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Medizin

Stillen: Geburt in „Baby-Friendly Hospital“ schützt Teenager vor Neurodermitis

Dienstag, 14. November 2017

/Romanova Anna, stock.adobe.com

London – Teenager leiden nur halb so häufig unter Neurodermitis, wenn ihre Mütter nach der Geburt in der Klinik zum Stillen motiviert wurden. Dies kam in der größten randomisierten Studie heraus, die jemals zum Einfluss der menschlichen Laktation auf die Gesundheit durchgeführt wurde. Ein Einfluss auf Asthma-Erkran­kungen war laut der Publikation in JAMA Pediatrics (2017; doi: 10.1001/jamapediatrics.2017.4064) nicht nachweisbar.

Die PROBIT-Studie (PROmotion of Breastfeeding Intervention Trial) war 1996/97 in Weißrussland im Rahmen der „Baby-Friendly Hospital“-Initiative der Unicef durch­geführt worden. Die Initiative verleiht Kliniken das Zertifikat „Baby-Friendly“, wenn der Leiter der geburtshilflichen Abteilung an einem 18-stündigen Seminar teilnimmt und in der Folge eine Weiterbildung von Ärzten, Hebammen und Pflegepersonal an der Klinik organisiert. Ein Ziel war es, die Mütter nach der Geburt des Kindes zum Stillen zu motivieren – was auch teilweise gelang. Der Anteil der Mütter, die ihre Kinder wenigstens drei Monate stillten, war mit 26,8 Prozent höher als in der Kontrollgruppe, wo nur 6,9 Prozent der Mütter ihre Kinder drei Monate oder länger stillten.

Die „Baby-Friendly Hospital“-Initiative war damals nur in 16 von 32 Geburtskliniken sofort eingeführt worden. Die Wahl wurde dem Los überlassen, wodurch PROBIT zu einer Cluster-randomisierten Studie wurde, die seither den Einfluss der „Baby-Friendly“-Initiative auf die Gesundheit der Kinder untersucht.

Inzwischen haben die Kinder das Teenageralter erreicht. Für die Kinder ist es die vierte Runde der Nachuntersuchungen, an der immerhin 13.557 von ursprünglich 17.046 Kindern teilnahmen. Bei allen Teenagern wurde eine ärztliche Untersuchung der Haut durchgeführt und die Lungenfunktion geprüft. Die Jugendlichen füllten außerdem den ISSAC-Fragebogen (International Study of Asthma and Allergies in Childhood) aus, der sich nach Symptomen allergischer Erkrankungen erkundigt. 

Die Ärzte diagnostizierten bei 21 von 7.064 (0,3 Prozent) der Kinder, deren Mütter zum Stillen motiviert worden waren, und bei 43 von 6.493 (0,7 Prozent) Teilnehmern der Kontrollgruppe ein atopisches Ekzem. Der Unterschied von 0,4 Prozent war gering, bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,16 bis 0,60 jedoch signifikant, und er bedeutet, dass gestillte Kinder im Teenageralter weniger als halb so selten an einem atopischen Ekzem, sprich Neurodermitis, leiden. Nach Berücksichtigung von Alter und anderen Unterschieden zwischen den beiden Gruppen ermitteln Carsten Flohr vom St. John’s Institute of Dermatology in London und Mitarbeiter eine adjustierte Odds Ratio von 0,46 (0,25–0,83).

Die Studie liefert damit den derzeit besten Beleg für die Hypothese, dass die „Baby-Friendly Hospital“-Initiative Wirkung zeigt. Das Stillen schützt die Kinder – vermutlich über die Beeinflussung der Darmflora in den für die Entwicklung des Immunsystems entscheidenden ersten Lebensmonaten – vor allergischen Erkrankungen, zu der die atopische Dermatitis im weiteren Sinne zählt. 

Die Teenager auf der Interventionsgruppe berichteten auch seltener, dass sie im vorangegangenen Jahr unter Ekzemen gelitten hatten (Odds Ratio 0,57; 0,27–1,18), dass sie an Asthma erkrankt sind (Odds Ratio 0,76; 0,471,23) oder dass es beim Atmen zu Geräuschen („Giemen“) kommt (Odds Ratio 0,66; 0,371,18). Auch diese Angaben deuten darauf hin, dass das Stillen vor allergischen Erkrankungen schützt. Aufgrund der weiten 95-Prozent-Konfidenzintervalle, die die 1,0-Grenze überschreiten, lässt sich jedoch ein Zufallsergebnis nicht ausschließen, und auch bei der Lungen­funktionsprüfung wurden keine Belege für eine erhöhte Rate von Asthmaerkrankungen bei den nicht gestillten Kindern gefunden.

Die Untersuchung kann deshalb letzte Zweifel an den günstigen Auswirkungen des Stillens nicht ausräumen. Dies könnte auch daran gelegen haben, das allergische Erkrankungen in Weißrussland bei Kindern selten sind. Das Land ist relativ arm und es fehlen die Risikofaktoren, die in Westeuropa und anderen wohlhabenden Ländern zu einem deutlichen Anstieg der allergischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen geführt haben, wie Flohr ausführt. © rme/aerzteblatt.de

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ThomasB
am Mittwoch, 15. November 2017, 09:30

Statistisch unsauber

Liebe Autoren des Ärzteblatts,

in diesem Artikel werden zu Beginn, die Ergebnisse der statistischen Auswertungen anschaulich dargestellt. Ich finde es auch schön zu sehen, dass die Idee der statistischen Signifikanz verständlich dargestellt wird. Leider ist Ihnen gegen Ende ein Fehler unterlaufen.

"Aufgrund der weiten 95-Prozent-Konfidenzintervalle, die die 1,0-Grenze überschreiten, lässt sich jedoch ein Zufallsergebnis nicht ausschließen"

Die Konzepte der statistischen Signifikanz und der Effektstärke (hier odds ratio) messen unterschiedliche Dinge. Man kann nicht alleine von der Effektstärke Aussagen über die statistische Signifikanz machen, wie dieser Text suggeriert.

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