Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

„Die deutsch-chinesische Zusammenarbeit kann sehr fruchtbar sein“

Montag, 9. Oktober 2017

Berlin – Zwischen China und Deutschland besteht in der Medizin eine enge Zusammen­arbeit. Die Deutsch-Chinesische Gesellschaft für Medizin (DCGM) und die Chinesisch-Deutsche Gesellschaft für Medizin (CDGM) nehmen seit 30 Jahren eine wichtige Brückenfunktion zwischen beiden Ländern ein. Wo die Schnittmengen liegen, erläutert Eckhard Nagel, Institut für Medizinmanagement und Gesundheits­wissen­schaften, Universität Bayreuth, und DCGM-Vizepräsident, dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ).

5 Fragen an Eckhard Nagel,Vizepräsident der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin

DÄ: Herr Professor Nagel, am 6. und 7. Oktober fand in Berlin die 30. gemeinsame Jahrestagung der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin und der Chine­sisch-Deutschen Gesellschaft für Medizin statt. Wie hat sich die Zusammenarbeit in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt?

Nagel: Im Jahr 1984 wurde die Deutsch-Chinesische Gesellschaft für Medizin in Köln sowie deren Partnergesellschaft die Chinesisch-Deutsche Gesellschaft für Medizin in Wuhan gegründet. In diesem Jahr wurde damit der Grundstein für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit im Bereich der Medizin gelegt. Die beiden Gesellschaften nehmen nun seit bereits über 30 Jahren eine wichtige Brückenfunktion zwischen beiden Ländern ein.

Der medizinisch-wissenschaftliche Austausch konnte in den letzten Jahren durch zahlreiche gemeinsame Veranstaltungen (Jahrestagungen der Gesellschaften, Deutsch-Chinesisches Forum auf dem Hauptstadtkongress, Expertentagungen, Workshops, Famulaturprogramme etc.) intensiviert werden. Auch im gesundheitspolitischen Bereich wurde die besondere Bedeutung einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit im medizinischen Bereich erkannt: Im Jahr 2014 wurde der erste Chinesisch-Deutsche Gesundheitsdialog zwischen beiden Ge­sund­heits­mi­nis­terien etabliert.

Im Rahmen dieser Veranstaltung verabschieden die Ge­sund­heits­mi­nis­terien einen Aktionsplan für die gemeinsame Zusammenarbeit in den kommenden beiden Jahren. Ebenso werden konkrete Kooperationsprojekte vorgestellt und politisch gefördert. Schwerpunkte der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit liegen momentan auf übertragbaren, infektiösen Erkrankungen und Hygiene, der Onkologie, dem Krankenhausmanagement, der Qualitätssicherung und Krankenhausfinanzierung, der traditionellen Chinesischen Medizin, dem Rettungsdienst/ Notfallmedizin, der Förderung und Entwicklung neuer technologischer Verfahren in der Medizin sowie generell auf der Unterstützung der Gesundheitswirtschaft.

DÄ: Schwerpunkt der diesjährigen Jubiläumstagung war die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitswesen. Wo sehen Sie die Chancen der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit im Hinblick auf die Digitalisierung in der Medizin und im Gesundheitswesen?
Nagel: Das Thema Digitalisierung bildet eines der Schwerpunktthemen des Deutsch-Chinesischen Aktionsplanes aus dem Jahr 2016. Die deutsch-chinesische Zusammenarbeit kann zukünftig in diesem Bereich sehr fruchtbar sein, da beide Länder besondere Vorzüge mit sich bringen: Die Stärken von China werden unter anderem in der frühen Verfügbarkeit neuer Innovationen und dem hohen Grad an strukturierten Vorgaben für den chinesischen Markt gesehen. China ist mittlerweile ein attraktiver Partner bei der Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung in der Medizin, insbesondere durch die hohe Anzahl an Patienten.

Deutschland wiederum ist als Exportnation besonders geschult in Kooperation mit anderen Ländern komplexe technologische Herausforderungen zu bewältigen und die wichtige Reflexionsebene eines verantwortlichen Einsatzes in sensiblen gesellschaftlichen Bereichen – zum Beispiel mit Blick auf Datensicherheit – zu moderieren. Eine enge Zusammenarbeit wird daher Synergieeffekte für beide Gesundheitssysteme und damit für die Bevölkerung beider Länder ergeben.

DÄ: Wie wird die Digitalisierung die Gesundheitskultur in beiden Ländern voraussichtlich verändern?
Nagel: Die Digitalisierung wird nicht nur die Kultur innerhalb der Gesundheits­ver­sorgung verändern, sondern hat Auswirkungen auf unser gesamtes individuelles und gesellschaftliches Leben. Da es sich um ein globales Phänomen handelt, werden die Veränderungen auch nicht nur in Deutschland oder China erkennbar werden, sondern weltweit. Es ist meiner Meinung nach heute noch nicht absehbar, was von unseren heutigen kulturellen Kontexten in vierzig Jahren noch erkennbar bleibt. Das gilt für unser Menschenbild, welches die Grundlage für alle Entwicklungen innerhalb der Medizin ist, genauso wie für Verfahrensweisen in Diagnostik und Therapie.

Ein Beispiel: Durch die Nutzung komplexer Datensätze in Radiologie, Pathologie oder Laboratoriumsmedizin wird die Aufgabenstellung der dort heute tätigen Fachärzte vollständig verändert. Ein Patient wird unter Umständen mehr von einer technolo­gischen Entwicklung im Hinblick auf seine Lebenserwartung abhängen als von einer ärztlichen Expertise. Eine alternde Gesellschaft wird bei der Zunahme chronischer Erkrankungen und limitierten finanziellen Ressourcen zu voraussichtlich gravierenden Verteilungsproblemen führen. Das dürfte besonders in Deutschland spürbar werden und die bisweilen schon sichtbaren Problemstellungen in China massiv verschärfen. Ein solches Szenario unterstreicht, wie wichtig eine professionelle Beschäftigung mit dem Thema für beide Länder ist.

DÄ: Gerade im Bereich der Digitalisierung zeichnet sich ein Wettbewerb um leistungsfähige, möglichst umfassende E-Health-Systeme ab. Ist das Verhältnis zwischen Deutschland und China davon frei?
Nagel: China befindet sich in einer Phase des Wandels von einer industrie- und exportorientierten Gesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Diesen Wandel haben wir in Deutschland bereits hinter uns. Es ist selbstverständlich, dass China dementsprechend das deutsche Vorbild nutzt und in Konkurrenzfällen auch versucht, deutsche Entwicklungen selbst besser herzustellen.

Nicht nur im Gesundheitsbereich spielt dabei ein gravierender Mentalitätsunterschied zwischen China und Deutschland eine besondere Rolle: Der für uns in Deutschland unabdingbare Schutz des geistigen Eigentums wird in China bisweilen gesetzeswidrig dadurch verletzt, dass man das Kopieren als eine Art Bewunderung für das Gegenüber deklariert. Insofern ist die Konkurrenzfrage zwischen Deutschland und China ein markantes Problem über den Gesundheitsbereich hinaus, dem aber nur über Koopera­tion anstatt durch Abgrenzung sinnvoll begegnet werden kann.  Eine solche Koopera­tion setzt die beiderseitige Einhaltung eines verbindlichen legalen Rahmens voraus.

DÄ: Die Gesundheitsreformen beider Länder haben sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich unterschieden. Was kann China kann von Deutschland lernen und Deutschland von China lernen?
Nagel: Vor zwanzig Jahren war China noch eine völlig andere Gesellschaft als die, die wir heute vorfinden. Insofern haben wir in den zurückliegenden dreißig Jahren auch in der chinesisch-deutschen Medizin einen grundlegenden Wandel zu verzeichnen. Während in den ersten beiden Dekaden immer der Unterstützungsaspekt für ein sich entwickelndes Gesundheitswesen im Vordergrund stand, dürfen wir heute feststellen, dass das moderne chinesische Gesundheitswesen in vielerlei Hinsicht mit dem deutschen gleichgezogen hat, wenn nicht sogar in manchen Bereichen bereits übertroffen.

Das gilt sicherlich nicht für die strukturelle Entwicklung der Gesundheitsversorgung. Unfraglich ist es bemerkenswert, was legislativ im Bereich der Kran­ken­ver­siche­rung in China in den zurückliegenden Jahrzehnten geleistet worden ist. Dennoch ist eine gute Gesundheitsversorgung auch heute noch abhängig von den finanziellen Möglichkeiten der jeweiligen Person. In Deutschland dagegen ist es gelungen, die solidarische auf Subsidiarität basierende Kran­ken­ver­siche­rung nicht nur zu erhalten, sondern auszubauen. Nicht nur aufgrund der völlig unterschiedlichen Bevölkerungszahlen ist anzunehmen, dass dies von China nicht in gleicher Weise geleistet werden kann.

Dennoch ist festzustellen, dass die chinesische Zentralregierung einer möglichst gerechten und umfassenden Gesundheitsversorgung einen hohen Stellenwert einräumt, da kollektive Unzufriedenheit in diesem Bereich ein Gefährdungspotential für zentralistische Staatstrukturen birgt. Bei einem Besuch vor anderthalb Jahren beim obersten chinesischen Gerichtshof konnten wir zum Beispiel erfahren, dass die steigende Anzahl physischer Angriffe auf Ärzte und Klinikpersonal der Regierung große Sorgen bereitet.

Dankenswerterweise konnten wir die Frage, ob dies in Deutschland ein Problem darstellt, verneinen. Dies mag noch einmal deutlich machen, dass Zusammenarbeit, wie sie die deutsch-chinesische Gesellschaft für Medizin anstrebt, vor allem das voneinander Lernen im Auge hat. Lernen heißt Unterschiede zu erkennen und gegebenenfalls für die eigene Gesellschaft als Bereicherung zu verstehen.

© ER/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige