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Medizin

Präexpositions­prophylaxe bei MSM könnte schon nach 20 Jahren Kosten einsparen

Donnerstag, 19. Oktober 2017

/dpa

London – Die Präexpositionsprophylaxe, die weithin als effektive Methode zur Eindämmung der HIV-Epidemie in der MSM-Risikogruppe angesehen wird, könnte sich nach einer Berechnung in Lancet Infectious Diseases (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(17)30540-6) nach etwa 40 Jahren als kosteneffektiv erweisen. Sollten die Kosten der Medikamente nach Ende des Patentschutzes um 80 Prozent sinken, könnte der Zeitpunkt bereits nach 20 Jahren erreicht werden.

In Großbritannien sind wie in den meisten westlichen Ländern, so auch in Deutschland, Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, die Hauptrisikogruppe für eine HIV-Infektion. Die Zahl der Neuinfektionen ist in dieser Gruppe anhaltend hoch. Von den schätzungsweise 585.000 schwulen Briten im sexuell aktiven Alter infizieren sich jedes Jahr etwa 3.500 neu mit HIV.

Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) bietet den MSM eine durch Studien belegte effektive Möglichkeit, sich vor einer Ansteckung zu schützen. Der National Health Service (NHS) konnte sich – wie auch die Krankenkassen in Deutschland – jedoch bisher nicht dazu durchringen, die Behandlung zu bezahlen. Die meisten MSM sind jedoch nicht in der Lage oder willens, die etwa 50 Euro pro Packung (mit 28 Tabletten) für den Gesundheitsschutz zu investieren, zumal die Behandlung einer HIV-Infektion vom NHS bezahlt wird.

Die kostenlose Abgabe der PrEP-Pillen mit den Wirkstoffen Emtricitabin und Tenofovir könnte nach Ansicht der meisten Experten einen wichtigen Beitrag zu Eindämmung der HIV-Epidemie unter den MSM leisten, und sie wäre nach den jetzt von Valentina Cambiano vom University College London und Mitarbeitern vorgelegten Berechnungen auch kosteneffektiv.

In einem Szenario würden im ersten Jahr vermutlich 4.000 MSM die PrEP nachfragen. Der Anteil würde allmählich ansteigen und nach fünf Jahren könnten sich 16.600 MSM vor und nach einem ungeschützten Sexualkontakt durch die Einnahme der PrEP-Pillen vor einer Ansteckung schützen. Die Berechnungen beziehen sich auf eine anlass­bezogene PrEP, die vermutlich nicht ganz so effektiv ist wie die bei häufigen Sexualkontakten empfohlene dauerhafte PrEP.

Über 80 Jahre würde die kostenlose PrEP 44.300 HIV-Infektionen (oder ein Viertel aller ohne PrEP zu erwarteten 178.900 HIV-Infektionen) vermeiden. Die Einsparungen durch vermiedene Ausgaben für Medikamente oder ärztliche Behandlungen würden im gesamten Zeitraum von 80 Jahren vermutlich eine Milliarde Pfund betragen, rechnet Cambiano vor. Der Break-even-Point wäre nach etwa 40 Jahren erreicht. 

Diese Berechnungen beruhen auf den derzeitigen Kosten der PrEP-Pillen. Unter der Voraussetzung, dass die Preise nach Auslaufen des Patentschutzes für Emtricitabin und Tenofovir um 80 Prozent sinken, was Cambiano für realistisch hält, könnte die Finanzierung der PrEP bereits nach 20 Jahren zu Kosteneinsparungen führen, schreibt die Forscherin.

Die Berechnungen überzeugen Paul Revill von der Universität York, der sich im Editorial für die Kostenübernahme durch die NHS ausspricht. Wenn die NHS-Entscheidungsträger geschickte Verhandlungen mit den Herstellern führen, könnte sie die PrEP möglicherweise schon jetzt zu einem günstigeren Preis einkaufen, was dann noch früher zu Kosteneinsparungen im Gesundheitsweisen führen werde. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 20. Oktober 2017, 10:33

"Dr. Seltsam - oder wie ich lernte die HIV-Zeitbombe zu lieben?"

Wenn der DÄ-Titel lautet: "Präexpositions­prophylaxe bei MSM könnte schon nach 20 Jahren Kosten einsparen", es aber im Fließtext des Deutschen Ärzteblattes (DÄ) dann lautet: "Die Präexpositionsprophylaxe, die weithin als effektive Methode zur Eindämmung der HIV-Epidemie in der MSM-Risikogruppe angesehen wird, könnte sich nach einer Berechnung in Lancet Infectious Diseases (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(17)30540-6) nach etwa 40 Jahren [unter Berücksichtigung eines absurd-fiktiven Einsparpotenzials von 80 Prozent schon nach 20 Jahren]...als kosteneffektiv erweisen"...kann man(n) schon ob dieser widersprüchlichen Angaben ins Grübeln kommen.

Wenn es dann noch in "Cost-effectiveness of pre-exposure prophylaxis for HIV prevention in men who have sex with men in the UK: a modelling study and health economic evaluation" von Valentina Cambiano et al. lautet:
"...the underlying trend in condomless sex" fragt man(n) sich schon, ob hier der Kondom-freie Sex in HIV-Hochrisikogruppen eher gefördert oder gleich akzeptiert werden soll?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G.Schätzler, FAfAM dortmund

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