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Medizin

Medizingeschichte: War Jenners Impfstoff gar keine „Vakzine“?

Freitag, 13. Oktober 2017

Berlin – Der Impfstoff, mit dem Edward Jenner im Jahr 1796 erstmals gegen die Pocken impfte und damit die Immuntherapie begründete, enthielt möglicherweise nicht wie bisher angenommen Kuhpocken, sondern Pferdepocken. Dies ergab die genetische Analyse des ältesten erhaltenen Impfstoffs, die jetzt im New England Journal of Medicine (2017; 377:1491-1492) veröffentlicht wurde.

Die Pocken konnten in den 1970er Jahren dank des globalen Einsatzes eines Impfstoffs ausgerottet werden, über dessen Herkunft wenig bekannt ist. Das „Vaccinia-Virus“ kommt in der Natur nicht vor. Es handelt sich um ein Labor-Virus, das sich über die Jahrzehnte hin genetisch so weit entwickelt hat, dass die Forscher sich nicht einig sind, ob seine Vorfahren zu den Kuhpocken oder zu den Pferdepocken gehören.

Ursprünglich wurde angenommen, dass es sich um Kuhpocken handelt, hatte Jenner doch bei seinem Impfstoff auf die Wundsekrete von Melkern zurückgegriffen, die vermutlich an den Kuhpocken erkrankt sind. Spätere Impfstoff-Hersteller haben jedoch auch Sekrete von Pferdepocken verwendet. Da es keinerlei schriftliche Aufzeichnungen gibt, wird sich diese Frage mit letzter Sicherheit niemals klären lassen.

Ein Team um Andreas Nitsche von Robert Koch-Institut in Berlin konnte jetzt den ältesten erhaltenen Impfstoff untersuchen. Er wurde 1902 von der Firma H.K. Mulford hergestellt, die später mit MSD fusionierte. Die Forscher isolierten die DNA des Virus und setzten sie zu einem Virusgenom zusammen. Die Analyse ergab eine 97,7-prozentige Übereinstimmung mit dem Pferdepocken-Virus.

Jenner hätte dies vermutlich nicht überrascht. Er hatte selber den Verdacht geäußert, dass sein Impfstoff eher von Pferden als von Kühen stammen könnte. Übermittelt ist auch, dass im 19. Jahrhundert abwechselnd Pockenviren von Kühen und Pferden für die Impfstoffherstellung verwendet wurden. Irgendwann wechselten die Hersteller dann auf das Vaccinia-Virus, ohne dass Schriftlich festgehalten wurde, woher das Virus ursprünglich stammt.

Über längere Zeit waren verschiedene Vaccinia-Virus im Umlauf. Die Weltgesund­heitsorganisation führte erst 1967 eine Standardisierung durch, die die Vielfalt auf vier Vaccinia-Viren begrenzte. Medizinisch dürfte die Herkunft der Vaccinia-Viren belanglos sein. Nur die Bezeichnung Vaccinia wäre falsch. Der Begriff leitete sich lateinisch vacca „Kuh“ ab und nicht von „Equus“ für Pferd. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sich die Bezeichnung „Equination“ for die Pocken- oder irgendeine andere Impfung durchsetzten wird. © rme/aerzteblatt.de

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