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Politik

Jeder achte Retter in Nordrhein-Westfalen war schon Opfer von Gewalt

Mittwoch, 18. Oktober 2017

/Giovanni Cardillo, stock.adobe.com

Düsseldorf – Beschimpft, beleidigt und oft auch mit Gewalt attackiert: Eine Studie für die nordrhein-westfälische Landesregierung beschreibt das Ausmaß der Angriffe auf Rettungskräfte im Einsatz. Danach ist in Nordrhein-Westfalen (NRW) jeder achte Feuerwehrmann und Rettungsdienstmitarbeiter in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von körperlicher Gewalt geworden.

Noch deutlich häufiger würden Einsatzkräfte angepöbelt, teilten das Innen- und das Ge­sund­heits­mi­nis­terium heute mit. Über Beleidigungen bei Einsätzen hätten 60 Prozent der für die Untersuchung befragten Rettungskräfte berichtet. Für die Umfrage hatten 810 Einsatzkräfte über ihre Gewalterfahrungen Auskunft gegeben.

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Gefährlich sind Abend- und Nachtstunden

Mehr als die Hälfte der Vorfälle ereigneten sich zufolge in den Abend- und Nachtstunden – laut Untersuchung ein Hinweis darauf, dass Alkohol und Drogen oft eine Rolle spielen. In 55 Prozent der Fälle körperlicher Gewalt berichteten die Befragten von erkannter Alkoholintoxikation. Die Autoren der Studie betonten, dass dies wahrscheinlich auf deutlich mehr Fälle zutrifft, aber nicht immer erkannt wird. So schätzen Autoren anderer Studien, dass bis zu 95 Prozent der Täter unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehen.

Zu gewaltsamen Übergriffen kommt es den Forschern zufolge zudem häufiger in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern wie Düsseldorf, Köln oder Essen. Die Täter sind demnach in rund 90 Prozent der Fälle 20 bis 39 Jahre alte Männer. In fast drei Viertel der Fälle gehe die Gewalt von den Patienten selbst aus.

Keine Vorwarnung

Die gewalttätigen Übergriffe sind darüber hinaus selten vorhersehbar: 80 Prozent der körperlichen Übergriffe kamen ohne Vorwarnung und plötzlich. „Die Gewalt kommt ohne Vorwarnung“, sagte die Geschäftsführerin der an der Untersuchung beteiligten Unfallkasse NRW, Gabriele Pappai. Die befragten Retter hatten berichtet, dass sie während der Diagnose und Erstversorgung angegriffen worden seien.

Besorgniserregend sei, dass die Einsatzkräfte häufig überzeugt seien, dass solche Übergriffe zum Job gehörten, betonte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Komba, Andreas Hemsing. Er appellierte an die Betroffenen, „jeden Fall von Gewalt zu melden und strafrechtlich verfolgen zu lassen“.

Studienautor Thomas Feltes, Lehrstuhl Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft Juristische Fakultät Ruhr-Universität Bochum, betonte, dass die Einsatzkräfte daher noch stärker als bisher auf diese Situationen vorbereitet werden müssten. Zudem sollte die Einsatzleitstelle in die Lage versetzt werden, möglichst viele Informationen zu den Bedingungen des Einsatzes zusammenzustellen. „Auch eine intensive Kooperation mit der Polizei kann weiterhelfen“, sagte Feltes.

Laut Studie wünschen sich 70 Prozent der Befragten mehr Fortbildung in den Bereichen Deeskalation und Selbstverteidigung. Der Lehrstuhl für Kriminologie der Ruhr-Universität Bochum hatte für die Studie etwa 4.500 Einsatzkräfte angeschrieben, 810 beteiligten sich. Die komplette Auswertung soll im Januar vorgestellt werden.

Nicht hinnehmbar

„Es ist nicht hinnehmbar, dass Helfer bei einem Notfall Sorge haben müssen, selber angegriffen zu werden“, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU). Für Innenminister Herbert Reul (CDU) zeigen die Angriffe „ein erschütterndes Maß an Verrohung“.

Die Bundesregierung hat in Deutschland kürzlich härtere Strafen für Angriffe ins­besondere auf Polizisten sowie Notärzte, Hilfskräfte der Feuerwehr, des Katas­trophenschutzes und der Rettungsdienste beschlossen. Niedergelassene Ärzte und Krankenhausärzte sind allerdings nicht in das Gesetz eingeschlossen.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) hatte bereits auf dem Neujahrsem­p­fang der deut­schen Ärzteschaft in Berlin „Null Toleranz“ für Übergriffe auf Rettungs­kräf­te, Ärzte und Helfer gefordert. „Wir sehen in den letzten Jahren eine steigende Tendenz solcher Gewalttaten“, sagte er. Die Täter hätten „nicht nur die ganze Härte des Rechtsstaates, sondern auch eine klare, gesell­schaftliche Ächtung verdient“, so der Minister. © dpa/may/aerzteblatt.de

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