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Medizin

Multiple Sklerose: Antihistaminikum beschleunigt Nervenleitung in der Sehbahn

Donnerstag, 12. Oktober 2017

/ralwel - stock.adobe.com

San Francisco – Die Behandlung mit Clemastin, einem Antihistaminikum der ersten Generation, das heute in Apotheken rezeptfrei erhältlich ist, hat in einer randomi­sierten doppelblinden Phase 2-Studie im Lancet (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)32346-2) die Leitungsgeschwindigkeit in der Sehbahn beschleunigt. Ein günstiger Einfluss auf die Sehstärke verfehlte das Signifikanzniveau.

Bei der Multiplen Sklerose werden die Myelinscheiden im Zentralnervensystem durch das Immunsystem angegriffen und teilweise zerstört. Die Folge sind neurologische Ausfälle, die sich von Krankheitsschub zu Krankheitsschub verstärken und schließlich zu Lähmungen und anderen Behinderungen führen. Eine Reihe von Medikamenten zur Basistherapie kann zwar die Schubfrequenz mindern und damit das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Es gibt jedoch derzeit kein Mittel, das die Neubildung von Myelinscheiden anregen könnte, obwohl im Prinzip die überlebenden Oligoden­drozyten dazu in der Lage wären.

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Ein Forscherteam der University of California in San Francisco hatte bei einem früheren Screening entdeckt, dass das ältere Antihistaminikum Clemastin Oligodendrozyten in Zellkulturen zur Bildung von Myelin stimuliert. Diese Entdeckung, die inzwischen von einer weiteren Forschergruppe bestätigt wurde, veranlasste das Team um Ari Green zur Durchführung einer Phase 2-Studie, an der zwischen Januar 2014 und April 2015 50 Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose teilnahmen.

Die Erkrankung durfte nicht länger als 15 Jahre bestehen. Eine optische Neuritis war nicht zwingend vorgeschrieben. Es musste jedoch eine Störung des Sehnerven vor­liegen: Die Latenzzeit bei visuell evozierten Potenzialen (VEP) musste wenigstens auf einem Auge mindestens 188 Millisekunden betragen. Bei der VEP wird die Zeit gemessen, die von einem optischen Signal, typischerweise ein Farbumschwung in einem Schachbrettmuster, bis zum Nachweis eines EEG-Signals am Hinterkopf über der Sehrinde vergeht.

Die ReBUILD-Studie randomisierte die Patienten auf zwei Gruppen. Die eine Hälfte wurde in einem Crossover-Design über 90 Tage zunächst mit Clemastin (5,36 mg zweimal täglich) und danach für 60 Tage mit Placebo behandelt. In der zweiten Gruppe erhielten die Patienten zunächst für 90 Tage ein Placebo und danach für 60 Tage Clemastin. Primärer Endpunkt war eine Verkürzung der Latenzzeit P100, also eine Beschleunigung der Nervenleitung in der Sehbahn.

Wie Green und Mitarbeiter berichteten, kam es in der Gesamtgruppe während der Behandlung zu einer Verkürzung der P100 um 1,7 Millisekunden. Der Effekt war bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,5 bis 2,9 Millisekunden signifikant. 
Die Verkürzung von P100 könnte in Wirklichkeit noch größer ausfallen: Clemastin hat eine Nachwirkung, die in der ersten Gruppe in die Placebophase hineinreichte. Dort war die P100-Latenz auch nach dem Wechsel zu Placebo noch leicht verkürzt. Dies könnte die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in der Gesamtauswertung verwässert haben. Green schätzt, dass die Verkürzung ohne die Nachwirkung von Clemastin im Durchschnitt 3,2 Millisekunden (1,8-4,7) betragen haben könnte.

Ob diese Verbesserung der Nervenleitung Auswirkungen auf den klinischen Verlauf der Erkrankung hat, ist unklar. In einem speziellen Sehtest (Low-contrast letter acuity) kam es zu einer leichten Verbesserung um 1,6 Buchstaben, die jedoch keine statistische Signifikanz erreichte. Auswirkungen auf andere Behinderungen lassen sich aufgrund der kurzen Behandlungszeit und der kleinen Teilnehmerzahl derzeit nicht beurteilen. 

Es bleibt abzuwarten, ob die Forscher eine aussagekräftige Phase 3-Studie zustande bringen. Dass Clemastin als älteres Mittel keinen Patentschutz hat, dürfte die Suche nach einem Sponsor erschweren. Firmen haben in dieser Situation kein Interesse. Die Durchführung einer placebokontrollierten Studie dürfte durch die freie Verfügbarkeit von Clemastin erschwert werden. Die Nebenwirkungen von Clemastin, eine leichte Sedierung, sind so offensichtlich, dass ihr Ausbleiben die Patienten der Placebogruppe veranlassen könnte, sich das Mittel aus eigener Tasche in der Apotheke zu besorgen. © rme/aerzteblatt.de

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