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Medizin

Versorgung depressiver Patienten in der Hausarztpraxis

Freitag, 27. Oktober 2017

Köln – Bei der Versorgung depressiver Patienten in der Hausarztpraxis sind noch Defizite zu verzeichnen. Geht man von den selbstberichteten Beschwerden in einem Patientenfragebogen (Depression Screening Questionnaire) aus, werden rund 60 Prozent der Patienten mit Depression nicht leitliniengerecht mit Antidepressiva und/oder Psychotherapie behandelt.

In den Fällen, in denen auf eine depressive Störung erkannt wird, bekommen Hausarztpatienten häufiger eine medikamentöse als eine psychotherapeutische Behandlung. Diese Ergebnisse einer epidemiologischen Querschnittsstudie stellen Sebastian Trautmann und Katja Beesdo-Baum vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes vor (Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 721-28).

Behandlung depressiver Störungen in der primärärztlichen Versorgung

Depressive Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen (1) und sind mit erheblichen individuellen und gesellschaftlichen Kosten verbunden (2, 3). Vor diesem Hintergrund ist eine frühe Erkennung und effektive Behandlung von großer Bedeutung. 

Mit einer Stichtagserhebung in sechs Regionen Deutschlands wurden die Frage­bogenangaben von 253 Ärzten und von 3.563 zufällig ausgewählten Patienten hinsichtlich der Diagnose und Behandlung von Depression ausgewertet.

Diagnostizieren Hausärzte eine depressive Störung, so behandeln sie in etwa 80 Prozent der Fälle die Patienten selbst. Gut ein Drittel der Patienten bekommt vom Arzt Antidepressiva verschrieben, unabhängig vom Schweregrad der Depression. Dies zeige, schreiben die Autoren, dass die in den Leitlinien vorgeschlagene Präferenz von psychotherapeutischen gegenüber medikamentösen Interventionen bei leichter Depression in der Routineversorgung noch nicht breit umgesetzt werde.

Vor diesem Hintergrund betonen die Autoren die Notwendigkeit, den Hausärzten in der Aus- und Weiterbildung differenziertere Fähigkeiten zur Diagnostik und Indikations­stellung zu vermitteln. Ein Disease-Management-Programm (DMP) Depression könnte zur Reduktion der bestehenden Unterversorgung beitragen. Eine möglichst genaue Diagnose depressiver Störungen durch den Hausarzt sei essenziell, damit dieser in zentraler Rolle als Gatekeeper die notwendigen Behandlungen durch Überweisung in die Wege leiten könne.   © tg/aerzteblatt.de

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Mehrländer
am Samstag, 28. Oktober 2017, 14:26

Unvollständiges Resümee

Ein offensichtliches und vielleicht sogar das wichtigste Resümee haben die Studienautoren (bewusst?) versäumt zu ziehen:

Psychiater sind für Diagnostik und Indizierung einer Therapie einer Depression überflüssig. Ein Fragebogen und daraus folgend gegebenenfalls Psychotherapie und Medikation gemäß der Leitlinie sind vollkommen ausreichend. Nur unter der Prämisse, dass dies so zutrifft, hat die Studie überhaupt eine Validität. Und hieraus folgt dann ebenfalls als sehr wichtige Schlussfolgerung, dass es umso dringender der Hausärzte bedarf, die ressourcenorientiert die Patienten in der Betreuung über Jahrzehnte begleiten und mit ihnen gemeinsam entscheiden, wann und ob welche Form der Therapie sinnvoll und gewünscht ist, denn auch Patientenpräferezenzen sind in der Studie nicht abgebildet. Aufgrund eines Fragebogens alleine eine Diagnose zu stellen und daraus eine Therapie abzuleiten läuft hausärztlichem Arbeiten zuwider und ist aus meiner Sicht unärztlich und unethisch. Dass zumindest die Studoenautoren dies aber für legitim halten, erklärt auch, warum diese sich so sehr für das genannte DMP einsetzen. Ein weiteres patientenfernes Instrument, das als Mindestvoraussetzung vor seiner Einführung im hausärztlichen Setting dort breit evaluiert sein sollte.
Warum fachfremde Kollegen sich anmaßen, hausärztliches Arbeiten zu beurteilen, bleibt weiterhin offen. Es bleibt zu hoffen, dass dies ein trauriger Einzelfall bleibt.
manticor
am Samstag, 28. Oktober 2017, 14:13

Sprache entlarvt Haltung

Warum ein Artikel im Ärzteblatt auch noch eine Nachricht in selbiger Publikation nötig hat, erschließt sich mir nicht.

Dass sich die Psychiatrie in einer Krise befindet, was die Therapie der Depression angeht, ist umso offensichtlicher. Antidepressiva, für fast alle Patienten als Superplacebos entlarvt, sollen nun durch das Nadelöhr Psychotherapie ersetzt werden, deren Vielfalt in Methodik und Qualität eine wissenschaftliche Beurteilung noch schwieriger macht als Pharmakotherapie.
Die Präferenz der Patienten ist nunmal nicht leitliniengerecht und für viele Fälle ist die (Placebo-)Wirkung des Antidepressivum erstmal verlockender (und manchmal sogar ausreichend) als auf der Warteliste eines Psychotherapeuten zu versauern.

Depressionsdiagnosen ziehen sich wie eine Seuche durch Deutschland. Ich sehe hier weniger Unterversorgung als Überdiagnose. Analog zur "somatischen Fixierung" bei lumbalen Rückenschmerzen, sehe ich hier die Gefahr der Bahnung einer psychiatrischen Patientenkarriere. Sprachlich interessant wird die Depression mittlerweile immer häufiger in den Plural gesetzt und zu "Ich habe Depressionen". Nicht nur eine, sondern mehrere. Was für eine fiese Krankheit.

Warum nun wieder ein DMP ins Spiel gebracht wird, wo alle bereits bestehenden entweder nicht sinnvoll evaluierbar sind oder nur mäßigen bis keinen Erfolg für harte Endunkte erbracht haben, läßt sich nicht sachlich erklären. Hier hört man Narzissmus der Psychiatrieelite trapsen.

Der abschließende Satz der Nachricht weißt dem Hausarzt eifersüchtig seinen Platz zu, welcher ja 80% der Patienten bisher selbst behandelt: Er soll eine schicke Diagnose machen und den unangenehmen Teil erledigen, dem Patienten dies beizubringen und therapiewillig zu machen. Am besten im Korsett eines DMP. Und dann, na was? Richtig: Überweisen.

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