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Politik

„Es ist von großer Bedeutung, frühzeitig die Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen wiederherzustellen“

Mittwoch, 8. November 2017

Berlin – Ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist psychisch auffällig. 16 Prozent leiden an Heuschnupfen, Neurodermitis oder Asthma. Das hat das Robert-Koch-Institut in einer Langzeitstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) ermittelt. Diesen Kindern könnte nach Ansicht von Fachleuten durch Rehaleistungen geholfen werden. Doch nur ein Bruchteil der Betroffenen nimmt diese in Anspruch.

5 Fragen an Susanne Weinbrenner, Leiterin des Geschäfts­bereichs Sozialmedizin und Rehabili­tation der Deutschen Rentenversicherung Bund

DÄ: Warum bietet die Deutsche Rentenversicherung Rehaleistungen für Kinder und Jugendliche an?
Susanne Weinbrenner: Die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen ist geprägt durch die Zunahme chronischer Krankheiten und insbesondere psychischer Störungen. Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus – gemessen zum Beispiel an Bildungsstand, Erwerbsstatus oder Einkommen der Eltern – sind davon besonders betroffen. Darüber hinaus ist bei Kindern und Jugendlichen eine zunehmende Multimorbidität festzustellen.

Vor diesem Hintergrund ist es von großer Bedeutung, frühzeitig die Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen wiederherzustellen beziehungsweise zu verbessern und damit deren Teilhabe an Schule, Ausbildung und am späteren Erwerbsleben zu sichern. Hier leistet die Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung zusätzlich zur kurativen Behandlung durch den niedergelassenen Arzt einen wichtigen Beitrag.

Durch die Rehabilitation soll solchen chronischen Krankheiten und gesundheitlichen Einschränkungen bei Kindern und Jugendlichen entgegengewirkt werden, die – vorausschauend betrachtet – zu einer Einschränkung der Erwerbsfähigkeit führen können. Dies ist auch dann der Fall, wenn die Schul- oder Ausbildungsfähigkeit beeinträchtigt ist. Zentrales Ziel der Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen durch die Deutsche Rentenversicherung ist die spätere Eingliederung in das Erwerbsleben.

DÄ: Wie wirkt sich das Flexirentengesetz auf die Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen aus?
Weinbrenner: Die Kinder- und Jugendlichenrehabilitation der Deutschen Rentenver­siche­rung war bis zum Inkrafttreten des Flexirentengesetzes auf stationäre Leistungen begrenzt. Ambulante Leistungen wurden nicht finanziert. Auch Nachsorgeleistungen mit dem Ziel, den durch die vorangegangene Rehabilitationsleistung eingetretenen Erfolg weiter zu verbessern oder nachhaltig zu sichern, konnten nicht erbracht werden.

Die Deutsche Rentenversicherung hat schon in der ersten Dekade der 2000er-Jahre erkannt, dass die Erweiterung des Angebotes auf ambulante Leistungen notwendig ist, will man dem konzeptionellen Ansatz, das Lebensumfeld von Kindern und Jugend­lichen stärker in die Rehabilitation einzubeziehen, Rechnung tragen. Hinzu kam das Verständnis darüber, dass eine Rehabilitation vor allem im Verbund mit einer lang­fristig angelegten ambulanten Weiterbetreuung, das heißt mit Leistungen zur Nach­sorge, erfolgreich sein wird. Diese Möglichkeiten hat der Gesetzgeber mit dem Flexirentengesetz nunmehr eröffnet.

Die Deutsche Rentenversicherung hat mit der Ausweitung auf ambulante Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und auf Leistungen zur Nachsorge die Möglichkeit erhalten, flexibler auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen einzugehen. Der Vorteil einer ambulanten Rehabilitation ist, dass sie in Wohnortnähe erbracht werden kann, wodurch die Kinder und Jugendlichen in ihrem Umfeld bleiben können und dies therapeutisch genutzt werden kann. Darüber hinaus kann der Sorge der Eltern entge­gengewirkt werden, dass während der Rehabilitation zu viel Schulstoff versäumt wird.

DÄ: Seit 2008 verzeichnet die Deutsche Rentenversicherung einen Rückgang der Reha­anträge für Kinder und Jugendliche. Was sind die Gründe?
Weinbrenner: Seit 2008 ist – nach vorausgegangener deutlicher Zunahme – eine rück­läufige Antragsentwicklung in der Kinder- und Jugendlichenrehabilitation festzustellen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Zu einem nicht unerheblichen Teil bildet sich auch hier die demografische Entwicklung ab. Weiterführende Datenanalysen zu dieser Frage­­stellung sind gerade in Auswertung.

Darüber hinaus spielt einerseits das Verhalten der Betroffenen und ihrer Erziehungs­berechtigten eine entscheidende Rolle. So steht die Sorge um Schulzeitverlust an erster Stelle der Gründe für eine Nichtantragstellung oder Nichtinanspruchnahme, gefolgt von Bagatellisierung, geringem Leidensdruck und dem Nichterkennen der Relevanz für Spätfolgen. Mit der sukzessiven Einführung des Abiturs nach zwölf Schul­jahren und der Lehrstoffverdichtung wird dieser Gesichtspunkt zunehmend wichtig.

Andererseits ist auch das Empfehlungsverhalten von behandelnden niedergelassenen Ärzten von Bedeutung. Hier zeichnet sich ab, dass niedergelassene Ärzte Rehabilita­tions­maßnahmen eher kritisch beurteilen und in nicht wenigen Fällen die Behandlung chronisch kranker Jugendlicher ausschließlich selbst vornehmen. Auch eine verbesserte und erweiterte ambulante Versorgung zum Beispiel bei Asthma bronchiale kann dazu führen, dass stationäre Leistungen zur Kinder- und Jugendlichenrehabilitation seltener notwendig sind und dann nicht beantragt werden. Neben der besseren medikamen­tösen Behandlung ist hier die Einführung des Disease-Management-Programms für Asthma bronchiale (DMP Asthma) im Jahr 2006 zu nennen, an welchem Kinder ab fünf Jahren teilnehmen können.

DÄ: Wovon hängen Erfolg oder Misserfolg einer Reha ab?
Weinbrenner: Der Erfolg einer Rehabilitation ist in erster Linie von zwei Faktoren abhängig: Zum einen von der persönlichen Motivation des Kindes oder des Jugend­lichen und zum anderen von der Qualität und Wirksamkeit der angebotenen Leistungen.

Die Motivation des Kindes und damit seine Mitarbeit bei der Behandlung hängt sehr stark vom Alters- und Entwicklungsstand ab. Sie ist daher nicht allein eine Frage der Eigeninitiative. Sie wird insbesondere von der positiven Einflussnahme durch Bezugs­personen, zum Beispiel die Eltern, geprägt. Deshalb ist es für die Deutsche Renten­ver­sicherung selbstverständlich, die Bezugspersonen weitestgehend in den Rehabilita­tions­prozess einzubeziehen. Hierzu gehören unter anderem die Beratung und Anleitung von Bezugspersonen im Umgang mit dem Kind und mit den Folgen seiner Gesundheitsstörung sowie die Vermittlung von medizinischen Informationen.

Die hohe Qualität der angebotenen Leistungen war und ist der Deutschen Renten­versicherung ein besonderes Anliegen. Für die Rehabilitation von Kindern und Jugend­lichen bedeutet dies, die Leistungen individuell und flexibel auf die jeweiligen Bedarfe auszurichten. Hierfür hat die Deutsche Rentenversicherung bundesweit ein qualitativ hochwertiges und spezialisiertes Versorgungsnetz aufgebaut. Die Leistungen zur Kinder- und Jugendlichenrehabilitation werden ausschließlich in Rehabilitations­einrichtungen mit entsprechenden Qualitätsstandards durchgeführt, deren Konzept, fachärztliche Besetzung sowie weitere personelle, apparative und räumliche Ausstat­tung auf die jeweiligen Behandlungsindikationen zugeschnitten sind.

Außerdem muss jede wirksame Rehabilitation auf die individuellen Problemlagen der Kinder und Jugendlichen eingehen. Diese Einbindung in den rehabilitativen Prozess ist daher Bestandteil des Rehabilitationskonzeptes. Hierzu zählen unter anderem die Erstellung eines individuellen Rehabilitationsplans und die gemeinsame Festlegung der Rehabilitationsziele.

DÄ: Welche Standards müssen die Rehaeinrichtungen für Kinder und Jugendliche erfüllen und wie werden diese kontrolliert?
Weinbrenner: Die Bemühungen um die Einhaltung von Qualitätsforderungen werden nicht nur von der in § 20 SGB IX normierten Verpflichtung der Leistungsträger zur Qualitätssicherung gefordert; sie sind für die Deutsche Rentenversicherung vielmehr eine Voraussetzung für die Bereitstellung und Entwicklung wirksamer und wirtschaft­licher Leistungen.

Das Programm der Deutschen Rentenversicherung zur Qualitäts­sicherung der medizinischen Rehabilitation bezieht Einrichtungen für Kinder und Jugendliche ausdrücklich ein und wurde an die Besonderheiten der Lebens-, Gesund­heits- und Rehabilitationssituation von Kindern und Jugendlichen angepasst. Für Kinder und Jugendliche werden indikationsspezifische medizinische Einrichtungs­konzepte erwartet, die unter enger Mitwirkung pädagogischen Fachpersonals umgesetzt werden und je nach Alter des Kindes und gesundheitlicher Problemstellung die Bezugspersonen berücksichtigen. Die entsprechenden Kooperationsstrukturen mit pädiatrischen Klinikern und Kliniken, Fachgesellschaften und Fachverbänden wurden geschaffen.

Im Rahmen der Qualitätssicherung werden vergleichende Analysen zur Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der Rehabilitation mit dem Ziel vorgenommen, die Durchführung bedarfsgerechter, qualitativ hochwertiger, aber auch wirtschaftlich sinnvoller Leistungen zur Rehabilitation zu fördern.

Um die Qualität der Rehabilitationseinrichtungen für Kinder und Jugendliche sicher­zustellen, hat die Deutsche Rentenversicherung hohe Standards hinsichtlich der Qualität der Strukturen, Prozesse und Ergebnisse der Rehabilitationsleistungen festgelegt. So wurden Anforderungen an die räumliche, medizinisch-technische und personelle Ausstattung einer Rehabilitationseinrichtung für Kinder und Jugendliche formuliert. Des Weiteren wurden für eine zieladäquate Leistungserbringung evidenz­basierte Reha-Therapiestandards für die Kinder- und Jugendlichenrehabilitation in den Indikationen Adipositas, Neurodermitis und Asthma bronchiale (bis sieben Jahre und ab acht Jahren) entwickelt und eingeführt. In Planung sind Reha-Therapiestandards zu Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen.

Darüber hinaus steht für die Begutachtung zur Bedarfsfeststellung einer Rehabilitation ab 2018 eine eigene Leitlinie zur Kinder- und Jugendrehabilitation zur Verfügung: die „Leitlinien für die sozialmedizinische Begutachtung/Beurteilung der Rehabilitations­bedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen“. © HK/aerzteblatt.de

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