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Ärzteschaft

Fachgesellschaft fordert mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes

Montag, 13. November 2017

/rkris, stock.adobe.com

Bonn – Auf die besonderen Belastungen von Kindern mit einem Typ-1-Diabetes hat die Deutsche Gesellschaft für Kinderendokrinologie und Diabetologie anlässlich des Welt-Diabetes-Tags am 14. November hingewiesen. Sie mahnt mehr Hilfestellung an.

„Die Diagnose Typ-1-Diabetes-mellitus bedingt, dass sich Kind und Familie neben alterstypischen Problemen zusätzlich mit zahlreichen Einschränkungen und Heraus­forderungen auseinandersetzen müssen“, erläuterte der Präsident der Fachgesellschaft, Joachim Wölfle. Dauerhafte Reflektion der Nahrungsmittelzufuhr, regelmäßige Kon­trolle des Blutzuckers sowie hoher Zeit-, aber auch finanzieller Aufwand seien nur einzelne Aspekte, die die Belastungen von Betroffenen und ihren Familien verdeut­lichten, so der Leiter des Schwerpunktes pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Bonn. „Eine individualisierte psychosoziale Betreuung, um etwaige Krisen zu vermeiden oder rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls zu intervenieren, ist unumgänglich“, so Wölfle.

Versorgung in Kita und Schule ein Problem

Besonders problematisch sei im Augenblick die Versorgung von jüngeren Kindern in der Kita und der Schule. „Wie zu Hause muss in der betreuenden Einrichtung mehrfach täglich der Blutzucker bestimmt werden. Zudem muss abgeschätzt werden, welche Zuckermenge beispielsweise im Pausenbrot enthalten ist, und hierfür dem Körper entsprechend Insulin per Pen oder Pumpe zugeführt werden“, so der Diabetesexperte.

Gerade junge Kinder, die noch nicht rechnen könnten, benötigten dabei eine Hilfe­stellung. „Damit diese sachgerecht erfolgt, muss das Personal der Kita, Grundschule oder weiterführenden Schule fachkundig von Diabetesteams geschult werden. Allerdings werden diese Schulungen bisher nicht finanziert“, kritisiert Wölfle.

Die Blutzuckermessungen in der Kita oder Schule durch Eltern oder einen Pflegedienst abzudecken, ist laut Fachgesellschaft eine schlechte Lösung: Eltern müssten dafür häufig beruflich reduzieren oder pausieren. Außerdem seien die Leistungen des Pflege­dienstes derzeit nicht kostendeckend vergütet.

Einheitliche bundesweite Regelung notwendig

„Theoretisch können diese Leistungen auch über einen Integrationshelfer erfolgen. Doch die unscharfe Abgrenzung, ob Kran­ken­ver­siche­rung oder Sozialamt hierfür tatsächlich zuständig ist, führt nicht selten zu langwierigen Verzögerungen, während der die Kinder oft vom Kita- oder Schul­besuch ausgeschlossen sind“, kritisiert die Fachgesellschaft. „Vor diesem Hintergrund ist dringend eine bundesweit einheitliche Regelung für die Einbindung von Kindern mit Typ-1-Diabetes in Kita und Schule wünschenswert. Hier sollte klar geregelt sein, wer entsprechende Leistungen und Mehrbedarf für betroffene Kinder und Jugendliche koordiniert und finanziert“, so Wölfles Fazit.

Laut dem Institut für Diabetesforschung am Helmholtz-Zentrum München steigt die Zahl der Kinder und Jungendlichen mit Diabetes Typ 1 in Deutschland an. Bundesweit sind demnach zwischen 21.000 und 24.000 Kinder und Jugendliche erkrankt. Damit ist Typ-1-Diabetes die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter.

Die Münchener Forscher bieten im Rahmen der „Freder1k-Studie“ eine Früher­kennungs­untersuchung für Säuglinge bis zu einem Alter von vier Monaten an. Der Risikotest kann im Rahmen des regulären Neugeborenen-Screenings am zweiten und dritten Lebenstag oder im Rahmen der jeweiligen Vorsorgeuntersuchung (U2, U3) oder auch bei jedem anderen Kinderarztbesuch innerhalb der ersten vier Lebens­monate durchgeführt werden. Die Bestimmung der Typ-1-Diabetes-Risikogene erfolgt anhand weniger Blutstropfen, die durch einen kleinen Stich in die Ferse oder aus der Nabelschnur oder durch eine venöse Blutentnahme gewonnen werden.

Wenn ein Kind Typ-1-Diabetes-Risikogene aufweist, werden die Eltern innerhalb von zwölf Wochen kontaktiert. Die Kinder haben dann die Möglichkeit, an einer Präven­tionsstudie (POInT-Studie) teilzunehmen. Diese hat das Ziel, der Entwicklung eines Typ-1-Diabetes vorzubeugen. Babys, bei denen ein erhöhtes Risiko festgestellt wird, erhalten im Rahmen der Studie regelmäßig Insulinpulver.

„Dadurch haben wir erstmals die Möglichkeit, das Immunsystem frühzeitig so zu trainieren, dass die fehlgesteuerte Immunreaktion vermieden werden kann“, erklärte Studienleiterin Anette-Gabriele Ziegler, die das Institut für Diabetesforschung leitet. Langfristig hoffen die Forscher so, Erkrankungen zu verhindern.

Früherkennung und Prävention könnten in Zukunft womöglich den gleichen Stellen­wert besitzen wie das Konzept der Schutzimpfungen gegen schwere Infektions­krankheiten, hofft Martin Lang, Vorsitzender des bayerischen Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte. © hil/aerzteblatt.de

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