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Medizin

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen bald häufiger als Untergewicht

Mittwoch, 11. Oktober 2017

/dpa

London – Immer mehr Kinder und Jugendliche sind fettleibig. Weltweit hat sich die Zahl der adipösen Menschen im Alter von fünf bis 19 Jahren in den letzten vier Dekaden verzehnfacht. Wenn der Trend anhält, wird es im Jahr 2022 mehr über- als unterernährte Kinder und Jugendliche geben. Die Untersuchung der Weltgesundheits­organisation wurde anlässlich des heutigen World Obesity Day im Lancet (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)32129-3) veröffentlicht.

Die „NCD Risk Factor Collaboration“ um Majid Ezzati vom Imperial College London hat die Ergebnisse von 2.416 früheren Studien aus den Jahren 1975 bis 2016 zusammen­gefasst. Die Daten zu 31,5 Millionen Kindern und Jugendlichen zeigen, dass der Body-Mass-Index (BMI) der Heranwachsenden in den meisten Ländern in den vier Jahr­zehnten kontinuierlich zugenommen hat.

Zwar gibt es noch immer mehr Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Nahrungs­mangel untergewichtig sind. Die Prävalenz ist jedoch leicht gesunken: bei den Mädchen von 9,2 auf 8,4 Prozent und bei den Jungen von 14,8 auf 12,4 Prozent. Weltweit sind damit schätzungsweise 75 Millionen Mädchen und 117 Millionen Jungen untergewichtig.

Gleichzeitig ist die Prävalenz des Übergewichts deutlich angestiegen: bei den Mädchen von 0,7 auf 5,6 Prozent und bei den Jungen von 0,9 auf 7,8 Prozent. Im Jahr 2016 waren 50 Millionen Mädchen und 74 Millionen Jungen fettleibig. Hinzu kommen noch einmal 213 Millionen Kinder mit Übergewicht unter der Schwelle zur Adipositas.

Über- und Untergewicht sind weltweit sehr unterschiedlich verteilt. An Nahrung mangelt es nicht nur in Afrika südlich der Sahara, sondern vor allem in Südasien: Dort waren 2016 laut der Untersuchung 20,3 Prozent der Mädchen und 28,6 Prozent der Jungen untergewichtig. Die Prävalenz ist zwar gesunken. Infolge des starken Bevöl­kerungswachstums in dieser Region ist die Gesamtzahl der untergewichtigen Kinder und Jugendlichen jedoch höher als vor vier Jahrzehnten. Zwei Drittel aller weltweit untergewichtigen Kinder und Jugendlichen leben in Südasien. Besonders betroffen sind Indien, Bangladesh, Myanmar und Kambodscha.

Die meisten adipösen Kinder und Jugendliche gibt es nicht etwa in Nordamerika oder Europa. Hier ist es laut Ezzati etwa seit dem Jahr 2000 sogar zu einem leichten Rück­gang gekommen. In Polynesien sind mehr als 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen adipös. In den USA und einigen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas (Ägypten, Kuwait, Katar und Saudi-Arabien) sowie in der Karibik (Bermudas und Puerto Rico) sind es über 20 Prozent.

Der leichte Rückgang in den reicheren Ländern Nordamerikas und Europas wird laut Ezzati nicht verhindern, dass die Gesamtzahl der adipösen Kinder und Jugendlichen in den nächsten Jahren weiter ansteigt. Wenn der Trend anhält, könnte es bereits 2022 mehr fettleibige als untergewichtige Kinder und Jugendliche geben.

Die Ursachen der Entwicklung kann die Studie nicht klären. William Dietz von der Milken Institute School of Public Health in Washington sieht in der Urbanisierung und dem Anstieg des Bruttosozialprodukts die wesentlichen Faktoren. In den Städten steige die Verfügbarkeit von industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln, die den Kindern und Jugendlichen mehr Kalorien zuführen, als diese infolge des verbreiteten Bewegungs­mangels verbrauchen.

Zu den Antreibern der Entwicklung gehören für den Editorialisten die intensive Bewerbung von Fast Food und zuckerhaltigen Getränken, das frühzeitige Zufüttern von Säuglingen und die Zunahme von Supermarktketten mit industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln in den Regalen.

Aber auch die Stadtgestaltung, die die körperlichen Bewegungsmöglichkeiten ein­schränkt, und die erhöhte Anzahl von arbeitssparenden Geräten in Haushalt und am Arbeitsplatz fördere die Zunahme der Adipositas. Auch internationale Handelsab­kommen und die Macht transnationaler Konzerne können laut Dietz die Ernährung der Bevölkerung ungünstig beeinflussen. Auch Subventionen an die Agrarwirtschaft, die die Produktion von billigen Lebensmitteln fördern, könnten sich ungünstig auswirken. Ebenso beklagt Dietz das Fehlen einer Politik, die durch eine Besteuerung von ungesunden Nahrungsmitteln gegensteuern könnte.

© rme/aerzteblatt.de

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