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Medizin

Wieso ein Kaiserschnitt zu dickeren Kindern führt

Donnerstag, 12. Oktober 2017

/dpa

New York – Mäuse, die per Kaiserschnitt entbunden werden, wiegen später ein Drittel mehr als nach einer natürlichen vaginalen Geburt. Die Auswirkungen, die Forscher in Science Advances (2017; doi: 10.1126/sciadv.aao1874) auf eine Störung der Darmflora zurückführen, waren bei weiblichen Tieren besonders ausgeprägt.

Seit einiger Zeit wird vermutet, dass ein Kaiserschnitt sich ungünstig auf die spätere Entwicklung des Kindes auswirkt. Zu den möglichen Folgen gehört Übergewicht, das andere Stoffwechsel-Störungen wie einen Typ 2-Diabetes nach sich ziehen könnte. Die Ergebnisse der epidemiologischen Studien sind jedoch nicht eindeutig.

In einer US-Studie (Project Viva) waren per Kaiserschnitt entbundene Kinder im Alter von drei Jahren mehr als doppelt so häufig adipös als nach einer vaginalen Geburt (Arch Dis Child. 2012; 97: 610-616). Eine aktuelle Untersuchung aus Brasilien, wo weltweit die meisten Kaiserschnitte durchgeführt werden, fand dagegen keinen Zusammenhang (BMC Public Health 2017; doi: 10.1186/s12889-017-4165-3). In der Boston Birth Cohort waren vor allem die Kinder von adipösen Müttern gefährdet (International Journal of Obesity 2017; 41: 497-501).

In dieser Situation sind tierexperimentelle Studien hilfreich. Sie können nicht nur eine Kausalität belegen, sondern auch nach möglichen Ursachen suchen. Ein Team um Maria Dominguez-Bello von der New York University hat Kaiserschnitte an fünf trächtigen  Mäusen durchgeführt (und die 34 Jungtiere dann von anderen Muttertieren säugen lassen). Die Vergleichsgruppe bildeten die Würfe von sechs Mäusen mit 35 Jungtieren.

Die per Kaiserschnitt entbundenen Tiere entwickelten sich in den ersten Wochen normal. Später kam es jedoch zu einer stärkeren Gewichtszunahme. Im Alter von 15 Wochen, wenn die Tiere ausgewachsen sind, wogen die per Kaiserschnitt geborenen Tiere um 33 Prozent mehr als in der Kontrollgruppe. Bei den weiblichen Tieren betrug der Gewichtsunterschied sogar 70 Prozent.

Die Erklärung lieferte die Untersuchung der Darmflora der Tiere. Bei den per Kaiser­schnitt geborenen Tieren überwogen andere Bakterien, und eine bei den vaginal entbundenen Tieren beobachtete dynamische Entwicklung der Darmflora blieb aus. Am Ende fehlten im Darm Bacteroides, Ruminococcaceae und Clostridiales, die in der Darmflora von schlanken Mäusen dominieren.

Die Studienergebnisse belegen für Dominguez-Bello den wichtigen Einfluss der Scheiden-Bakterien, die bei einer vaginalen Entbindung die Pioniere bei der bakteriellen Besiedlung des Darms sind. Die Forscherin schlägt deshalb nach Kaiserschnitten einen „vaginalen Mikrobentransfer“ vor.

Dazu wird vor der Geburt eine sterile Kompresse in der Vagina der Gebären­den deponiert, mit der dann nach der Geburt Lippen Gesicht, Brust, Arme, Beine, Genitalien und Anal-Region des Neugeborenen eingerieben werden. In einer ersten klinischen Studie (Nature Medicine 2016; doi: 10.1038/nm.4039) gelang es dadurch teilweise, die bakterielle Flora der Mütter auf das Kind zu übertragen. Ob sich die Behandlung langfristig auf die Gesundheit des Kindes auswirkt, ist jedoch unklar.

Dominguez-Bello befürchtet, dass auch die Antibiotika-Prophylaxe, die vor einem Kaiserschnitt regelmäßig durchgeführt wird, den „vaginalen Mikrobentransfer“ behindert. Dies wurde in den tierexperimentellen Studien jedoch nicht untersucht. © rme/aerzteblatt.de

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