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Medizin

Umweltverschmutzung verursachte 2015 mindestens neun Millionen Tote

Mittwoch, 25. Oktober 2017

/dpa

New York – Weltweit kamen 2015 schätzungsweise neun Millionen Menschen durch Umweltverschmutzung zu Tode. Insbesondere Menschen aus Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen waren gefährdet. Zusammen mit Erstautor Philip Landrigan von der Mount Sinai School of Medicine berichtete eine internationale Expertenkomission in The Lancet (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)32345-0).

Umweltverschmutzung beinhaltet viel Aspekte wie Luftverschmutzung, Verunreinigung von Böden und Gewässern und ein zunehmendes Müllproblem. Die in armen Ländern steigenden COPD-Raten sind unter anderem durch eine massiv zunehmende Luft­verschmutzung und Feinstaubbelastung bedingt. Während oft Infektionskrankheiten, Unterernährung, fehlende Impfungen und mangelhafte Versorgungsstrukturen als weltweit relevante Verursacher von Tod und Erkrankungen gehandelt werden, könnten die Folgen von Umweltverschmutzung unterschätzt werden, so die Autoren.

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Daten sollen Entscheidungshilfe sein

Die „Commission on Pollution and Health“, die die Ergebnisse der vorliegenden Studie auswertete, besteht aus mehr als 40 Experten aus dem Feld Epidemiologie und Umweltmedizin. Für die Studie nutzten die Forscher Daten des Global-Burden-of-Disease-(GBD-)Projekts. Das GBD-Projekt ist eine Initiative der Weltgesundheits­organisation WHO, der Weltbank und der Harvard Universität. Regelmäßig werden im Rahmen des Projekts Daten zu den weltweit bedeutendsten Erkrankungen, Behinde­run­gen und Todesfällen erhoben. Die Daten sollen eine Entscheidungshilfe für politische und gesellschaftliche Verbesserung sein.

Als den wichtigsten Faktor für die Umweltverschmutzung konnten die Forscher die Luftverschmutzung identifizieren. Neben der Verschmutzung durch Industrie und Kraft­fahrzeuge kommt die Belastung durch Verbrennung organischer Brennstoffe hinzu. In ärmeren Länder wird häufig noch offenes Feuer zum Kochen oder zur Entsor­gung von Haushaltsmüll eingesetzt. Herzinfarkte, Schlaganfälle, COPD und Lungen­krebs sind mögliche Folgeerkrankungen. Die Wissenschaftler schätzen, dass 2015 etwa 6,5 Millionen Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung gestorben sind.

Die Verunreinigung von Gewässern und schlechte Sanitäranlagen begünstigen den Ausbruch von Infektionskrankheiten. Nach den Berechnungen der Forscher entstanden 2015 1,8 Millionen Tote allein durch verunreinigte Gewässer. Durch Belastungen am Arbeitsplatz in der Asbest-, Färbe- und Kohleindustrie starben 800.000 Menschen an  Folgeerkrankungen wie Krebs oder einer Silikose. Eine halbe Million Menschen verstarben 2015 laut der Untersuchung durch Bleivergiftungen.

Da die gesundheitlichen Folgen vieler chemischer Verbindungen noch nicht abzusehen sind, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass ihre Schätzungen eher konservativ sind. 92 Prozent der Toten lebten in Schwellen- und Entwicklungsländern, wobei der größte Anteil aus aufstrebenden Ländern wie Indien und China kam. 

Die Forscher geben zu Bedenken, dass diese Zahl die jährlichen Gesamttoten durch Tuberkulose, Aids und Malaria um das Dreifache übersteigt. Eine zunehmende Verschmutzung ist somit nicht nur ein Problem für die Umwelt, sondern auch für die in ihr lebenden Menschen. Zu den gesundheitlichen Problemen kämen außerdem noch wirtschaftliche Kosten und soziale Probleme. Politische Maßnahmen, die in wirtschaft­lich stark wachsenden Ländern wie China und Indien die Verschmutzung reduzieren, seien daher dringend vonnöten, so die Forscher. © hil/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 1. November 2017, 15:30

"Pollution-Priorisierung"?

"Pollution-Priorisierung"? - Wenn dieser Schuss der LANCET-Commission nicht mal nach hinten losgeht?

Es ist hoffnungslos unredlich, nicht zu leugnende Gefahren und Risiken von Umweltverschmutzung als quantitatv "führend unter den weltweiten Todesursachen" aufzuführen, wenn es dafür keine Empirie, sondern nur vage Schätzungen und Vermutungen, ein eklatantes Nord-Süd-Gefälle, eine Arm-Reich-Disparität und einen weltweit fehlenden Ökonomie-Ökologie-Diskurs in den Ländern der 1. 2. und 3. Welt gibt.

Wenn behauptet wird, Umweltverschmutzung „tötet mehr Menschen als Krieg, Hunger, Malaria, AIDS oder Tuberkulose“, müssten wir Ärztinnen und Ärzte hellhörig werden: Sollten wir uns dann um die letztgenannten fünf existenziellen Probleme der Menschheit etwa nicht mehr so viel kümmern dürfen, um einer "Pollution-Priorisierung" Platz zu machen?

Was machen wir denn, wenn unsere an Umwelt-Belastungen erkrankten Patientinnen und Patienten ausgerechnet mit einem Dieselfahrzeug, mit einem Methan-ausstoßenden Nutztier oder gar mit dem Helikopter zu uns gebracht werden?

Und wenn Andrew McCator von der Umweltorganisation Pure Earth bzw. viele andere seiner Mitstreiter/-innen aus anderen Umweltverbänden nicht doch erhebliche, unausgesprochene "conflicts of interest" haben, indem sie immer nur die Kehrseite der Umwelt- und Entwicklungs-Medaille betrachten?

Die LANCET-PUBLIKATION von 2016 "Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 310 diseases and injuries, 1990–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015" der GBD 2015 Disease and Injury Incidence and Prevalence Collaborators, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(16)31678-6, funded by Bill & Melinda Gates Foundation, formulierte da eine ganz andere Diktion. Doch auch dort habe ich zu bedenken gegeben, dass man die "Allgemeine Lebenserwartung weder schön- noch schlechtreden" sollte! "Dass die Lebenserwartung der Weltbevölkerung seit 1980 um mehr als zehn Jahre auf 69,0 Jahre bei Männern und 74,8 Jahren bei Frauen gestiegen ist, lässt sich nicht als lineare Funktion fortsetzen. Dagegen stehen Umweltproblematik, Überbevölkerung, Versorgungs- und Ressourcenknappheit, Migration, Genetik, Epigenetik und exogene bzw. endogene Einflüsse der Entropie.
Dies scheint auch bei dem im Wesentlichen von der Bill & Melinda-Gates-Stiftung geförderten Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) unter der Leitung von Christopher Murray noch nicht angekommen zu sein. http://www.healthdata.org/news-release/increase-global-life-expectancy-offset-war-obesity-and-substance-abuse

Wesentlich für die Limitierung der weltweiten Lebenserwartung sind nicht nur Krieg, Adipositas und Drogenmissbrauch ["Increase in global life expectancy offset by war, obesity, and substance abuse"]. Sondern auch Diabetes mellitus, Alkohol- und Zigaretten-, Zucker- und Kohlenhydratkonsum, Bewegungsmangel, Fehlernährung, Endothelschäden, neue Krankheitserreger, Umweltbelastungen, Armut, Hunger und Not, Mangelversorgung, Terrorismus, Fundamentalismus und der globale Verteilungskampf um die ökonomische und politische Vorherrschaft: Ja selbst die Spaltung zwischen Arm und Reich oder der Zugang zu sauberem Trinkwasser und unbelasteten Nahrungsmitteln können zusätzlich die Lebenserwartung verringern oder "quality of life"-Ansprüche schmälern.

Musterbeispiel USA: Die immer weiter aufgehende Schere zwischen der Unterschicht mit stark sinkender Lebenserwartung kann gar nicht mehr durch die wesentlich höhere Lebenserwartung der Oberschicht kompensiert werden, so dass die allgemeine Lebenserwartung aktuell stagniert und in sozialen Brennpunkten deutlich sinkt.

Paradox ist auch: Konzerne, die ihre Geschäftspolitik im Informatik-Zeitalter nahezu ausschließlich auf Konsumentinnen und Konsumenten in postindustriellen Gesellschaften mit hoher Innovationgeschwindigkeit ausgerichtet haben, tragen eher zur Verschwendung der "Habenden" als zur Umverteilung für die "Nicht-Habenden" bei, und limitieren damit die Lebenserwartung einer globalen Unterschicht von Unterprivilegierten. Sie sollten dies nicht auch noch durch Förderung von wissenschaftlichen Einrichtungen verschleiern, welche versuchen, die Lebenserwartung schön zu reden.

Die Global Burden of Disease Studie, ebenfalls gefördert von der Bill & Melinda Gates Foundation, von 2015 mit dem Titel "Global, regional, and national life expectancy, all-cause mortality, and cause-specific mortality for 249 causes of death, 1980–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015", publiziert als "GBD 2015 Mortality and Causes of Death Collaborators, and others" The Lancet'http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)31012-1/fulltext
formulierte es wesentlich vorsichtiger als das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME): Interpretation: ...Trotz der Fortschritte bei der Reduzierung altersstandardisierter Sterberaten bedeuten Bevölkerungswachstum und Älterwerden, dass die Zahl der Todesfälle bei den meisten nicht-übertragbaren Krankheiten in den meisten Ländern zunehmen und damit zunehmende Herausforderungen für die Gesundheitssysteme darstellen. ["Interpretation - At the global scale, age-specific mortality has steadily improved over the past 35 years; this pattern of general progress continued in the past decade. Progress has been faster in most countries than expected on the basis of development measured by the SDI. Against this background of progress, some countries have seen falls in life expectancy, and age-standardised death rates for some causes are increasing. Despite progress in reducing age-standardised death rates, population growth and ageing mean that the number of deaths from most non-communicable causes are increasing in most countries, putting increased demands on health systems. Funding - Bill & Melinda Gates Foundation."] Also nichts mit problemlos steigender Lebenserwartung! Es gibt insbesondere in der Medizin-, Grundlagen-, Umwelt- und Versorgungsforschung weitaus mehr Einfluss-, Risiko- und Stellgrößen, als wir uns gemeinhin fach-, interessens- und Lobby-bezogen vorstellen können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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