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Medizin

Sind Frauen die geschickteren Chirurgen?

Donnerstag, 12. Oktober 2017

/dpa

Toronto – Chirurgische Patienten, die von Frauen behandelt wurden, hatten in einer bevölkerungsbasierten Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2017; 359: j4366) ein geringfügig, aber signifikant niedrigeres Risiko, in den ersten 30 Tagen nach der Operation zu sterben. Ein Einfluss konnte nur bei elektiven Eingriffen nachgewiesen werden, und auch auf die Komplikationsrate und die Zahl der Wiederaufnahmen in die Klinik hatte das Geschlecht des Operateurs keinen Einfluss.

Die Chirurgie war lange ein reiner Männerberuf. Auch heute sind Frauen in der Minder­heit. In der kanadischen Provinz Ontario ist nur jede vierter Chirurg eine Frau. Die Chirurginnen führen dort nur jede achte Operation durch. Vor allem Orthopädie, Herzchirurgie und Urologie sind weiterhin Männerdomänen, doch selbst in der Frauenheilkunde werden die Operationen in Ontario überwiegend von Männern durchgeführt.

Dabei gibt es heute eigentlich keine Operation, die weibliche Chirurgen (etwa wegen einer zu hohen körperlichen Belastung) nicht zuzumuten wäre. Frauen sind ihren männlichen Kollegen in allen vier Kernkompetenzen der Chirurgie (Theorie, Kommunikationsfähigkeit, Urteilsvermögen und Geschicklichkeit) gleichwertig – mindestens: In einer kürzlich veröffentlichten Studie aus China erlernten weibliche Medizinstudierende chirurgischen Grundtechniken – von der Operationsvorbereitung bis zum Anlegen einer Darmanastomose – sogar schneller als ihre männlichen Kommilitonen (J Surg Educ 2016; 359: 902-5). Andere Untersuchungen bescheinigen weiblichen Chirurgen eine bessere Kommunikationsfähigkeit, eine vermehrte Zuwendung zum Patienten und eine erhöhte Bereitschaft, sich an Behandlungs­leitlinien zu halten.

Ein Team um Raj Satkunasivam vom Sunnybrook Health Sciences Centre in Toronto hat jetzt untersucht, ob sich die Ergebnisse von weiblichen und männlichen Chirurgen unterscheiden. Grundlage waren die Daten in verschiedenen Krankenhaus- und Patientenregistern, die eine Zuordnung des Geschlechts der Chirurgen zu den Ergebnissen der Operation zulassen. Primärer Endpunkt der Studie war ein Composite aus Todesfällen, Wiederaufnahmen und Komplikationen in den ersten 30 Tagen nach der Operation.

Eines dieser Ereignisse trat bei 15.731 von 144.119 Patienten (10,9 Prozent) auf, die von Frauen operiert wurden, gegenüber 122.468 Ereignissen bei 1.015.568 Patienten (12,1 Prozent), die von männlichen Chirurgen operiert wurden. Der Unterschied war nicht groß. Doch die Odds Ratio von 0,94, die einen Vorteil von 6 Prozent für die Operationsergebnisse weiblicher Chirurgen anzeigt, war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,91 bis 0,97 statistisch signifikant.

Nun sind retrospektive Analysen notorisch anfällig für Verzerrungen. Eine häufige Ursache ist ein Selektions-Bias. Weibliche Chirurgen könnten sich bevorzugt um leichtere Eingriffe bei unproblematischen Patienten bewerben (oder diesen vorsichtshalber von ihren zumeist männlichen Chefärzten zugeteilt werden). 

Diese Bias lassen sich mit statistischen Mitteln beseitigen, sofern sie bekannt und messbar sind. Satkunasivam konnte in einer adjustierten Analyse das Alter des Chirurgen, das Operationsvolumen, die Fachdisziplin und Daten zur Komorbidität der Patienten berücksichtigen. Am Ergebnis änderte dies wenig. Es blieb bei einer Odds Ratio von 0,96 (0,92-0,99), die den weiblichen Operateuren weiter einen leichten Vorteil bescheinigt.

Der Unterschied war einzig auf die Sterblichkeit in den ersten 30 Tagen zurückzuführen (adjustierte Odds Ratio 0,88; 0,79-0,99), während es bei den Wiederaufnahmen in die Klinik und den Komplikationen keine signifikanten Unterschiede gab.

Der Unterschied war gering. Die in Tabelle 2 genannte absolute Differenz im Sterbe­risiko von 0,12 Prozent würde bedeuten, dass auf 833 Patienten, die von einem männlichen Chirurgen, statt einer weiblichen Kollegin operiert werden, ein zusätzlicher Todesfall käme.

Und es bleibt die Möglichkeit, dass vielleicht doch ein Bias übersehen wurde. Dafür spricht, dass bei den Notoperationen, bei denen in der Regel die Auswahl des Chirurgen begrenzt ist, kein Unterschied in der Sterblichkeit und in den anderen Endpunkten gefunden wurde. © rme/aerzteblatt.de

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