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Medizin

Madagaskar: Hoher Anteil an Lungenpest beunruhigt Gesundheitsbehörden

Dienstag, 10. Oktober 2017

Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums desinfiziert eine Schule /dpa

Stockholm – Ausbrüche der Pest sind auf Madagaskar, wo die Erkrankung seit mehr als hundert Jahren endemisch ist, keine Seltenheit. Allein der hohe Anteil von Lungener­krankungen in diesem Jahr beunruhigt das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Es fordert die Mitgliedsländer in einer Risikoeinschätzung auf, ihre Bereitschaftspläne aus der Schublade zu holen und sich auf einzelne importierte Erkrankungen vorzubereiten.

Auf Madagaskar sind in der letzten Dekade jährlich etwa 200 Menschen an der Pest erkrankt. Die meisten Erkrankungen treten in gebirgigen Regionen im Inneren der Insel auf, in der Regel in den Monaten September bis April. Von den Küstenstädten war bisher nur Mahajanga im Nordwesten betroffen, wo die Saison von Juli bis November reicht.

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Die Pesterreger, die erstmals 1894 von Alexandre Yersin entdeckt und nach ihm benannt sind, werden in den meisten Fällen wie im Mittelalter durch Flohstiche von infizierten Nagern auf den Menschen übertragen. Es kommt dann nach ein bis sieben Tagen zum Befall der regionalen Lymphknoten, die nach einigen Tagen „beulenartig“ anschwellen. Diese Bubonen sind schmerzhaft und können, sofern keine rechtzeitige Behandlung erfolgt, aufbrechen. Erst dann ist die Bubonen- oder Beulenpest ohne Vektor für andere Menschen ansteckend. Dies hat in der Vergangenheit verhindert, dass sich die Erkrankung bei den jährlichen Epidemien über die Endemie-Regionen hinaus ausgebreitet hat.

Für Gesundheitsbehörden anderer Länder bestand deshalb kein Grund zur Beun­ruhigung. In Deutschland hat es seit Jahrzehnten keine importierten Fälle gegeben, was auch daran liegen dürfte, dass Madagaskar nicht zu den beliebteren Urlaubs­regionen gehört und die Touristen selten die Küstenorte verlassen und sich kaum in Regionen begeben, in denen sie von infizierten Flöhen gestochen werden konnten.

Übertragung erfolgt per Tröpfchen­infektion durch die Luft

In diesem Jahr sind jedoch ungewöhnlich viele Menschen an der pulmonalen Variante erkrankt. Von den 387 Erkrankungen, die bis zum 9. Oktober bekannt wurden, entfallen 277 (72 Prozent) auf die Lungenpest. Die Pestpneumonie ist ähnlich wie die offene Lungentuberkulose hochgradig ansteckend. Die Übertragung erfolgt per Tröpfchen­infektion durch die Luft, und die Inkubationszeit von weniger als 24 Stunden bis zu vier Tagen könnte der Epidemie in den nächsten Wochen eine weitere Dynamik verschaffen. Hinzu kommt, dass untypischerweise die meisten Fälle in der Hauptstadt Antananarivo auftraten und damit im Zielbereich von Touristen, von denen jährlich 293.000 das Land besuchen, die meisten davon in den Monaten Oktober bis Dezember. 

Im letzten Jahr sind 137.000 EU-Bürger mit dem Flugzeug nach Madagaskar gereist. Sie stammten zu drei Vierteln aus Frankreich, wo es vor allem in der Region der Île-de-France eine größere Gemeinschaft von Migranten aus Madagaskar gibt. Der Besuch von Freunden und Verwandten, die häufig abseits der Städte leben, erhöht natürlich das Infektionsrisiko, so dass vor allem die französischen Behörden alarmiert sein dürften. Auch die französischen Überseegebiete Mayotte und La Réunion, die über tägliche Flugverbindungen mit Madagaskar verbunden sind, gelten als mögliche Eintrittspforten der Pest in die EU.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), betrachtet das Ansteckungsrisiko für Mayotte und La Réunion als „moderat“, in Madagaskar selbst wird es als hoch eingestuft. Für die EU besteht nur ein niedriges beziehungsweise sehr niedriges Risiko, das derzeit keine speziellen Vorsichtsmaßnahmen erfordert. Wegen der kurzen Inkubationszeit ist laut ECDC derzeit nicht auszuschließen, dass Patienten noch während der Rückreise symptomatisch werden und beispielsweise im Flugzeug andere Mitreisende infizieren. Für die EU-Mitgliedsländer wäre dies ein Worst-Case-Szenario, auch wenn die Überlebenschancen bei einer rechtzeitigen Behandlung relativ hoch sind. 

Behandlung vor Bestätigung der Diagnose empfehlenswert

Eine frühzeitige Antibiotika-Gabe kann die Sterblichkeit der Lungenpest, die unbe­handelt innerhalb weniger Tage tödlich verläuft, auf 50 bis 60 Prozent senken. Eine Bubonenpest wird bei rechtzeitiger Behandlung von 90 Prozent der Patienten überlebt. Die Behandlung sollte nach einer Empfehlung von Julia Riehm vom Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in München und Thomas Löscher vom Klinikum der Universität, München (Bundesgesundheitsblatt 2015; 58: 721-729) noch vor Bestätigung der Diagnose (die heute mittels Polymerasekettenreaktion möglich ist) erfolgen.

Mittel der Wahl gegen Yersinia pestis ist Streptomycin. Bei Kindern und Schwangeren kann auf Gentamicin ausgewichen werden. Die Therapie sollte parenteral über mindestens zehn Tage erfolgen. Antibiotikaresistenzen von Y. pestis wurden beschrie­ben, sie sind jedoch nach Einschätzung der ECDC selten. Expertenlaboratorien in Deutschland sind das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München und das Pettenkofer-Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie an der LMU München. © rme/aerzteblatt.de

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