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Medizin

Studie: Zu viel Sport fördert Koronarkalk bei weißen Männern

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ultramarathon über den Mont-Blanc in Frankreich /dpa

Chicago – Ultramarathon, Wildwasserschwimmen, Gleitschirmakrobatik. Die Zahl der Extremsportarten zu Land, im Wasser und in der Luft hat zugenommen. Unter Forschern mehren sich aber auch die Stimmen, die vor möglichen gesundheitlichen Risiken warnen. Eine Studie in den Mayo Clinic Proceedings (2017; doi: 10.1016/j.mayocp.2017.07.016) zeigt jetzt, dass vor allem weiße Männer, die über Jahre hinweg extrem viel Sport betreiben, zu einer frühzeitigen Verkalkung der Koronar­arterien neigen.

Die CARDIA-Studie (Coronary Artery Risk Development in Young Adults) begleitet seit 1985/6 eine Gruppe junger Männer und Frauen aus drei US-Großstädten. Die Forscher wollen herausfinden, welche Faktoren in jungen Jahren die Verkalkung der Herzkranz­gefäße im Alter fördern. Bei den bisher acht Nachuntersuchungen wurden die 3.175 Teilnehmer auch nach ihrer sportlichen Aktivität gefragt. Es stellte sich heraus, dass eine relativ kleine Gruppe von 268 Teilnehmern über die Jahre hinweg dreimal mehr Sport betrieben hat, als die in den Leitlinien empfohlenen 150 Minuten pro Woche.

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In den Jahren 2010/11, also nach etwa 25 Jahren, wurde bei den Teilnehmern eine Computertomographie durchgeführt, um das Ausmaß der Verkalkungen im Herz zu bestimmen. Deepika Laddu von der Universität von Michigan in Chicago hatte erwartet, dass die extrem sportlichen CARDIA-Teilnehmer sich durch die geringste Koronar­verkalkung auszeichnen. Dies war nicht der Fall.

Bei den extrem sportlichen Teilnehmern wurde sogar häufiger eine Koronarverkalkung (CAC-Score über 0) gefunden als bei jenen, die sich über die Jahre körperlich wenig oder gar nicht bewegt hatten. Besonders auffällig war dies bei den weißen Männern, die besonders häufig intensiv Sport betrieben. Sie wiesen zu 85 Prozent häufiger Koronarkalk auf. Die adjustierte Odds Ratio von 1,86 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,16 bis 2,98 signifikant. Für Frauen wurde eine ähnliche Assoziation gefunden, die aber aufgrund einer niedrigen Anzahl von Frauen mit intensiver sportlicher Betätigung das Signifikanzniveau verfehlte.

Es ist nicht die erste epidemiologische Untersuchung, die auf mögliche Risiken übertriebener sportlicher Betätigung hinweist. In der Copenhagen City Heart Study hatten Jogger, die mehrmals in der Woche mit hoher Geschwindigkeit (mehr als 7 Meilen pro Stunde) liefen, ein höheres Sterberisiko als Menschen, die niemals joggten (J Am Coll Cardiol 2015; 65: 411-9). Und in der britischen Million Women Study erkrankten Frauen, die mehrmals in der Woche Sport trieben, häufiger an einer koronaren Herzkrankheit als unsportliche Frauen (Circulation 2015; 131:721-9).

Andere Studien haben gezeigt, dass Extremsportarten wie Marathon oder Triathlon die Konzentration des Herzinfarktmarkers Troponin im Blut erhöhen (J Am Coll Cardiol 2010; 56:169-76) oder zu einer vermehrten späten Anreicherung von Gadolinium führt. Sie zeigt eine Narbenbildung im Herzmuskel an gilt als Risikomarker für einen plötzlichen Herztod (Radiology 2009; 251:50-57). Extremsportler scheinen auch früher an Vorhofflimmern zu erkranken (Europace 2009; 11: 1156-9).

Es könnte deshalb sein, dass zu intensive sportliche Aktivitäten dem Herzmuskel auf Dauer schaden. Neben dem Athleten-Herz des gesunden Sportlers diskutieren Kardiologen derzeit auch das Krankheitsbild der „Exercise-induced cardiac fatigue“, einer chronischen Erschöpfung des Herzmuskels durch Sport (J. Physiol 2016; doi: 10.1113/JP272168). Nach diesem Konzept könnte die wiederholte Überbeanspruchung bei Extremsportlern den fibrotischen Umbau des Herzmuskels fördern und sich vermehrt Kalk in den Koronarien ablagern. 

Die Frage, ob extremer Sport Herzmuskel und Koronarien Schaden zufügt, ist jedoch nicht entschieden. Es gibt auch epidemiologische Studien, die den Teilnehmern von Extremsportarten eine bessere Gesundheit bescheinigen. So haben häufige Teilnehmer des Wasa-Laufs, bei dem Amateure bei eisiger Witterung auf einer 90-km-Skilang­laufstrecke an ihre Grenzen gehen, langfristig ein deutlich vermindertes Sterberisiko (J Intern Med. 2003; 253: 276-83). 

Und auch der Nachweis von Koronarkalk muss per se kein schlechtes Zeichen sein. In dem vergrößerten Athletenherz mit seinen größerkalibrigen Koronarien könnte ganz einfach mehr Platz für Verkalkungen sein, schreibt Laddu. Der Herzinfarkt selbst wird nicht von den atherosklerotischen Plaques ausgelöst, sondern von ihrer Ruptur, die zur Bildung eines Blutgerinnsels führen, das das Koronargefäß verlegt. Was, so Laddu, wenn die Extremsportler zwar mehr, aber stabilere Plaques hätten? © rme/aerzteblatt.de

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PointVital
am Donnerstag, 19. Oktober 2017, 06:25

Mittelmaß

Wie immer macht die Dosis das Gift. Extrem war noch nie gut, ganz gleich was man betrachtet.
LNS

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