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Medizin

„Die Unterschiede in der robotischen Ausbildung zwischen deutschen Zentren sind immanent“

Freitag, 20. Oktober 2017

Dresden – Bei vielen urologischen Operationen zählen robotische Eingriffe heute zum Standard. Da Konsolenchirurg und Assistenten am Operationstisch dabei verschiedene Rollen einnehmen, ist eine spezielle Ausbildung in der Robotik nötig, wird jedoch längst nicht an allen urologischen Zentren einheitlich umgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der German Society of Residents in Urology (GeSRU) Academics für Roboterchirurgie. Die Ergebnisse der Fragebogenaktion zur robotischen Ausbildung in Deutschland wurden erstmals auf dem 69. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Dresden von Miriam Hegemann vorgestellt.

Fünf Fragen an Miriam Hegemann, Fachärztin für Urolo­gie, Medikamentöse Tumortherapie und Palliativmedizin an der Urologischen Klinik Sindelfingen, an der seit Januar 2012 robotisch-assistierte Operationen durch­geführt werden.

DÄ: Wie viele Ärzte haben an der Umfrage teilgenom­men?
Miriam Hegemann: Wir haben mit unserem Fragebogen zwischen Februar und Juli 2016 urologische Kliniken in Deutschland angesprochen, insbesondere jene, die mit einem daVinci-Operationssystem an ihrem Zentrum arbeiten. Insgesamt enthielten wir 97 Rückantworten. Zum Zeitpunkt der Umfrage gab es 72 robotisch-tätige Urologien in Deutschland. Ausgehend von 510 bettenführenden Abteilungen bedeutet dies, dass derzeit in 14 Prozent der deutschen Urologien mindestens ein daVinci-System verfügbar ist.

DÄ: Wie gestaltet sich die robotische Ausbildung an den befragten urologischen Zentren?
Hegemann: Die Unterschiede in der robotischen Ausbildung zwischen den Zentren in Deutschland sind immanent, sowohl in der Struktur des Zentrums, der durchgeführten Eingriffe wie auch in der Ausbildung. Eine strukturierte Ausbildung bleibt sowohl für die Table-Side- als auch für Konsolenchirurgen selten. Jeder Vierte gab an, dass die robotische Ausbildung bereits im ersten Jahr der Facharztweiterbildung startet. Somit hatte etwa ein Drittel der Befragten keine operative Vorerfahrung.

Die Table-Side-Assistenten werden in 52 Prozent der Fälle von einem erfahrenen Kollegen an der eigenen Klinik eingelernt. Robotikkongresse ergänzen die Ausbildung bei 40 Prozent, Operationsvideos nutzen 61 Prozent. Etwas anders gestaltet es sich bei den Konsolen­chirurgen: Sie kennen den zu erlernenden Eingriff bereits aus der offenen (56 Prozent) oder laparaskopischen Chirurgie (43 Prozent). Strukturierte Trainings­programme oder komplementäre Trainings wie etwa Simulatoren nutzen aber nur die Wenigsten, etwa 18 Prozent.

DÄ: Der häufigste robotisch-durchgeführte Eingriff war in ihrer Umfrage die radikale Prostatektomie mit 81 Prozent – repräsentiert dieses Ergebnis in etwa die robotischen Eingriffe in ganz Deutschland?
Hegemann: Das daVinci-System wird weiterhin vor allem in urologischen Indikationen eingesetzt. Die radikale Prostatektomie ist dabei der mit Abstand am häufigsten durch­geführte Eingriff, da hier die Vorteile des Systems voll ausgenutzt werden können. Neben einer guten Visualisierung erleichtert das daVinci-System die Präparation von Gefäßnervenbündel und Sphinkterregion sowie die Rekonstruktion der vesikourethra­len Anastomose. Die radikale und partielle Nephrektomie wird hingegen noch verhält­nismäßig selten, in rund 5 Prozent aller Eingriffe, robotisch-assistiert durchgeführt.

Nach Daten des statischen Bundesamtes wurden im Jahr 2012 rund 25.000 radikale Prostatektomien durchgeführt, davon 15,9 Prozent robotisch. Für die letzten Jahre zeichnet sich bei einem Gleichbleiben beziehungsweise leichten Abfall der Eingriffs­zahlen allerdings ein stetiger Anstieg der robotisch-assistierten Eingriffe ab. Für das Jahr 2016 wird geschätzt, dass bereits 34 Prozent der radikalen Prostatektomien robotisch-assistiert durchgeführt werden.

DÄ: Wie wird darüber entschieden, ob robotisch oder offen operiert wird?
Hegemann: Die Entscheidung treffen in aller Regel Operateur und Patient gemeinsam. Hierbei spielen tumorspezifische Faktoren, aber auch Begleiterkrankungen beziehungs­weise Voroperationen eine Rolle. Der Anteil der robotisch-assistierten Eingriffe ist unter anderem aber auch von der „Klinikpolitik“ abhängig. Robotisch-assistierte Eingriffe sind in der Regel ein Minusgeschäft, die die Klinikdirektionen zum Teil deckeln. Die Mehrkosten von rund 1.000 Euro pro Fall, insbesondere für die Verbrauchsmaterialen, bildet das DRG-System nur ungenügend ab.  

DÄ: Welche Verbesserungsvorschläge leiten Sie aus dem Ergebnis der Umfrage ab?
Hegemann: Die Diskussion um die robotische Ausbildung von Urologen in Deutschland reiht sich nahtlos in die aktuelle Situation von Ärzte- und Fachkräftemangel sowie der Frage nach der Finanzierbarkeit von innovativen Behandlungsmethoden ein. Die roboter-assistierte Chirugie ist aus der Urologie nicht mehr wegzudenken, dennoch fehlen flächendeckende Konzepte in der Ausbildung zum Roboterchirurgen.

Fach­gesell­schaften wie die DGRU (Deutsche Gesellschaft für roboter-assistierte Urologie) oder die ERUS (EAU Robotic Urology Section) erarbeiten seit Jahren Ausbildungs­programmen und Fachkongresse, um die Ausbildung in der robotischen Urologie zu verbessern. Hier werden neben einem Simulator-, Dry- und Wet-Lab-Training auch Sicherheitsaspekte, wie zum Beipiel ein notfallmäßiges Abdocken des daVinci-Systems trainiert. Vor allem das Monitoring von messbaren Endpunkten der Lernkurve wird hierbei immer wieder diskutiert. © gie/aerzteblatt.de

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