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Schlaganfall: Eine kontinuierliche Nachsorge wird in Deutschland nicht gewährleistet

Freitag, 27. Oktober 2017

Mann fasst sich an den Kopf/ BillionPhotos.com, stock.adobbe.com
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Berlin – Anlässlich des Weltschlaganfalltags am 29. Oktober machten Experten der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) auf einer Pressekonferenz erneut auf die unzureichende Nachsorge aufmerksam. Für eine kontinuierliche Versorgung nach einem Schlaganfall sei in Deutschland nicht gesorgt, sagte Armin Grau, 3. Vorsitzender der DSG. Zudem kündigten die Schlaganfallexperten auf dem Podium eine neue Therapieoption beim juvenilen Schlaganfall an.

Laut der aktuellen Gesundheitsbericht­erstattung des Bundes haben hierzulande rund 1,76 Millionen Erwachsene mindestens einmal in ihrem Leben einen Schlaganfall erlitten.

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Bereits seit 2004 macht die Welt­gesund­­heitsorganisation (WHO) auf den drängenden Bedarf für ein Kontinu­um der Versorgung nach einem Schlag­an­fall aufmerksam.  Zwar nimmt die Akutversorgung in der Bundesrepublik europaweit eine Vorreiterrolle ein – Strukturen für eine gute Nachsorge bestehen bisher jedoch kaum. In Deutschland erleiden 3,5 bis 5,5 Prozent innerhalb von 90 Tagen erneut einen Schlaganfall. Studien zeigen, dass man optimal einen Wert von 2 Prozent erreichen könne, berichtet Grau. „Es gibt also noch Luft nach oben“, so sein Fazit.

Trotz effektiver Therapieoptionen blieben nach einem Schlaganfall häufig chronische Probleme wie Lähmungserscheinungen und Sprachstörungen zurück, führt Grau weiter aus. Etwa zwei Drittel aller Betroffenen behalten nach einem Schlaganfall Beeinträch­ti­gungen. „Im ersten Jahr nach einem Schlaganfall entwickeln rund 30 Prozent der Patienten Ängste oder Depressionen, und 10 Prozent zeigen einen relevanten kogni­tiven Abbau. Etwa die Hälfte der Betroffenen stürzt“, erklärt Grau. Weitere häufige Komplikationen seien epileptische Anfälle, Muskelverkrampfungen in gelähmten Gliedern, Schmerzen und Inkontinenz. Zudem könnten durch die Pflegebedürftigkeit auch Konflikte mit pflegenden Angehörigen auftreten.

DSG empfiehlt interdisziplinäres Nachsorgenetzwerk

Eine Nachsorge könnte diese Folgeschäden reduzieren. Dafür bestehen in Deutschland bisher jedoch kaum Strukturen. Die DSG sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf: Sie plädiert für ein Modell mit einem interdisziplinären Nachsorgenetzwerk aus Hausärzten, Kliniken und einer speziellen Schlaganfall-Pflegekraft – einer Stroke Nurse. „Der Stroke Nurse fallen dabei koordinierende Aufgaben zu: Sie beugt mög­lichen Komplikationen vor, indem sie Zielabweichungen – etwa beim Blutdruck – systematisch erfasst und für eine geeignete Behandlung in Zusammenarbeit mit den Ärzten sorgt.“

Im Gegensatz zur Nachsorge ist Deutschland in der Akutversorgung von Schlaganfall­patienten schon jetzt gut aufgestellt: So wird die mechanische Thrombektomie (MTE) fast flächendeckend gewährleistet. „Die Thrombektomie kann schwere Behinderungen nach einem Schlaganfall verhindern, da verstopfte Hirnarterien mittels eines Mikro­katheters von einem großen Blutgerinnsel befreit werden“, erläutert Darius Nabavi, Vorsitzender der Stroke Unit Kommission der DSG und Chefarzt der Klinik für Neurologie am Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin. „Die Thrombektomie gilt seit 3 Jahren als fest etablierte Therapie“, so Martin Dichgans, 1. Vorsitzender der DSG und Direktor des Instituts für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Klinikum der Universität München.

Neue Therapieoption beim juvenilen Schlaganfall

Neue Empfehlungen könnte es schon bald bei der Therapie des juvenilen Schlaganfalls geben. „Trotz guter Therapiemöglichkeiten bleibt etwa 1 Drittel von ihnen dauerhaft arbeitsunfähig“, sagt Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der DSG. Bei jungen Patienten unterscheiden sich die Ursachen deutlich von älteren Schlaganfallpatienten über 60 Jahre. Beispielsweise der Verschluss eines offenen Foramen ovale (PFO) trete weit häufiger im jungen Alter auf, erklärt Schäbitz. Entgegen früherer Studien könnte der Verschluss dieses PFO bei Patienten mit kryptogenem Schlaganfall einer thrombo­zytenaggregationshemmenden Therapie überlegen sein – jedoch nur dann, wenn andere Ursachen wie etwa Gerinnungsstörungen, rheumatische Gefäßentzündungen oder -verletzungen ausgeschlossen werden könnten, sagt Nabavi. Darauf weisen gleich drei im NEJM 2017 publizierte Studien hin. Im Deutschen Ärzteblatt wurde darüber berichtet:

Kryptogener Schlaganfall: Ein Schirmchen schützt – mitunter

Im Gegensatz zur bisherigen Evidenz schützt der Verschluss eines offenen Foramen ovale (PFO) wohl doch besser vor dem Rezidiv als eine medikamentöse Therapie. Dies gilt aber nur für Patienten, die unter 60 Jahre alt sind und deren Shunt groß ist. Bisher galt: Der Verschluss eines offenen Foramen ovale (patent foramen ovale, PFO) bei Patienten mit kryptogenem Schlaganfall ist einer

„Wir gehen davon aus, dass diese Studienergebnisse den Verschluss der PFO bei einigen jungen Patienten bei der nächsten Aktualisierung der Leitlinie aufnehmen werden – auch wenn dies aller Voraussicht nach keine allzu euphorische Empfehlung sein wird“, ist Schäbitz überzeugt. Bisher wird davon noch abgeraten, unter anderem aufgrund eines erhöhten Risikos für Vorhofflimmern. „An den großen Zentren wurde der Verschluss des PFO dennoch in den letzten Jahren auch ohne Leitlinienempfehlung durchgeführt. Und zwar immer dann, wenn die PFO als Verursacher eingeordnet wurde“, sagt der Chefarzt an der Klinik für Neurologie am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld-Bethel. © gie/aerzteblatt.de

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