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Ärzteschaft

Ärzte und Psychotherapeuten brauchen mehr interkulturelle Kompetenz

Dienstag, 14. November 2017

/dpa

Berlin – Die Besonderheiten von Migrantinnen und Migranten in der Gesundheitsversorgung sind kein neues Thema. Dass mehr getan werden muss, wurde bei der Fachtagung „Vielfalt in der Praxis – Migration und Gesundheit“ deutlich, die die Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gestern in Berlin veranstaltete.

Ziel müsse es zum Beispiel sein, die sprachlichen Barrieren, ebenso wie langfristig die kulturellen und religiösen Barrieren zu überwinden, damit es nicht zu Missverständnissen und Fehlbehandlung komme, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzender der KBV, Stephan Hofmeister.

Rund 18 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus vielen unterschiedlichen Kulturen und religiösen Kontexten leben in Deutschland. „Ärzte und Psychotherapeuten brauchen vor allem mehr interkulturelle Kompetenz“, betonte Hofmeister. Im Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM), den der Medizinische Fakultätentag 2015 verabschiedet hat, werde die Lehre von interkultureller Kompetenz im Studium angestrebt. Die KBV will mit der Fachtagung ihren Beitrag für eine bessere Versorgung von Migranten und Flüchtlingen leisten.

„Vielfalt in der Praxis“

Parallel zu der Fachtagung hat die KBV eine neue Broschüre mit dem Titel „Vielfalt in der Praxis“ erstellt, die Informationen zum kultursensiblen Umgang und zur Kommunikation mit Migranten und Flüchtlingen gibt. Tipps aus der Praxis geben bei unter anderem ein in Waltrop niedergelassener Kardiologe mit syrischem Migrationshintergrund, eine Kinder- und Jugendärztin aus Viersen, die viele Migranten in ihrer Praxis sieht und ein Psychiater, der aus Sibirien stammt und in Berlin-Marzahn viele Aussiedler behandelt. Der Serviceteil der Broschüre gibt einen Überblick der Patienteninformationen, die in Fremdsprachen von der KBV zur Verfügung gestellt werden. Zudem werden Internetadressen anderer Institutionen aufgelistet, die bei der Versorgung von Migranten und Flüchtlingen weiterhelfen.

Das Themenheft ist abrufbar unter www.kbv.de/838223 oder kann kostenfrei bestellt werden unter: versand@kbv.de

Auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat Anfang November ein eigenes Internetangebot für Migranten, Flüchtlinge und Helfer und in englisch und türkisch veröffentlicht. Eine arabische und eine russische Version sollen folgen. Aufgeklärt wird dort unter anderem über Schutzimpfungen, Früherkennungsuntersuchungen für Kinder, die Versorgung im ambulanten und stationären Bereich sowie über Suchterkrankungen.

Der Medizinethiker Ilhan Ilkilic, Direktor des Institute for Health Sciences der Universität Istanbul, wies darauf hin, dass bei ernsten Diagnosen auf keinen Fall Angehörige oder Bekannte des Patienten als Dolmetscher eingesetzt werden sollten. Denn dabei könne es zu schwerwiegenden Übermittlungsfehlern kommen, weil Angehörige den Betroffenen eher schonen wollten. „Traditionell wird in der Türkei eine schlechte Diagnose eher verschwiegen“, sagte Ilkilic, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist. Er forderte, sprachlich und fachlich kompetente neutrale Dolmetscher und Sprachmittler einzusetzen. Gleichzeitig sprach Ilkilic sich dafür aus, „jeden Patienten als Individuum wahrzunehmen und nicht als Teil einer kulturell-religiösen Gruppe“.

Die interkulturelle Kompetenz von Ärzten und Psychotherapeuten müsse generell noch viel mehr gefördert werden, forderte Ilkilic weiter. Erschreckend fand er, dass an einem der besten Universitätskrankenhäuser des Landes, der Berliner Charitè, die Medizinstudierenden „fast nichts“ zu dem Thema hören würden. Der NKLM mit dem Lernziel Interkulturelle Kompetenz sei seines Wissens nur an ganz wenigen Fakultäten umgesetzt. „Wir brauchen hier ein Umdenken und zentrales Handeln“, so Ilkilic.

Wirkliche kulturelle Öffnung fehlt noch

„Deutschland ist ein Einwanderungsland“, betonte der Epidemiologe Oliver Razum, Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. „Ich sehe aber noch keine wirkliche interkulturelle Öffnung.“ Er wies auf die positiven Auswirkungen von Migration hin. Aktuell lebten in Deutschland 82 Millionen Menschen, ohne Zuwanderung seit 1955 wären es nur 72 Millionen.

Nach Daten von Razum haben 9,6 Millionen Migranten einen deutschen Pass, die größten Gruppen sind Spätaussiedler mit 3,1 Millionen und Türken mit 2,8 Millionen. Migranten litten an ähnlichen Erkrankungen wie Deutsche, wenngleich es Unterschiede in der Verteilung und im Alter gebe. „Generell sind Migranten häufig gesünder, weil überwiegend gesunde und mutige Menschen auswandern“, betonte der Epidemiologe.

Unzureichende Datenlage zur Gesundheit von Migranten

Trotz dieser hohen Zahlen habe das Gesundheitswesen erst Anfang der 2000er-Jahre begonnen, spezifische Daten zu sammeln, berichtete Razum. Im Jahr 2008 erschien dann die Gesundheitsberichterstattung des Robert Koch-Instituts (RKI) zum Thema „Migration und Gesundheit“.

Die Datenlage sei dennoch „schwierig“, so der Epidemiologe, und auch das RKI konstatiert eine „unzureichende Datenlage“ zur Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund. „Oft fehlen detaillierte Informationen, beispielsweise für verschiedene Herkunftsländer oder Altersgruppen“, heißt es auf der Homepage des Instituts.

„Türkische Patienten sind in Deutschland sehr gut versorgt, es gibt viele türkischsprachige Ärzte und Pflegekräfte“, berichtete Hatice Kadem, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin. Schwieriger findet die Türkin die Versorgung von Patienten aus arabischsprachigen Ländern und Spätaussiedlern aus Russland.

In ihrer eigenen sozialpsychiatrischen Praxis hilft sie sich, in dem sie Mitarbeiter auch den erforderlichen Sprachen entsprechend einstellt. Grundsätzlich hält sie mehr Dolmetscher- und Sprachmittlerpools für notwendig. Niedergelassene Psychotherapeuten seien besonders auf solche Pools angewiesen, sonst könne eine Therapie nicht funktionieren. © PB/aerzteblatt.de

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