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Ärzteschaft

Fehlermeldesysteme allein bewirken noch keine neue Fehlerkultur

Dienstag, 14. November 2017

Hamburg – Anonyme Meldesysteme für Fehler und Beinahe-Fehler (Critical Incident Reporting Systems, CIRS) haben zwar grundsätzlich das Potenzial, den Umgang mit Fehlern auch in Praxen zu verbessern und damit die Patientenversorgung sicherer zu machen, sie allein reichen aber nicht aus. Das berichtet die Techniker Krankenkasse (TK) nach einem Pilotprojekt, an dem auch das Institut für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main (IfA) und das Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz (QuE) Nürnberg beteiligt waren.

Das Ärztenetz hat bei dem Pilotprojekt ein digitales, praxisübergreifendes Berichts- und Lernsystem mit 69 Praxen im Alltag erprobt. Während des Projektes hatten die Praxen Newsletter, Erinnerungs-Mails und Publikationen auf der Onlineplattform des Berichts- und Lernsystems zur Patientensicherheit erhalten. Zudem wurden die Ärzte und medizinischen Fachangestellten in Schulungen, Workshops und Präsentationen in den netzinternen Fachzirkeln an das Thema Fehlermanagement herangeführt.

Praxisinterner Austausch zugenommen

Während sich die Ärzte und ihre Teams im Projektverlauf verstärkt praxisintern über Fehler und deren Ursachen austauschten, nahm das Interesse an der Online-Berichts­plattform ab. Der Grund: Die Praxisteams schätzten ihre praxisinternen Fehler und Probleme als zu spezifisch ein. Außerdem hielten sie das System für zeitaufwendig und schwierig nutzbar im Praxisalltag.

„Das Projekt zeigt, dass wir einen integrierten Ansatz verfolgen müssen, um Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung nachhaltig zu fördern. Allein ein digitales praxisübergreifendes Berichtssystem reicht nicht aus“, sagte Projektleiter Hardy Müller vom wissenschaftlichen Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG). Wichtig seien flankierende regelmäßige Schulungen, ein Peer-Review, also der Austausch auf Kollegenebene, überzeugte Praxisleitungen und praxisinternes Know-how, um Fehler sinnvoll zu analysieren und daraus Maßnahmen zu entwickeln.

Großes Interesse in Praxen

„Aber der Umgang der Praxisteams mit Fehlern hat sich im Verlauf des Projekts positiv verändert. Wir nehmen ein neues Bewusstsein wahr: Praxisteams melden uns aktiv Erfahrungen aus Fehlersituationen und teilen uns ihre Verbesserungsvorschläge mit“, sagte Veit Wambach, Vorsitzender des Gesundheitsnetzes QuE. Das Projekt habe zu einer lebendigen Sicherheitskultur geführt, in der es nicht darum gehe, einen Schuldigen zu finden, sondern herauszufinden, warum ein Fehler oder eine brenzlige Situation entstehen konnte und Lösungen für die Zukunft zu entwickeln.

89 Prozent der Ärzte und des Praxispersonals gaben in der Abschlussbefragung an, dass sie in Teamsitzungen über kritische Ereignisse gesprochen haben. 60 Prozent berichteten, dass ihre Praxis ein Verzeichnis über derartige Vorkommnisse führe, zum Beispiel ein Fehlerbuch. Zu Beginn des Pilotprojekts waren es nur 28 Prozent. Auch Schulungen zum Thema Risikomanagement wurden gut angenommen.

Alles in allem zeigten sich 55 Prozent der Haus- und Fachärzte sowie des Praxispersonals nach der Projektphase zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit dem Risikomanagement ihrer Praxis. „Das Projekt hat die Aktivitäten im Ärztenetz zur Qualitätssicherung aktiv und nachhaltig unterstützt“, so das Fazit von Martin Beyer, dem im Projekt leitenden Wissenschaftler vom IfA© hil/aerzteblatt.de

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