Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Streit um Forderung, Selbstmedikation auszuweiten

Donnerstag, 12. Oktober 2017

/wildworx, stock.adobe.com

Berlin – Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) hat gefordert, die Patienten zu ermutigen, mehr OTC-Arzneimittel in der Apotheke zu kaufen. Denn Selbstmedikation habe diverse positive Effekte für das Gesundheitssystem und die in ihm arbeitenden Akteure. Darüber ist ein Streit entbrannt.

„Selbstmedikation birgt Entlastungseffekte für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung in Höhe von 21 Milliarden Euro“, sagte Stefan Meyer, Vorstandsmitglied des BAH, auf einer Veranstaltung des Verbandes vor kurzem in Berlin. Sie entlaste Arbeitnehmer und Arbeitgeber durch weniger Arztbesuche und vermeide so Produktivitätsminderungen in  Milliardenhöhe durch Abwesenheit vom Arbeitsplatz. Zudem würden durch mehr Selbstmedikation Freiräume für die Behandlung von schwerwiegenden Erkrankungen in den Arztpraxen geschaffen.

Um mehr Selbstmedikation durch die Bürger zu ermöglichen, benötigten diese jedoch eine größere Gesundheitskompetenz. „Der Einzelne braucht die Kompetenz, selbst einschätzen zu können, ob er eine Selbstmedikation benötigt“, sagte Meyer. Er forderte, dass es den Arzneimittelherstellern erlaubt sein solle, die Patienten über die OTC-Präparate zu informieren, um deren Gesundheitskompetenz auf diese Weise zu steigern. Heute ist es den Pharmafirmen verboten, die Patienten direkt über ihre Produkte zu informieren.

Die Patienten vor Unnötigem schützen

Klaus Weckbecker, Direktor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Bonn, sieht den Vorstoß des BAH skeptisch. „Ich erlebe eher das Problem, dass 20 Prozent der Krankenhauseinweisungen auf Wechselwirkungen von Arzneimittel beruhen. Möchten Sie, dass ältere, multimorbide Patienten vor diesem Hintergrund unberaten eine Selbstmedikation vornehmen dürfen?“, fragte er auf der Veranstaltung. Das sei doch sehr problematisch.

„Wichtig ist es, die Patienten vor Unnötigem zu schützen“, meinte auch Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Und das sei nicht so leicht. Denn heute gebe es viele eingeführte Arzneimittel, zu denen es schwierig sei, eine Studie zu finden, mit der man einen Mehrwert des Medikaments für die Patienten belegen könne. „Das ist eine Situation, wo die Pharmafirmen auch eine Bringschuld haben“, sagte Glaeske.   

Hoher Bildungsgrad, hohe Nachfrage nach Selbstmedikation

„Wir wissen vom Robert-Koch-Institut, dass die Nachfrage nach Selbstmedikation mit dem Bildungsgrad der Patienten steigt“, fuhr der Bremer Pharmakologe fort. „Je höher der Bildungsgrad ist, desto mehr wird selbst entschieden. Selbstmedikation anzuwenden, bedeutet zudem auch, das Geld zu haben, für diese Medikamente zahlen zu können.“

In diesen Zusammenhang passe eine Studie der DAK, die ergeben habe, dass 20 Prozent der Menschen, die im Arbeitsprozess stehen, leistungssteigernde Mittel nähmen. Mehr Selbstmedikation würde auch einen Anreiz setzen, die eigene Leistungsfähigkeit über Selbstmedikation zu steigern.

„Auch einmal einen Wadenwickel anlegen“

Weckbecker betonte, dass es für Patienten nicht leicht sei, die vorhandenen Gesundheitsinformationen richtig einzuordnen. „Patienten brauchen eine persönliche Beratung“, betonte er. „Die Personalisierung halte ich dabei für entscheidend. Wenn Sie bei Google eine Hautveränderung eingeben, landen Sie immer bei einer Tumorerkrankung. Dann fällt es schwer zu glauben, dass diese Patienten ohne persönliche und wissenschaftsbasierte Beratung zurechtkommen.“

Gesundheitskompetenz bedeute darüber hinaus zu erkennen, wie schwer die eigene Erkrankung sei und wann man Hilfe vom Arzt oder Apotheker benötige beziehungs­weise wann man auf die Selbstheilungskräfte des Körpers vertrauen könne. Glaeske betonte, dass Selbstmedikation nicht zwingend mit Arzneimitteln zu tun haben müsse: „Selbstmedikation heißt auch, zu Hause einmal einen Wadenwickel anzulegen.“

Forderung nach Primärarztsystem

BAH-Vorstandsmitglied Meyer betonte, dass längst nicht alle Arztkontakte notwendig seien, die es in Deutschland gebe. Weckbecker meinte, dass dies jedoch nicht ausschließlich mit der Selbstmedikation in Zusammenhang stehe. „Es gibt Länder, wo Patienten in den ersten drei Tagen keine Krankschreibung brauchen“, sagte er. Und dass es in Deutschland so viele Arztkontakte gebe, liege auch daran, dass es kein Primärarztsystem gebe. „Ausländische Ärzte glauben gar nicht, wenn man ihnen sagt, dass Patienten in Deutschland direkt zum Kardiologen gehen dürfen“, sagte Weckbecker.

© fos/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

e.ne
am Freitag, 13. Oktober 2017, 00:45

Wir leben m 18. Jahrhundert?

Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller - will mehr Medikamente verkaufen ...
Ja aber deshalb müssen wir diese "vielen vielen bunten Smarties" doch nicht wirklich schlucken.
Die Selbstmedikation sollte sich genau auf das beschränken, was ein möglicher Patient auch leisten kann, überblicken kann. Pflaster, Mercurochrom, Wundgel, Ahtihistaminika -für Kinder - das ist das
äußerste. Die Leute sollen sich gesund er-halten. Möglichst ohne Kopfschmerztabletten, Magentabletten, Darmtabletten, Abführen/Verstopfung - Es gibt auch noch normale Nahrungsmittel: Äpfel,
Bananen, Zitronen, Orangen, Obst aller Art, Gemüse aller Art Carotin/Karotten nicht zu vergessen.
Salate. - Die "Bildungsschicht" ist meist erfahren - greift deshalb auf das Erfahrung/Erlebtes zurück.
Oder auf das: Was sie als Naturwissenschaftler gelesen haben. Da sie aber gebildet sind - machen
sie gleich wieder alles anders. Man kann es ja ausprobieren.
Laien - die kaum wissen, was sie ihrem Baby geben sollen - kaltes Wasser im Fläschchen?
Oder muss es Tee sein? o.ä. die nicht wissen, wie sie sich selber ernähren sollen - sollten sich auf
vom Arzt erstmalig verordnete 1-2 Medikamente beschränken. Sie können sich mit dem Pharmazeuten unterhalten, dieser hat sein Fach studiert.
In der Apotheke gibt es etliches was die Krankenkasse nicht oder nicht mehr bezahlt - z.B.
Nahrungsergänzung - die Beratung erfordert schon viel Zeit. Wenn das vom Arzt empfohlene Präparat ggf. nicht vorrätig ist. - Natürlich kaufen wir uns ASS 100 selber. Aber doch nicht aus freien Stücken einfach so - sondern doch sehr wahrscheinlich nach Empfehlung einer Notaufaufnahme im
Krankenhaus. - Ich würde ohne zwingenden Grund gar nichts nehmen. Und selbst bei Ass 100 bin
ich mir nicht sicher. - Jedes Medikament hat Nebenwirkungen. Genau wie jedes Wort zuviel sein kann

Nachrichten zum Thema

27.09.17
Arzneimittel­initiative ARMIN wird bis März 2022 fortgesetzt
Berlin – Das Modellvorhaben ARMIN – die „Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen“ soll bis Ende März 2022 weiterlaufen. Das haben die Projektpartner vereinbart. Im Augenblick profitieren über 2.500......
26.09.17
Obeticholsäure: Tödliche Überdosierung bei Leberfunktions­störungen
Silver Spring – Bei der Therapie der primären biliären Cholangitis mit Obeticholsäure kann es zu tödlichen Überdosierungen kommen, wenn die Dosis bei Leberfunktionsstörungen nicht......
12.09.17
Apothekerverband für Konsequenzen aus Krebsmittelskandal
Düsseldorf – Als Konsequenz aus dem Bottroper Skandal um gefälschte Krebsmedikamente fordern die Apothekerverbände ein neues Vergütungsmodell für die hoch spezialisierten Apotheken. Künftig dürfe nur......
04.09.17
EMA: Paracetamol mit verzögerter Freisetzung soll verboten werden
London – Die Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA möchte Paracetamol-Präparate mit verzögerter Freisetzung verbieten lassen. Anlass sind Überdosierungen, zu denen es jüngst in Schweden gekommen ist.......
31.08.17
Giftinformations­zentrum warnt vor Vergiftungen mit Methotrexat
Göttingen – Die Experten des Giftinformationszentrums (GIZ) Nord sind im vergangenen Jahr von Ärzten und Bürgern stark nachgefragt worden. 38.623 Anfragen haben die ärztlichen Berater 2016......
29.08.17
Methadon als Krebsmittel: Bundesregierung äußert sich zurückhaltend
Berlin – Über die Frage, ob Methadon als Krebsmedikament zum Einsatz kommen sollte, wird derzeit heftig gestritten. Die Bundesregierung äußert sich nun sehr zurückhaltend. „Die Annahme zur positiven......
20.08.17
Evolocumab: Bisher keine Hinweise auf kognitive Schäden durch PCSK9-Inhibitor
Boston – Die Behandlung mit dem PCSK9-Inhibitor Evolocumab, der das LDL-Cholesterin deutlich senkt, hat in einer randomisierten Studie (bisher) nicht zu kognitiven Schwächen bei den Patienten geführt,......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige