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Konservative Orthopädie und Unfallchirurgie: Erstes Weißbuch erschienen

Dienstag, 17. Oktober 2017

Tui Na, wörtlich übersetzt "schieben und greifen", ist die traditionelle manuelle Therapie der Chinesischen Medizin. /dpa

Berlin – Orthopäden und Unfallchirurgen legten heute in Berlin im Vorfeld ihres Jahreskongresses DKOU 2017 eine Bestandsaufnahme über konservative Möglichkeiten in ihrem Fach vor. Das Weißbuch bietet erstmals evidenzbasierte Erkenntnisse zur Evaluation der konservativen Therapie in Orthopädie und Unfallchirurgie. In zehn Forderungen erklären die Autoren, wie die konservative Therapie gestärkt werden kann, damit gute Behandlungskonzepte flächendeckend zur Verfügung stehen.

Absolute Kontraindikationen bei Manipulation/manuelle Therapie

  • Frisches Trauma
  • Osteoporotische Fraktur
  • Bakterielle Entzündung
  • Destruierender oder stabilitätsgefährdender Tumor
  • Entzündliche Systemerkrankung im Schub
  • Strukturelle Instabilität des Wirbelsäulensegments

Quelle: Weißbuch, Kapitel 5

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Das neue Weißbuch thematisiert unter anderem gängige diagnostische Verfahren für zahlreiche Erkrankungen und Verletzungen, das Spektrum an therapeutischen Optionen, die Vernetzung und Kooperation mit anderen Berufsgruppen, aber auch Fragen der Prävention, Qualitätssicherung, Aus- und Weiterbildung sowie Forschung. Im Kapitel fünf stellen die Autoren alle verfügbaren konservativen Behandlungsmethoden mit Indikationen, aber auch Kontraindikationen vor und fassen die vorliegende Evidenz zusammen (Beispiel siehe Kasten).

Für chronische Kopfschmerzen zeigte sich beispielsweise die manuelle Therapie der Massage überlegen und gleichwertig der medikamentösen Therapie. Bei Nackenschmerzen sei die manuelle Therapie in Verbindung mit einer Übungstherapie der Placebogruppe sogar deutlich überlegen, heißt es im Weißbuch. Der extrakorporalen Stoßwellentherapie (EWS) bescheinigen die Autoren basierend auf vorliegenden Studien eine hohe Evidenz für die Wirksamkeit bei Pseudarthrosen, Fasziitis plantaris, Tendinosis calcarea und der chronischen Epicondylitis radialis – um nur wenige Beispiele für Evidenz herauszustellen. Neben der manuellen Medizin und EWS werden auch die orthopädisch-unfallchirurgische und die interventionelle Schmerztherapie, die Infiltrationstherapie und Reflextherapie, die medikamentöse Therapie, Gips- und Verbandstechnik, Akupunktur und traditionell chinesische Medizin, Sozialmedizin und viele mehr ausführlich vorgestellt.

Konservativ statt operativ behandeln

Die Diskussion über die steigende Zahl an Gelenkersatz- und Wirbelsäulenoperationen verdeckt nach Ansicht der Autoren den Blick auf diese und viele andere Behandlungsoptionen. Als weiteres Beispiel nannte Ingo Marzi vom Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Frankfurt/Main die proximale Oberarmkopffraktur. „Hier hat man in den letzten Jahren festgestellt, dass gerade bei alten Menschen die konservative Behandlung der operativen mindestens gleichkommt. Und zwar dann, wenn bestimmte Fehlstellungen nicht überschritten sind.“

Auch die Spinalstenose wurde früher öfter operiert, ergänzt Matthias Psczolla, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft nichtoperativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA) in Oberwesel. „Hier ist man inzwischen zur Erkenntnis gekommen, dass die konservative Behandlung zumindest einen Aufschub gibt.“ Bei Bandscheiben-Operationen könne man vor einer Operation einen konservativen Versuch durchführen, solange noch keine neurologischen Ausfälle auftreten. „Wer eine gute Krankengymnastik hat, kann dann auf Spritzen verzichten.“

Langzeitergebnisse zu den Outcome-Unterschieden zwischen konservativem und operativem Eingriff müssten jedoch erst noch erhoben werden. Das Problem dabei: „Die meisten konservativen Kliniken versorgen nur und forschen nicht“, beklagt Psczolla.

Die stationär konservative Behandlung erfährt derzeit ein Revival. Matthias Psczolla, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft nichtoperativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA), Oberwesel

Dennoch ist der Facharzt für Orthopädie und für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Manuelle Medizin/Chirotherapie und Spezielle Schmerztherapie positiv gestimmt. Die meisten Patienten mit Erkrankungen am Muskel-/Skelettsystem würden schon jetzt nicht operativ, sondern konservativ behandelt. Zahlen liegen hierzu jedoch nicht vor. Patienten und Krankenkassen fragen aber zunehmend im Rahmen des Zweitmeinungsverfahrens bei Ärzten an, ob im Falle einer Operation nicht doch eine konservative Behandlung vorgeschaltet werden könne, sagte Psczolla dem Deutschen Ärzteblatt. Noch 2013 hatte er kritisiert, dass die konservative Versorgung von Wirbelsäulenpatienten immer mehr abnehme.

Unfallchirurgen kritisieren Anstieg der Wirbelsäulen-OPs

Berlin – Die starke Zunahme der Wirbelsäulenoperationen in den vergangenen Jahren kritisieren Orthopäden und Unfallchirurgen. „Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sollte ein Team aus Orthopäden und Unfallchirurgen, Neurologen, Psychologen und Physiotherapeuten zur Verfügung stehen“, erläutert Bernd Kladny, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädischen Chirurgie und

„Die stationär konservative Behandlung erfährt derzeit ein Revival“, ist Psczolla überzeugt und verweist auf das ANOA-Konzept, das in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren entstanden ist. Der Verbund, der sich auf akute und chronifizierte Erkrankungen des Bewegungssystems einschließlich einem breiten Spektrum von Schmerzerkrankungen spezialisiert hat, umfasst inzwischen 23 Kliniken bundesweit und sei international einmalig. Mit dem ANOA-Konzept könne die konservative Therapie nicht mehr nur ambulant, sondern auch wieder stationär durchgeführt werden.

Krankenkassen vergüten abseits der DRGs

Die zertifizierten Kliniken haben mit den Krankenkassen ausgehandelt, dass diese die Kosten für einen Klinikaufenthalt bei Schmerzpatienten von mindestens zwölf Tagen für eine konservative Therapie finanzieren, statt nur fünf Tage, die die DRGs finanziell abdecken würden. „Wir haben einen eigenen OP-Schlüssel geschaffen, den OPS8-977, der diese Zusatzentgelte gewährleistet“, sagte der Geschäftsführer der ANOA in Oberwesel. Die Kassen übernehmen diese finanzielle Lücke erfahrungsgemäß ohne Probleme bei chronischen Schmerzpatienten. Die Anforderungen an das ANOA-Zertifikat seien jedoch relativ hoch und werden vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen regelmäßig überprüft.

Dass dieses Konzept dem Patienten einen Vorteil bringt hat Psczolla mit Kollegen inzwischen auch im Rahmen einer Studie analysiert. „Die Ergebnisse, die in Kürze publiziert werden sollen zeigen, dass die konservative Therapie die Funktion und die Schmerzsituation nachhaltig verbessert“, erklärt Psczolla. Universitäten seien an dieser Art von Forschung bisher nicht interessiert. Denn außer in Halle gebe es keine Universität, die einen konservativen Schwerpunkt gelegt hat. © gie/aerzteblatt.de

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