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Politik

Steuerzahlerbund kritisiert Kostenexplosion bei Digitalisierung im Gesundheitswesen

Donnerstag, 5. Oktober 2017

/Ralf Kalytta, stock.adobe.com

Berlin – Der Bund der Steuerzahler hat die künftige Regierung zu einem schärferen Vorgehen gegen Verschwendung öffentlicher Gelder aufgefordert. Im aktuellen Schwarzbuch prangert der Verband auch Fehlschläge in der Digitalisierung an. Ein „skandalöses Beispiel“ sei die elektronische Gesundheitskarte (eGK). Diese könne elf Jahre nach ihrer Einführung noch nicht richtig genutzt werden. Dabei beliefen sich die Kosten für Entwicklung und Hardware auf rund 2,2 Milliarden Euro.

„Schon im Jahr 2004 wurde die gesetzliche Grundlage für die Einführung eines digitalisierten Gesundheitswesens geschaffen“, heißt es im Schwarzbuch. Mit der eGK, die den Zugang zu allen wichtigen Patientendaten für jeden Arzt und Apotheker ermöglichen soll, wäre es theoretisch möglich, dass die behandelnden Mediziner in der Notaufnahme schnell einsehen können, welche Vorerkrankungen der Patient habe und ob er bestimmte Medikamente einnehme, die für die Diagnose und Behandlung eine Rolle spielten. „Doch das alles ist bisher reine Theorie“, so die Schwarzbuch-Autoren.

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Veraltete Technik

Im Jahr 2015 sei die eGK endlich ausgeliefert worden – mit einer Verspätung von neun Jahren. Neu seien zu diesem Zeitpunkt nur das Passbild des Versicherten gewesen, das auf die Karten gedruckt wurde, und ein Vermerk zum Geschlecht. „Alle anderen Funk­tionen können bis heute nicht genutzt werden“, so der Steuerzahlerbund. In diesem Jahr solle mit einer Verspätung von dann elf Jahren die Umstellung aller Praxen und Kliniken auf die ursprünglich geplanten Anwendungsmöglichkeiten der eGK erfolgen.

„Da elf Jahre in der Software- und Hardwareentwicklung mehrere Technikgenerationen ausmachen, wird die eGK, wenn sie jemals umgesetzt wird, vollkommen veraltet sein“, kritisiert der Steuerzahlerbund. Außerdem sei das System, wenn es flächendeckend verfügbar sein werde, noch lange nicht leistungsfähig. „Viele der geplanten Anwen­dungen, wie die elektronische Fallakte, die Organspendeerklärung, die Sicherheits­prüfung für Arzneimittel-Therapie oder die elektronische Patientenakte befinden sich noch in der Entwicklung“, heißt es im Schwarzbuch.

Der Steuerzahlerbund kritisiert außerdem, dass in der geplanten Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) der Patient nicht Herr seiner eigenen Daten sei. „So wird es für die Patienten nicht möglich sein, all ihre Patientendaten zu verwalten, da für den Zugriff auf einen Teil der Datensätze ein elektronischer Heilberufsausweis erforderlich ist. Die Versicherten dürfen lediglich auf Verwaltungsfunktionen zugreifen, also die PIN ändern, die Gültigkeit der eGK prüfen, das Zugriffsprotokoll lesen oder Anwendungen sichtbar beziehungsweise unsichtbar machen“, kritisieren die Autoren. Dies werde eine „erneute Debatte über das System auslösen“, so der Steuerzahlerbund. Verbandspräsident Reiner Holznagel forderte künftig „mutige Maßnahmen“, damit Steuergeldverschwendung bestraft werden kann.

© hil/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 7. Oktober 2017, 13:01

Realsatire pur!

Entwicklungsverzögerungen und über-bürokratisierte Hemmnisse bei Elektronischer Gesundheitskarte (eGK) und elektronischer Patientenakte (ePA) sind die pure Realsatire!

Zu Recht geißelt der Bund der Steuerzahler in seinem aktuellen Schwarzbuch die Kosten für die elektronische Gesundheitskarte: 2,2 Milliarden Euro seien dafür geflossen, ohne dass die Karte bislang richtig genutzt werden könne.

Hinzu kommt das aktuelle Desaster am 4. Quartalsanfang zum 1.10.2017: Klammheimlich haben die Gesetzlichen Krankenkassen der GKV sogenannte "G1 Versicherten-Karten" (VK) im Umlauf belassen, obwohl diese zweifellos ungültig geworden sind. Nur noch die optisch nicht identifizierbaren "G1plus Versicherten-Karten" und die sogenannten "G2 Versicherten-Karten" besitzen Gültigkeit.

Wie Florian Lanz, der wie immer hoffnungslos überforderte Pressesprecher des GKV-Spitzenverbandes via Twitter mitteilt, sollten doch die Vertragsärzte die mühselige Zusatzarbeit des Erstellens eines "Ersatzbelegs" bei laufendem Praxisbetrieb übernehmen?

Zurück zum Chip auf der GKV-Versicherten-Karte: Jeder lächerliche 5 Euro USB-Stick könnte die Aufgabe des Chips in der alten und neuen eGK übernehmen. Das hätte für die 70 Millionen in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) Versicherten statt 2,2 Milliarden € lediglich 350 Millionen € gekostet und hätte unseren Patientinnen und Patienten deren informationelle Selbstbestimmung bewahrt.

Aber, verehrte Leserinnen und Leser des Deutschen Ärzteblattes, sehen Sie selbst, wie windelweich und voller Fallstricke sich der "SpiBu" herausreden und aus seiner Eigenverantwortung stehlen will:

Unter
https://www.gkv-spitzenverband.de/service/versicherten_service/versicherten_service_egk/egk.jsp
schreibt der Spitzenverband Bund (SpiBu) der GKV-Kassen:
"Im Vergleich zur bisherigen KVK besitzt die eGK anstelle des Speicherchips einen Mikroprozessor-Chip. Mithilfe dieses „Minicomputers“ können komplexe Rechenoperationen auf der Karte durchgeführt werden um z. B. Verschlüsselung, Authentifizierung und digitale Signatur zu ermöglichen. Dadurch können zukünftig medizinische Daten auf der eGK signiert und sicher gespeichert werden. Dieser hohe Sicherheitslevel ist Voraussetzung für die Nutzung der sogenannten Tele­ma­tik­infra­struk­tur. Zukünftig werden Online-Anwendungen wie die elektronische Patientenakte verfügbar sein, die dem Versicherten einen hohen medizinischen Nutzen bieten. Bis die Tele­ma­tik­infra­struk­tur jedoch ihre Pforten öffnet, bleibt es bei der Offline-Nutzung der eGK, sodass wie bisher die administrativen Versichertenstammdaten (Name, Geburtsdatum, Geschlecht, etc.) auf der eGK abgespeichert werden."

Mehr Realsatire geht gar nicht, oder?

Mf+kG, Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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