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HNO-Ärzte warnen vor Komplikationen nach Piercing und Bodymodifying

Mittwoch, 15. November 2017

/chones, stock.adobe.com

Bonn – Piercings und Körpermodifikationen an Nase, Ohren und Zunge liegen bei jüngeren Menschen nach wie vor im Trend. Dabei können gesundheitliche Probleme wie Schwellungen, Blutungen, Infektionen, Allergien, Ausrisse oder andere Verletzun­gen nicht ausgeschlossen werden. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC) warnt vor diesen Komplika­tionen am Knorpel, die nur schwer heilen. Von Zungenpiercings rät der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Kopf-Halschirurgie Andreas Naumann grundsätzlich ab. Die Blutungsgefahr sei zu hoch.

„Wie häufig es in Deutschland tatsächlich zu Komplikationen kommt, ist jedoch kaum untersucht“, sagt Naumann. In der Bremer Studie unter Federführung von Heico-Rüdi­ger Krause wurden im Jahr 2000 fast 700 Piercings bei 273 Personen dokumentiert. 28 Prozent der gepiercten Personen gaben Probleme beim Heilungsprozess an, neun von ihnen wurden deshalb stationär behandelt. Auch britische Forscher haben eine Studie im BMJ zu Kompliationen bei Piercings publiziert: Bei 27,5 Prozent der Piercings traten Probleme auf, bei 13 Prozent aller Piercings war professionelle Hilfe nötig durch Apotheker, Ärzte oder Piercer. Eines von 100 Piercings bei den 16- bis 24-Jährigen führte zum Kranken­haus­auf­enthalt.

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Piercing – Unter die Haut: Körperschmuck mit Risiken

Millionen von Bundesbürgern tragen Piercings. Der perkutane Körperschmuck ist vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr beliebt, kann aber zu schweren Komplikationen führen – zunehmend ein Thema für Ärzte und Gesundheitspolitiker. Perkutaner Körperschmuck (Piercing) ist zu einem modischem Massenphänomen geworden, mit dem sich Ärzte immer häufiger beschäftigen müssen: Piercingschmuck

Eine aktuelle Übersichtsstudie in Pediatrics fasst die Daten für die US-Bevölkerung zusammen. Demnach hat fast jeder vierte amerikanische Teenager zwischen 18 und 29 Jahren ein Piercing, was keine Ohrringe im Ohrläppchen inkludiert.

Mögliche Komplikationen

Ohrmuschel und Nase sind in Deutschland seit Längerem die beliebtesten Stellen für Körpermodifikationen, auch „BodMods“ genannt nach dem englischsprachigen body modification. Piercings gelten in diesen Bereichen als ungefährlich, was sie aber nach der Erfahrung von Naumann vom Klinikum Bremen-Mitte häufig nicht sind. „Der Knorpel im Ohr- und Nasenbereich ist ein sehr empfindliches Gewebe, das normaler­weise durch eine Knorpelhaut geschützt und ernährt wird“, erläutert der Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Plastische Operationen und spezielle Schmerz­therapie. „Wenn die Knorpelhaut beim Piercing durchtrennt wird, können Bakterien und Viren eindringen und eine Infektion auslösen. Deshalb sollten Körpermodifikationen wie Piercings nur unter strengen, aseptischen Bedingungen erfolgen. An der gepiercten Stelle könne es sonst, eventuell auch im Abheilungsprozess, zum Absterben von Knorpel­gewebe kommen.

Zu den Folgen gehören Deformierungen bis zum vollständigen Verlust von Teilen der Ohrmuschel oder der Nase. „Eine Korrektur ist dann komplex und nur von spezialisier­ten Ärzten durchführbar“, sagt der Experte der DGHNO-KHC. „Die Behandlung der Früh- sowie Spätfolgen reicht dabei von kleinen Narbenkorrekturen bis zu komplexen plas­ti­schen sowie rekonstruktiven Eingriffen.“

Auch das Tunnel-Piercing bleibt häufig nicht ohne Folgen. Bei dieser Körpermodifika­tion wird ein Platzhalter im Ohrläppchen eingebracht und langsam aufgeweitet. Im Extremfall bleibt nur noch ein schmaler, umgebender Rest an Haut übrig. Probleme ergeben sich, wenn der Tunnel entfernt werden soll. „Die verbliebenen Hautreste reichen häufig nicht mehr aus, um das Loch wieder zu verschließen“, erklärt Professor Naumann. „Wir müssen dann das Ohrläppchen durch eine komplexe Lappenplastik rekonstruieren.“

Elfenohr: Eine neue Modifikation der Ohrmuschel

Eine relativ neue Körpermodifikation ist das sogenannte Elfenohr. Dabei wird die Ohrmuschel typischerweise im oberen Bereich durch das Einsetzen eines Implantates spitz geformt. „Der massive Eingriff in das natürliche Ohrgerüst birgt eine große Gefahr für das gesamte Haut-Knorpel-Gerüst des Ohres“, warnt der Experte. Zu den Folge­erscheinungen gehören Rötungen, Schmerzen, Missempfindungen aber auch schwere Infektionen bis hin zum Absterben von Knorpelgewebe. Naumann erläutert: „Die dann erforderliche plastische Ohrrekonstruktion ist sehr aufwendig und nur an HNO-Kliniken mit Erfahrungen auf dem Gebiet der plastischen Ohrrekonstruktion möglich.“

Die Fachgesellschaft rät daher von Körpermodifikationen im Knorpelbereich von Nase und Ohr grundsätzlich ab. Auch bei anderen Piercings, beispielsweise dem Zungen-Piercing, sei Vorsicht geboten. Hier komme es immer wieder durch die Verletzung einer Arterie im Zungenbereich zu erheblichen Einblutungen mit Schwellungen bis zur Atemnot. Naumann erinnert sich an einen Patienten, der aufgrund einer verletzten Arterie in der Zunge fast erstickt wäre.

Das Komplikationsrisiko hänge bei allen Eingriffen von der Lokalisation des Piercings, dem verwendeten Material, der Erfahrung des Piercers, den hygienischen Bedingungen beim Piercing sowie von der Nachsorge ab. Wer sich dennoch nicht abhalten lassen möchte, sollte sich vor dem Piercen seriös und ausführlich beraten lassen: „Viele unserer Kollegen haben Erfahrungen auf dem Gebiet der plastischen Kopf-Hals-Chirurgie und können über die Risiken aufklären“, so der Experte. © gie/EB/aerzteblatt.de

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