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Medizin

Immer mehr Diabetiker in Deutschland – Weltdiabetestag zu Frauen und Diabetes

Dienstag, 14. November 2017

/dpa

Berlin – In der Nachkriegszeit war weniger als 1 Prozent der Bevölkerung an Diabetes erkrankt. Heute könnten es 10 Prozent sein, wie eine Übersicht im Journal of Health Monitoring (2017; doi: 10.17886/RKI-GBE-2017-050) zeigt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) will Inzidenz, Prävalenz und Mortalität künftig in einer Diabetes-Surveillance erfassen. Der Weltdiabetestag am 14. November beschäftigt sich mit dem Thema Frauen und Diabetes.

Während der Typ-1-Diabetes eine schicksalhafte Autoimmunerkrankung ist, lässt sich ein Typ-2-Diabetes durch eine gesunde Ernährung und körperliche Bewegung vermei­den, wobei dies aufgrund einer genetischen Prädisposition nicht allen Menschen leicht gemacht wird.

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Der Einfluss der modifizierbaren „Umweltfaktoren“ wird durch den Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik deutlich. Bis zum Einsetzen der „Fresswelle“ in den 1950er-Jahren trat der Typ-2-Diabetes kaum auf. Er war jedenfalls kein Thema für die Gesundheitsforschung. Genaue Zahlen zur Prävalenz wurden erstmals 1960 für den Bereich der ehemaligen DDR erhoben. Dort wurde damals ein Diabetesregister eingerichtet, das bis zum Ende der DDR fortgesetzt wurde. Im Zeitraum von 1960 bis 1989 kam es zu einem kontinuierlichen Prävalenzanstieg von 0,6 auf 4,1 Prozent. 

Eine vergleichbare Zeitreihe für die alten Bundesländer gibt es nicht. Christin Heide­mann von der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring und Mitarbeiter vermuten aufgrund ihrer Recherchen jedoch, dass es in der Bundesrepublik eine ähnliche Entwicklung gab. 

Für den Zeitraum von 1990 bis 2000 gibt es dann erste verlässliche Daten für das vereinte Deutschland. Sie zeigen einen weiteren Prävalenzanstieg für die alten und die neuen Bundesländer, wobei es in der ehemaligen DDR heute teilweise deutlich mehr Diabetiker gibt als im Westen. Die 12-Monats-Prävalenz in Sachsen-Anhalt lag zuletzt bei 13,1 Prozent gegenüber 5,8 Prozent im angrenzenden Niedersachsen (Journal of Health Monitoring 2017; doi: 10.17886/RKI-GBE-2017-008).

Bundesweit sind heute nach verschiedenen Schätzungen 7,2 Prozent der 18- bis 79-Jährigen (Untersuchungssurvey des RKI), 8,9 Prozent der 18-Jährigen und Älteren (RKI-Telefonsurvey) beziehungsweise 9,9 Prozent aller Altersgruppen (Daten gesetzlich Krankenversicherter) an Diabetes erkrankt – wobei laut Heidemann von einer gewissen Dunkelziffer auszugehen ist.

Zur Behandlung des Typ-2-Diabetes stehen heute neben Insulin (dessen Wirkung aufgrund einer Resistenz im Verlauf der Erkrankung zunehmend nachlässt) eine Reihe von Antidiabetika zur Verfügung. Eine Normalisierung des Blutzuckers wird allerdings selten erreicht und die Mortalitätsrate ist für Diabetiker gegenüber der Allgemein­bevölkerung weiterhin erhöht. 

Gegenüber den alten DDR-Daten, die eine 1,9-fach höhere Mortalitätsrate ermittelten, sind nach den von Heidemann recherchierten Daten kaum Fortschritte erzielt worden, denn im Bundes-Gesundheitssurvey 1998 war die Mortalitätsrate noch immer um den Faktor 1,7 erhöht. Die Datenqualität ist jedoch begrenzt und bereits die gestiegene Lebenserwartung könnte die Ergebnisse verfälscht haben. Insgesamt muss wohl von einer weiterhin bestehenden „Exzess-Mortalität“ ausgegangen werden, so Heidemann.

Der Typ-2-Diabetes wird heute als „Pandemie“ betrachtet, ein Begriff auf der Termino­logie von Infektionskrankheiten. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat heraus­gefunden, dass nicht übertragbare Krankheiten weltweit stärker zunehmen als über­tragbare, sprich Infektionskrankheiten. Der Diabetes mellitus ist eine der vier nicht übertragbaren Krankheiten, die Gegenstand eines WHO-Aktionsplans zur Prävention und Kontrolle nicht übertragbarer Krankheiten sind. 

In diesem Rahmen sollen vermehrt Daten zur Häufigkeit und zu den Auswirkungen erhoben werden. Das RKI hat deshalb mit dem Aufbau einer Public-Health-Surveillance zum Diabetes mellitus begonnen, die bis Ende 2019 abgeschlossen sein soll. Einzel­zeiten wurden im Epidemiologischen Bulletin vorgestellt (2017; doi: 10.17886/EpiBull-2017-064).

Die Daten zur Diabetesprävalenz in Deutschland wurden anlässlich des Weltdiabetes­tages am 14. November mit dem Schwerpunkt „Frauen und Diabetes“ veröffentlicht. Laut der International Diabetes Federation (IDF) leben heute weltweit 199 Millionen Frauen mit Diabetes. Bis zum Jahr 2040 könnte die Zahl auf 313 Millionen ansteigen.

2 von 5 Frauen mit Diabetes sind nach den Zahlen der IDF im gebärfähigen Alter. Das sind weltweit mehr als 60 Millionen Frauen. Diabetes ist die neuntgrößte Todesursache bei Frauen weltweit mit 2,1 Millionen Todesfällen pro Jahr.

Frauen mit Typ-2-Diabetes haben eine fast zehn-mal höhere Wahrscheinlichkeit, an einer koronaren Herzkrankheit zu erkranken, als Frauen ohne diese Erkrankung. Frauen mit Typ-1-Diabetes haben bei einer Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko auf eine Fehl­geburt oder ein Kind mit Fehlbildungen.

Nach Ansicht der IFD müssen die Gesundheitssysteme der Länder den spezifischen Bedürfnissen und Prioritäten von Frauen stärker Rechnung tragen. Alle Frauen mit Diabetes sollten Zugang zu den essenziellen Diabetesmedikamenten und -techno­logien, zur Selbstmanagementschulung und zu Informationen haben, die sie benötigen, um optimale Diabetesergebnisse zu erzielen. Alle Frauen mit Diabetes sollten Zugang zur Familienplanung haben, um die Schwangerschaftsrisiken zu senken. Allen Frauen und Mädchen sollte die Möglichkeit zu körperlicher Aktivität gegeben werden, um die Folgen des Diabetes zu begrenzen. Schwangere Frauen benötigen besseren Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen, Betreuung und Aufklärung, um für Mutter und Kind positive Gesundheitsauswirkungen zu erzielen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 14. November 2017, 22:38

Dieser Anstieg ist größtenteils artefiziell!

Zum einen ist ein DM2 nahrungsabhängig und in Hungerzeiten naturgemäß nicht zu erwarten. Zum anderen wurde bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts im Allgemeinen ein Diabetes anhand der Glucosurie diagnostiziert, und die Therapiekontrolle durch die Patienten erfolgte mit Teststreifen für die Uringlucose. Die Therapie beschränkte sich auf die Vermeidung der Glucosurie. Wenn das mit Glibenclamid nicht gelang, wurde halt insuliniert, fertig. Blutzucckerteststreifen gibt es erst seit 40 Jahren, Messgeräte seit 30 Jahren, der HbA1c kann auch erst seit 1985 bestimmt werden. Damals nach Vorstellung der Krankenkassen höchstens(!) 1x pro Jahr. Damals galt ein Diabetiker mit einem HbA1 unter 8 als "gut eingestellt" und ab 10.0 wurde eine Therapieänderung diskutiert
Mindestens 60% der heute erkannten und behandelten Diabetiker wären noch vor 30 Jahren nie als Diabetiker erkannt worden
LNS

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