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Medizin

Aristolochiasäuren in Naturheilmitteln häufige Ursache von Leberkrebs in Asien

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Aristolochia clematitis
Aristolochia clematitis /dpa

Singapur – Aristolochiasäuren in chinesischen Heilkräutern, die trotz Verbots in vielen Ländern im Internet gehandelt werden, sind möglicherweise in Taiwan und anderen ostasiatischen Ländern eine häufige Ursache für Leberkrebs. Dies lässt eine Publikation in Science Translational Medicine (2017; 9: eaan6446) vermuten, die in vielen Tumoren für Aristolochiasäure charakteristische mutagene Signaturen nachwies.

Aristolochiasäuren kommen als natürlicher Pflanzeninhaltsstoff in vielen Pflanzen der Gattung Aristolochia („Pfeifenblumen“) vor, die etwa 400 bis 500 Arten umfasst. Sie waren bereits in der Antike ein wichtiges Naturheilmittel, das zum Beispiel bestens (gr. aristos) zur Förderung der Geburt (gr. locheia) geeignet schien. Heute werden Aristolochia-Pflanzen vor allem in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet – obwohl seit Längerem bekannt ist, dass Aristolochiasäuren die Nieren schädigen und Krebs verursachen können.

Aristolochiasäuren gelten als Ursache der Balkan-Nephropathie. In einigen Land­strichen des Balkans erkrankten die Menschen, weil sie über Jahre mit Aristolochia­säuren kontaminiertes Mehl verwendet hatten. Das Pflanzengift wird auch für Urothelkarzinome des oberen Harntraktes verantwortlich gemacht, die wie das Nierenversagen in Taiwan ungewöhnlich häufig auftreten. Toxikologen führen dies auf die Beliebtheit chinesischer Heilkräuter zurück. Diese dürfen zwar seit 2003 in Taiwan keine Aristolochiasäuren mehr enthalten, doch das Verbot lässt sich kaum einhalten. 

Die Einnahme von Aristolochiasäuren hinterlässt im Erbgut eine spezielle mutagene Signatur: Aus nicht genau bekannten Gründen kommt es bevorzugt zu einem Austausch der Base Adenin (A) durch Thymin (T). Ein hoher Anteil von „A>T“-Mutationen erlaubt den Rückschluss, dass die betroffene Person über längere Zeit Aristolochiasäuren ausgesetzt war.

Ein Team um Steven Rozen von der Duke-NUS Medical School in Singapur hat die mutagene Signatur der Aristolochiasäuren jetzt in Leberkrebszellen von 76 von 98 Patienten (78 Prozent) aus Taiwan gefunden. Sie haben daraufhin auch das Genom von Leberkrebszellen aus anderen Ländern untersucht. In der Volksrepublik China lag der Anteil bei 47 Prozent, in Südostasien bei 29 Prozent, in Korea bei 13 und in Japan (wo chinesische Heilkräuter nicht so populär sind) bei 2,7 Prozent. Auch Tumore aus Nord­amerika und Europa enthielten zu 4,8 und 1,7 Prozent die mutagene Signatur von Aristolochiasäuren.

Laut Rozen ist es in Taiwan seit dem Verbot von Aristolochiasäuren nicht zu einem Rückgang der mutagenen Signatur gekommen. Dies könnte daran liegen, dass sich die Tumore erst nach einer langen Latenz entwickeln. Es ist aber auch möglich, dass das Verbot umgangen wird. Im Internet fanden die Forscher mehrere Seiten, in denen Aristolochiasäuren-haltige Heilkräuter weiterhin angeboten werden.

Die hohe Zahl von „A>T“-Mutationen führt nach Einschätzung von Rozen zur Bildung von zahlreichen Neoantigenen, die auf der Zelloberfläche ein Angriffspunkt für die körpereigene Immunabwehr sind. Die Krebsimmuntherapie, die diesen natürlichen Krebsschutz unterstützt, könnte deshalb bei Krebsarten, die durch Aristolochiasäuren ausgelöst werden, wirksam sein, spekuliert Rozen. © rme/aerzteblatt.de

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