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Politik

Thüringen will Impfmüdigkeit von Ärzten und Senioren begegnen

Montag, 30. Oktober 2017

/dpa

Erfurt – Um die Impfbereitschaft von Ärzten, Schwestern und Pflegern in Thüringen ist es nicht immer gut bestellt. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind auch viele Mediziner nicht gegen Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Grippe geimpft. Ge­sund­heits­mi­nis­terin Heike Werner (Linke) will mit verstärkter Aufklärung reagieren. „Aufklärung und Information können viel bewirken, um Vorbehalte gegen Impfungen abzubauen“, sagte Werner.

Sie hält auch den Aufbau eines Nationalen Impfregisters für erforderlich. Eine Impfpflicht für Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten, lehnt die Ministerin aber ab. „Ich setze weiterhin auf Freiwilligkeit beim Impfen. Jeder erwachsene Mensch, also auch Ärztinnen und Ärzte sowie weiteres medizinisches Fachpersonal, entscheidet für sich und die eigenen Kinder, ob eine Impfung gewünscht ist.“

Nur 40 Prozent der Klinikmitarbeiter geimpft

Nach einer Pilotstudie des Robert-Koch-Instituts an zwei großen Universitätskliniken waren in der Wintersaison 2015/2016 nur etwa 40 Prozent der befragten Klinikmitar­beiter gegen Influenza geimpft. Dabei gab es allerdings deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen in den Krankenhäusern. So waren zwar etwa 56 Prozent der Ärzte gegen Grippe geimpft, aber nur etwa 35 Prozent der Pfleger und nicht einmal 28 Prozent der Therapeuten. Dabei hatten die Kliniken sogar Impfungen durch einen Betriebsarzt angeboten.

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Für die Studie, die ausgeweitet werden soll, waren nach Angaben des RKI im zweiten Halbjahr 2016 Mitarbeiter von den Universitätskliniken online und anonym befragt worden. Fast 75 Prozent der etwa 1.800 Befragten gaben an, sehr häufig Kontakt mit Patienten zu haben:  täglich und das mehr als zwei Stunden lang.

Impfmythen auch beim medizinischen Personal

Auch die Landesgeschäftsführerin der Barmer in Thüringen, Birgit Dziuk, sprach sich trotz dieser Zahlen gegen eine Impfpflicht für medizinisches Personal aus. Sie wolle, dass die Kassen eine Diskussion unter anderem mit den Vertretern der Ärzte darüber führten, warum sich relativ wenige Mediziner immunisieren ließen, sagte sie. Erst dann könne man Schritte einleiten, um etwas dafür zu tun, dass sich auch mehr medizinisches Personal impfen lasse.

Aus der Studie des RKI gehen allerdings bereits einige Gründe hervor, aus denen Ärzte, Pfleger und Therapeuten sich in der Vergangenheit nicht haben gegen Grippe impfen lassen. So gaben jeweils 20 Prozent der Befragten an, sie hätten Angst vor Nebenwirkungen, sie hätten die Impfung ganz vergessen oder zu spät daran gedacht. Allerdings glauben ausweislich der Daten des RKI auch zahlreiche der Befragten an Impfmythen, die als wissenschaftlich widerlegt gelten.

Immerhin fast 20 Prozent der Befragten sagten in der Studie, sie hätten sich nicht gegen Grippe impfen lassen, weil sie Angst hätten, eine Influenza-Impfung könne die Krankheit erst auslösen. Zudem gaben fast 18 Prozent von ihnen an, eine Grippe-Erkrankung sei für sie ungefährlich.

Kampagne für Senioren

Bereits Ende September war im Freistaat eine Kampagne zum Thema Impfen angekündigt worden, die heute gestartet ist. „Impfen60+“ verbindet dabei die Aufklärung über Impfungen und Sepsis. Hauptanliegen ist es, den Rückgang der Impfquote gegen Influenza und Pneumokokken bei Thüringer Bürgern ab 60 Jahren zu stoppen und die Anzahl der Impfungen in dieser Altersgruppe zu steigern. Das Projekt läuft noch bis September 2019.

„In Thüringen stehen wir im Ländervergleich der Impfquoten noch ganz gut da, aller­dings sinkt auch bei uns die Impfbereitschaft“, so Werner. Es sei jedoch wichtig, seinen Impfschutz regelmäßig überprüfen zu lassen. „Warum das so ist und was dabei zu beachten ist, darüber klärt auch das neue Thüringer Impfportal auf“, verwies Thürin­gens Ge­sund­heits­mi­nis­terin. Zudem statten die Projektpartner Arztpraxen, Apotheken, Krankenkassen und andere Einrichtungen mit wissenschaftlich fundierten Informa­tions­materialien aus.

„Regelmäßige Impfungen gegen Grippe und Pneumokokken können die Krankenhaus­aufenthalte wegen Grippe um mehr als ein Drittel reduzieren“, betonte Ole Wichmann vom RKI, das einer von vier Verbundpartnern im Forschungs­projekt impfen60+ ist. Wichtig sei insbesondere zu vermitteln, dass Impfungen nicht nur jeden einzelnen schützen, sondern auch andere Personen im persönlichen Umfeld. Zudem könnten Infektionen – etwa durch Grippeviren oder Pneumokokken – aus dem Ruder laufen.

„Drei von vier Sepsispatienten, die in Thüringer Krankenhäusern behandelt werden, sind über 60. Die Sepsisanfälligkeit und -sterblichkeit steigt mit zunehmendem Alter drastisch an, da das Immunsystem schwächer wird“, sagte Konrad Reinhart, Sepsisexperte des Uniklinikums Jena (UKJ), ebenfalls Verbundpartner im Projekt impfen60+.

InfectControl 2020

Das Projekt impfen60+ ist Teil des Programms InfectControl 2020. Ziel des Programms ist es, Strategien zur Bekämpfung von Infektionen zu entwickeln, die besonders die Menschen in Deutschland und Europa bedrohen. „Die teilnehmenden Wissenschaftler und Industriepartner stammen aus vielen verschiedenen Disziplinen. Denn nur mit solch einem gesamtgesellschaftlichen, transdisziplinären Ansatz können wir dem vielschichtigen Problem der Infektionskrankheiten entgegenwirken“, sagte Axel Brakhage, Sprecher des Konsortiums InfectControl 2020 und Professor für Mikro­biologie und Molekularbiologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Im Projekt impfen60+ arbeiten die Universität Erfurt, das Designbüro Lindgrün GmbH, das Universitätsklinikum Jena und das Robert-Koch-Institut zusammen. Impfen60+ ist unabhängig von der Pharmaindustrie und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. © hil/sb/aerzteblatt.de

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