Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

ARD-Film löst Streit über Umgang mit mangelnder Krankenhaushygiene aus

Mittwoch, 8. November 2017

Berlin – Die ARD wird am kommenden Mittwoch um 20:15 Uhr den Film „Götter in Weiß“ ausstrahlen. Darin kommt eine Oberärztin einer chirurgischen Abteilung Hygienemängeln auf ihrer Station auf die Spur, die offenbar verschleiert werden sollen. Die Ärztekammer Berlin hat den Film gestern in einer Vorabvorführung gezeigt und im Anschluss mit den Filmemachern sowie mit Vertretern des Gesundheitssystems über das Problem mangelnder Krankenhaushygiene diskutiert.

Christian Brandt, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin bei Vivantes, nannte zunächst Zahlen, um das Ausmaß des Problems einzuordnen. „Man geht etwa von einer halben Million nosokomialen Infektionen pro Jahr in deutschen Krankenhäusern aus, von denen die meisten aber glimpflich verlaufen“, sagte er. Die Zahl der Todesfälle infolge nosokomialer Infektionen einzugrenzen, sei schwer, weil oft nicht zweifelsfrei geklärt werden könne, ob die zumeist schwer kranken Patienten mit einer Infektion oder an einer Infektion gestorben seien. Schätzungen reichten von etwa 10.000 bis 20.000 Todesfällen pro Jahr.

Krankenhausgesellschaft: Film ist unrealistisch

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, schränkte diese Zahlen noch einmal ein. Er ging von 3.000 bis 4.000 vermeidbaren Infektionsfällen mit Todesfolge aus, die 20 Millionen Krankenhausfällen pro Jahr gegenüberständen. Baum betonte zudem, dass nosokomiale Infektionen nicht allein ein Problem des deutschen Krankenhauswesens seien. Im Gegenteil: In Deutschland träten sie vergleichsweise selten auf.

Baum kritisierte, dass der Film ein unrealistisches Bild eines Krankenhauses zeichne, wodurch bei den Zuschauern Misstrauen und Ängste geschürt würden. Der Regisseur des Films, Elmar Fischer, warf Baum hingegen vor, dass er die Zahl der Opfer von nosokomialen Infektionen einfach so in den Raum stelle. „Das sind alles Menschen, die gestorben sind“, betonte Fischer. „Ich finde das schrecklich.“ 

Jonitz: Der Kostendruck ist das Problem

„Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir sagen: Es gibt kein Problem“, sagte auch der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz. Das Problem mangelnder Hygiene in deutschen Krankenhäusern habe seine Ursache im Kostendruck, den die Gesundheits­politik ins System gebracht habe. Auch in dem Film werden hygienische Mängel mit der wirtschaftlichen Situation des Krankenhauses in Zusammenhang gebracht, das rote Zahlen schreibt.

Thomas Werner, Vorstandsmitglied der Ärztekammer Berlin, benannte einen der Gründe des Kostendrucks. „Die duale Krankenhausfinanzierung funktioniert nicht“, kritisierte er. „Wir erhalten von den Bundesländern nicht die Gelder, die wir erhalten müssten.“ In der Folge werde beim Personal gespart, vor allem beim Pflegepersonal. Nachts komme es dann vor, dass sich eine Pflegekraft um 30 Patienten kümmere. „Und dann ist zu wenig Zeit, um alle hygienischen Vorschriften einhalten zu können“, sagte Werner.

Sie machen mich wütend. Claudia Michelsen

In einer Nebenhandlung wird eine weitere Folge des Kostendrucks gezeigt: Eine ältere Patientin wird von einem Oberarzt dazu gedrängt, sich an der Wirbelsäule operieren zu lassen, weil das für das Krankenhaus lukrativer ist, als eine konservative Behandlung anzuordnen. DKG-Hauptgeschäftsführer Baum stellte ein solches Szenario in Abrede: „Es werden keine Patienten zu Unrecht operiert.“

Dafür wurde er von der Schauspielerin Claudia Michelsen kritisiert, die in „Götter in Weiß“ die Hauptrolle spielt. „Würden Sie abstreiten, dass Patienten produziert werden?“, fragte sie erregt. Alleine in ihrem Umfeld gebe es viele Beispiele dafür. „Ich weiß nicht, in welcher Blase Sie sich bewegen“, sagte Michelsen. „Sie machen mich wütend.“

Baum betonte, dass Patienten ausreichend über alternative Behandlungsoptionen aufgeklärt werden müssten. „Wenn dies geschehen ist, ist es für mich in Ordnung, wenn in einem Fall operiert und in einem anderen konservativ verfahren wird“, sagte er. 

Jonitz erklärte abschließend, dass Ärztinnen und Ärzte lernen müssten, den Mut aufzubringen, um von ihnen beobachtete Fehler, zum Beispiel hygienische Mängel, im Rahmen von anonymen Fehlermeldesystemen zu melden. © fos/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

lupus1955
am Donnerstag, 9. November 2017, 12:55

mangelnde Krankenhaushygiene

Ich kenne den Film, seinen Inhalt und seine Diktion nicht. Wir können aber sicher davon ausgehen, dass es nicht nur ein Krankenhausproblem ist. Der Kostendruck mag eine Rolle spielen, schwerer wiegt nach meiner Beobachtung aber das menschliche Verhalten. Ohne ein "Nestbeschmutzer" zu sein: Gehen Sie mal auf einem Chirurgen-, Anästesisten- oder Intensivmedizinerkongress und bleiben Sie nur wenige Minuten am Ausgang der Toilette im Bereich der Waschtische stehen: Die wenigsten waschen sich die Hände. Dabei ist es nur bedingt von Interesse, ob wir nun die Keime der eigenen Körperteile oder die der Einrichtung ins Visier nehmen. Und dieses Verhalten ist sicher nicht auf die Sanitärräume von Kongresszentren beschränkt. Nein, ich beobachtete dieses Verhalten auch in der Klinik.
Was nicht in den Köpfen und im Unterbewusstsein der Menschen verankert ist (Erziehung!), funktioniert auch nicht auf Grund irgendwelcher Aushänge oder "Belehrungen".

Nachrichten zum Thema

13.10.17
Neuer Online-Test zur Prävention von Wundinfektionen veröffentlicht
Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat einen neuen Online-Test ans Netz gebracht. Er ermöglicht insbesondere ambulant operierenden Ärzten das Hygiene- und Infektionsmanagement ihrer......
04.09.17
Weihwasser unbedenklich – aber ohne Trinkwasserqualität
Furtwangen – Je größer die Gemeinde, desto mehr Keime befinden sich im Weihwasser katholischer Kirchen. Im gesegnetem Wasser leben aber sehr wahrscheinlich weit weniger Bakterien als etwa in einem......
15.08.17
Deutsche kaufen mehr Handdesinfektions­produkte
Karlsruhe – Der Umsatz von Handdesinfektionsprodukten in Deutschland ist zuletzt deutlich gestiegen. Das zeigt eine Analyse des Marktforschungsunternehmens Nielsen. Ärzte sehen den Hausgebrauch......
21.07.17
84 Prozent der Kliniken nutzen Hygienesonder­programm
Berlin – 1.275 Krankenhäuser in Deutschland haben seit dem Jahr 2013 Fördermittel aus dem Hygienesonderprogramm in Anspruch genommen. Das sind rund 84 Prozent der 1.522 antragsberechtigten Kliniken.......
20.07.17
Keimschleuder Küchenschwamm: Bakterien­konzentration erreicht Level von Fäkalproben
Gießen – Küchenschwämme beherbergen ein Mikrobiom bestehend aus mehr als 360 verschiedene Arten von Bakterien. Unter den häufigsten Erregern befinden sich auch solche, die potenziell pathogen sind,......
17.07.17
Quelle für weltweite Infektionen nach Herz-OPs gefunden
Freiburg/Zürich/Borstel – Wissenschaftler eines europäischen Konsortiums konnten die Quelle von mehr als 30 Infektionen mit Mycobacterium-chimaera-Bakterien nach Herzoperationen aufklären. Verursacher......
07.07.17
Unnötige Trennung von septischen und aseptischen Operationsbereichen
Köln – Noch immer gilt in Krankenhäusern in Deutschland regelhaft die räumliche Trennung von aseptischen und septischen Operationsbereichen, wie sie auch vom Unfallversicherungsträger der......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige