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Medizin

Klimawandel schädigt bereits die Gesundheit von Millionen Menschen weltweit

Mittwoch, 1. November 2017

/dpa

London – Hitzewellen, Luftverschmutzung und Infektionskrankheiten, aber auch ein Rückgang der Produktivität gehören zu den Folgen des Klimawandels, der seit Beginn des Jahrhunderts bereits in vielen Ländern die Gesundheit der Bevölkerung beeinträchtigt hat. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam jetzt im Lancet (2017; doi: 10.1016/ S0140-6736(17)32464-9).

Forscher aus 24 Universitäten und internationalen Organisationen haben für den „Lancet Countdown on Health and Climate Change“ die Entwicklung von 40 Schlüsselindikatoren des Klimawandels für den Zeitraum von 2000 bis 2016 recherchiert. In vielen Bereichen seien die Folgen für die Gesundheit bereits spürbar, schreiben Nick Watts vom University College London und Mitarbeiter in ihrem 50-seitigen Report. Es seien aber auch erste günstige Trends erkennbar, die das Fortschreiten des Klimawandels bremsen könnten.

Die globalen Temperaturen sind laut dem Report seit Beginn des Jahrhunderts um 0,4 °C gestiegen. Dies sei jedoch ein flächenbezogener Durchschnittswert. In vielen Teilen der Erde sei der Anstieg deutlich höher, so die Autoren: Betroffen seien zumeist stark besiedelte Regionen in Indien, China und Afrika. Wenn der Faktor Bevölkerung berück­sichtigt werde, sei die Temperatur weltweit seit Beginn des Jahrhunderts bereits um 0,9 °C angestiegen.

Die Zahl der Menschen, die Hitzewellen ausgesetzt sind, hat laut den Berechnungen der Forscher um 125 Millionen zugenommen. Im Jahr 2015 seien 175 Millionen Menschen betroffen gewesen. Die Folgen reichen von Hitzestress oder Hitzeschlag bis zu Exazerbationen einer vorbestehenden Herzinsuffizienz oder die Schädigung der Nieren durch Dehydrierung. 

Die Hitze senkt laut dem Bericht in den betroffenen Ländern vor allem in der Land­wirtschaft die Produktivität der Arbeiter. Dies bedeute geringere Einnahmen, die die Existenzgrundlage vieler Menschen gefährden. Hinzu kommen extreme Wetterer­eignisse. Im Zeitraum 2007 bis 2016 zählen die Forscher 306 wetterbedingte Katas­trophen (hauptsächlich Überschwemmungen und Stürme) pro Jahr. Dies sei ein Anstieg um 46 Prozent seit 2000. Die ökonomischen Verluste betrugen laut dem Bericht allein im Jahr 2016 schätzungsweise 129 Milliarden US-Dollar. Die meisten Schäden treten den Forschern zufolge überwiegend in ärmeren Ländern auf, in denen 99 Prozent nicht durch Versicherungen gedeckt sind.

Durch den Klimawandel haben sich Mücken ausgebreitet, die Viren übertragen. Die Forscher nennen hier exemplarisch die Gelbfiebermücke Aedes aegypti, die unter anderem das Dengue-Fieber überträgt. Seit 1950 habe die Zahl der Dengue-Erkrankungen um 9,4 Prozent zugenommen, was nach Ansicht von Watts auf den Klimawandel zurückzuführen ist.

Die Zahl der unterernährten Menschen ist dem Report zufolge seit 1990 in 30 Ländern von 398 auf 422 Millionen gestiegen. Für die Forscher ist dies ebenfalls eine Folge des Klimawandels, denn ein Anstieg der Temperatur um 1 °C sei mit einem Rückgang der globalen Weizenerträge um 6 Prozent und Reiserträge um 10 Prozent verbunden.

Im Jahr 2015 waren dem Report zufolge mehr als 803.000 vorzeitige und vermeidbare Todesfälle auf die Luftverschmutzung in 21 asiatischen Ländern zurückzuführen. Ursache war allein die Nutzung fossiler Brennstoffe in Kraftwerken, im Transportwesen sowie in Haushalten zum Heizen und Kochen.

Viele Städte haben bereits auf den Klimawandel reagiert. Nach den Recherchen von Watts und Mitarbeitern hatten bis 2016 weltweit 449 Städte eine Risikobewertung durchgeführt. In Europa waren es 83 Prozent der befragten Städte, in Afrika dagegen nur 28 Prozent. Die Pläne beschäftigen sich allerdings überwiegend damit, die Folgen extremer Wetterereignisse wie Stürme oder Überschwemmungen abzumildern. Für den Gesundheitsbereich seien gerade einmal 4,6 Prozent der gesamten globalen Anpassungs­ausgaben vorgesehen, so Watts.

Einige Städte haben begonnen, den individuellen PKW-Verkehr in den Städten zu beschränken. Der Report hebt hier London hervor, das den Autoverkehr in der Innenstadt beschränkt und den öffentlichen Nahverkehr ausbaut. In anderen Städten, darunter Sydney und Vancouver, benutzt weiterhin die überwiegende Mehrheit das Auto als Transportmittel. 

Der Wechsel von Benzin- und Dieselmotoren auf umweltfreundlichere Kraftstoffe (wie Biokraftstoffe oder Erdgas) und Elektrofahrzeuge hat laut dem Report erst begonnen. Von den weltweit 1,2 Milliarden Autos würden derzeit erst 77 Millionen von Elektromotoren angetrieben. 

Die Luftqualität hat sich in vielen Ländern ebenfalls verschlechtert. Die Feinstaub­konzentration PM2,5 ist dem Report zufolge seit 1990 um 11,2 Prozent gestiegen. Heute überschreiten rund 71 Prozent der 2.971 von der WHO überwachten Städte regelmäßig die empfohlenen Grenzwerte.

© rme/aerzteblatt.de

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