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Medizin

„LipiDiDiet“: Kann ein Nährstoff-Joghurt Morbus Alzheimer im Frühstadium stabilisieren?

Mittwoch, 1. November 2017

psdesign1 - stock.adobe.com

Kuopio – Ein Nährstoffgemisch, das im Gehirn die Bildung neuer Synapsen unter­stützen soll, hat in einer von der EU finanzierten randomisierten Studie die Er­wartungen bei Menschen mit beginnender Alzheimer-Demenz nicht ganz erfüllt. Zwar konnte das Fortschreiten von Symptomen und Hirnatrophie in zwei von sieben sekundären Endpunkten verlangsamt werden. Im primären Endpunkt war laut der Publikation im Lancet Neurology (2017; doi: 20110.1016/S1474-4422(17)30332-0) jedoch kein signifikanter Vorteil erkennbar.

Der zunehmende Untergang von Hirnzellen, zu dem es beim Morbus Alzheimer vermutlich infolge einer intrazellulären Ablagerung von Beta-Amyloiden und später durch Bildung von Tau-Fibrillen kommt, kann bisher nicht durch Medikamente aufgehalten werden. Auch das Nährstoffgemisch „Fortasyn Connect“, das eine Tochterfirma des Lebensmittelkonzerns Danone anbietet, greift nicht in die Patho­genese der Erkrankung ein. Die tägliche Zufuhr von Bestandteilen der Zellmembranen, die im Gehirn für die Weiterleitung von Informationen zuständig sind, könnte jedoch helfen, das Fortschreiten der Demenz zu verlangsamen.

Fortasyn Connect besteht überwiegend aus Omega3-Fettsäuren (1.500 mg Docosa­hexaensäure und Eicosapentaensäure pro Tag), Phospholipiden und Cholin, die Bestandteile der Nervenzellmembranen sind. Hinzu kommen hohe Dosen von B-Vitaminen (B12, B6 und Folsäure), Vitamin E, Vitamin C, Selen und Uridinmo­nophosphat. 

Das Gemisch wurde bereits in drei randomisierten klinischen Studien an Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz untersucht. In zwei Studien („Souvenir I“ und „Souvenir II“) wurde in einzelnen Endpunkten eine günstige Wirkung beobachtet, was allerdings in der jüngsten und größten Studie („S connect“) nicht bestätigt werden konnte.

Die LipiDiDiet-Studie hat jetzt erstmals untersucht, ob die Behandlung Menschen nutzen kann, die noch nicht an einer Demenz erkrankt sind, aber erste prodromale Symptome zeigen. Die 311 Teilnehmer hatten im MMSE-Test noch 24 oder mehr Punkte erzielt, lagen also über dem Grenzwert für eine normale kognitive Funktion. Sie litten jedoch bereits unter Störungen des episodischen Gedächtnisses, und es lag wenigstens ein objektiver Hinweis auf eine Störung in Liquor, Magnetresonanz­tomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie vor.

Betreut von elf Kliniken in Finnland, Schweden, den Niederlanden und Deutschland wurden die Teilnehmer mit einem Joghurt versorgt, der entweder „Fortasyn Connect“ enthielt oder eine Nährstoff-freie Lösung, die in Geschmack, Konsistenz und Farbe mit dem Präparat identisch waren. Die Patienten sollten über 24 Monate einmal täglich einen Becher Joghurt mit 125ml Inhalt verzehren.

Der primärere Endpunkt der Studie bestand aus den Ergebnissen einer Reihe neuro­psychologischer Tests, in denen die Patienten zehn Worte lernen und erinnern beziehungsweise erkennen sollten. In anderen Tests sollten sie innerhalb kurzer Zeit möglichst viele Wörter der Kategorie „Tier“ nennen oder Buchstaben und Zahlen vertauschen. 

Wie das Team um Hilkka Soininen von der Universität von Ostfinnland in Kuopio jetzt mitteilt, erzielten die Patienten, die Fortasyn Connect erhalten hatten, in der Summe der Tests keine statistisch signifikant besseren Ergebnisse als in der Kontrollgruppe. Damit konnte die Studie nicht beweisen, dass Fortasyn Connect das Fortschreiten des Morbus Alzheimer im Frühstadium verzögern kann. 

In zwei von sieben sekundären Endpunkten, die der Koordinator der LipiDiDiet-Studie, Tobias Hartmann von der Universität des Saarlandes in Homburg für bedeutsam hält, wurden jedoch Effekte beobachtet. Der erste Endpunkt betrifft die Einschätzung des Schweregrades der Demenz durch die behandelnden Ärzte (Clinical Dementia Rating-Sum of Boxes). Hier kam es in beiden Gruppen zu einer Verschlechterung. Sie fiel jedoch bei den Teilnehmern, die Fortasyn Connect erhalten hatten, zu 44 Prozent geringer aus.

Diese Untersuchung ist laut Hartmann besonders bedeutend, weil sie den Krankheits­verlauf des Patienten an Hand seiner Leistungen bewertet, die er zeigt, wenn er Auf­gaben des täglichen Lebens bewältigen muss. Beispiele hierfür sind die Fähigkeit, mit Notfällen im Haushalt umzugehen, finanzielle oder geschäftliche Vorgänge zu bewältigen oder wichtige Ereignisse nicht zu vergessen.

Der zweite Endpunkt betrifft das mit der Magnetresonanztomographie gemessene Volumen im Hippocampus, einem zentralen Ort der Gedächtnisverwaltung im Gehirn. Hier kam es zu einer um 26 Prozent verminderten Abnahme. Beim Ventrikelvolumen, das infolge der Hirnatrophie ansteigt, war die Zunahme um 16 Prozent geringer. 

Die Verlangsamung der Hirnatrophie und der verminderte Rückgang der Alltags­funk­tionen zeigt Hartmann, dass Fortasyn Connect trotz der fehlenden Unter­schiede im primären Endpunkt einen Effekt erzielt, der über eine rein sympto­matische Wirkung hinausgeht. Eine Heilung werde durch diese Behandlung noch nicht erreicht, räumt der Experte ein. Die bisherige Studienlage zeige jedoch, dass der Nutzen für den Patienten umso größer sei, je früher die Intervention eingesetzt werde. 

Abgesehen von den Kosten für das Nahrungsergänzungsmittel, die die Angehörigen selbst aufbringen müssen, scheint die Behandlung mit keinen Nachteilen verbunden zu sein. Nebenwirkungen traten im Verlauf der 24 Monate nicht signifikant häufiger auf als in der Kontrollgruppe. © rme/aerzteblatt.de

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Heilpraktiker
am Donnerstag, 2. November 2017, 22:12

Probiotika sind eine gute Sache !

Ich verwende Probiotika, fermentierte Lebensmittel und Sauermilch, um die Darmflora nach Antibiotikagaben wieder aufzubauen. Die Gesundheit und das Wohlbefinden meiner Senioren konnte auf jeden Fall verbessert und stabilisiert werden. Ich finde es gut, dass sich die Wissenschaft mit diesem Thema befasst.
docwok
am Mittwoch, 1. November 2017, 18:51

Primärer Endpunkt verfehlt

Danach habe ich aufgehört den Werbebeitrag zu lesen ...

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