxes. Beckmann berichtete daraufhin von einer Videosprechstunde, die in Bünde umgesetzt worden sei.

„Sie wird sehr gut vergütet“, sagte er. „Trotzdem waren die Kollegen zunächst nicht motiviert, sie anzubieten.“ Erst als den Netzärzten gezeigt worden sei, wieviel Zeit sie in ihrer Praxis durch die Videosprechstunde einsparen könnten, hätten sie sie genutzt. „Mit Geld allein“, so Beckmann, „können Sie die Telematik nicht umsetzen.“

TK und AOK arbeiten an eigenen elektronischen Gesundheitsakten

Auf dem Diskussionsforum stellten Vertreter der Techniker Krankenkasse und der AOK die elektronischen Gesundheitsakten vor, die die beiden Kassen, unabhängig voneinan­der, ihren Patienten in Kürze anbieten wollen. Die AOK, zum Beispiel, plant, in diesem Herbst ein Pilotprojekt mit 45 Ärzten, 8.000 Patienten und zwei Krankenhäusern zu starten. Zum Jahreswechsel sollen die Krankenhausträger Sana und Vivantes hinzu­kommen. 2019 will die AOK ihre Akte bundesweit anbieten.

Ziel sei es allerdings nicht, ein Parallelprojekt zur Tele­ma­tik­infra­struk­tur aufzubauen, sondern die Architektur der AOK-Gesundheitsakte so zu bauen, dass sie in den Vorga­ben der TI umgesetzt werden könne, sagte Projektleiter Christian Klose. Wenn die TI so weit sei, könne die AOK-Akte dann „in zwei bis vier Jahren“ überflüssig werden. Die AOK habe aber nicht auf die TI warten, sondern selbst mit einer Akte auf den Markt kommen wollen, „und sei es nur, um die Betreibergesellschaft der elektronischen Gesundheitskarte, die gematik, zu provozieren“.

BMG: „Die Digitalisierung nimmt jetzt endlich Fahrt auf“

Oliver Schenk vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium berichtete über den Sachstand zur Tele­ma­tik­infra­struk­tur. In der ersten Jahreshälfte sei erfolgreich das Zusammenspiel zwischen den technischen Komponenten anhand von einer Million Patientenkontakten nahezu fehlerfrei getestet worden, sagte er. Die ersten Praxen würden in diesem Quartal angeschlossen. „Bis Ende 2018 sollen möglichst alle anderen folgen“, erklärte Schenk. „Die Digitalisierung nimmt jetzt endlich Fahrt auf.“

Das Ziel müssten dabei hochwertige medizinische Anwendungen sein. Die Notfalldaten und der Medikationsplan seien nur der Anfang. „Unser Ziel ist eine einrichtungs­über­grei­fende elektronische Patientenakte“, betonte Schenk. Das passe auch dazu, dass es eines der Kernanliegen der nächsten Legislaturperiode im Gesundheitswesen sein werde, die sektorenübergreifende Versorgung voranzutreiben.

„Die Patienten sollen die Möglichkeit erhalten, selbstständig auf die persönlichen Daten zuzugreifen, sich genau über Diagnose, Therapie und Behandlungsergebnisse zu informieren und ihren Behandlern selbst Daten zum Beispiel über Wearables zur Verfügung zu stellen“, sagte Schenk. „All das bietet gute Chancen, die Patienten besser in den Behandlungsprozess einzubinden.“

© fos/aerzteblatt.de

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