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Politik

Krankenkassen werben für Selektivverträge

Dienstag, 14. November 2017

/Markus Mainka, stock.adobe.com

Berlin – Den aktuellen Trend aufseiten des Gesetzgebers, Selektivverträge in ihrer Wirkung zu schwächen oder zu untersagen, hat heute in Berlin die Gesellschaft für Wirtschaftlichkeit und Qualität bei Krankenkassen (GWQ) kritisiert. Arzneimittel­rabattverträge seien das erfolgreichste Instrument, um die Arzneimittelausgaben zu steuern, sagte der Vorstand der GWQ Service Plus AG, Johannes Thormählen.

2016 betrugen nach Angaben der GWQ die Einsparungen aus Rabattverträgen 3,89 Milliarden Euro. Das entspreche mehr als zehn Prozent der Brutto-Gesamtausgaben für Arzneimittel. Die GWQ habe in letzten zehn Jahren durch Arzneimittelverträge rund 1,7 Milliarden Euro an Einsparungen erzielt, die wieder der Versichertengemeinschaft zugeflossen seien.

80 Prozent der Generika werden in China oder Indien produziert

Rabattverträge seien nicht die Ursache von Lieferengpässen oder Oligopolbildungen, wie Kritiker häufig behaupteten, betonte Thormählen. Zwar sei ein Unterschied zwischen der Vergabe von Losen an mehrere Generikahersteller und dem Abschluss von Exklusivverträgen erkennbar, räumte der GWQ-Vorstand ein. Im Juli 2017 seien aber von 5.115 gemeldeten Pharmazentralnummern von rabattierten Präparaten der GWQ nur 0,97 Prozent nicht verfügbar gewesen.

Im AOK-System, das mehrheitlich das Ein-Partner-Modell favorisiere, seien im selben Zeitraum 1,66 Prozent der Präparate nicht erhältlich gewesen. Auch auf der offiziellen Meldeliste für Lieferengpässe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizin­produkte seien Rabattvertragsarzneimittel eine Seltenheit. Von mehr als 5.000 Rabatt-Pharmazentralnummern im Jahr 2017 seien nur drei dort gelistet worden.

Das Problem von Lieferengpässen bei Arzneimitteln solle damit keinesfalls in Abrede gestellt werden, erklärte Thormälen. So berichteten Klinikapotheker von bis zu 200 Lieferengpässen und stuften rund 30 davon als versorgungskritisch ein. Dafür seien jedoch nicht die Rabattverträge in Deutschland verantwortlich. Das Problem sei vielmehr, dass es bei den Wirkstoffproduzenten weltweit zur Bildung von Oligopolen komme. Schätzungsweise 80 Prozent der generisch verfügbaren Wirkstoffe würden heutzutage in China oder Indien hergestellt. Das Zytostatikum Melphalan beispiels­weise werde weltweit nur noch von zwei Herstellern produziert. Dieses Problem lasse sich nicht auf nationaler Ebene lösen.

Rücknahme der Zytostatika-Ausschreibungen völlig unverständlich

Bei den Rabattverträgen gehe es der GWQ nicht ausschließlich um die Wirtschaftlich­keit, sondern auch um die Qualität der Versorgung, betonte die Vorsitzende des Aufsichtsrats der GWQ Service Plus AG, Gertrud Demmler. So habe die GWQ zusammen mit der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) als einzige bundesweit mit den Apotheken Verträge über die Versorgung mit Zytostatika geschlossen.

„Das war eine intelligente Ausschreibung“, sagte Demmler. Denn man habe neben Rabatten auch für die Lieferung der häufig zeitkritischen Präparate maximale Liefer­zeiten vereinbart. Daten der GWQ zeigten, dass es vor der Ausschreibung in 15 Prozent der Fälle Lieferwege von mehr als 50 Kilometer gab, nach der Ausschreibung war das nur noch in einem Prozent der Fälle so. Nach Ansicht von Demmler ist es völlig unverständlich, dass der Gesetzgeber die Möglichkeit der Zytostatika-Ausschreibungen wieder zurückgenommen hat, und alle Verträge bis zum 31. August dieses Jahres beendet werden mussten.

Die vom Gesetzgeber in der Gesetzesbegründung vorschnell unterstellten Defizite wie Lieferverzögerungen oder Probleme beim Zusammenwirken von Arzt und Apotheker könne die GWQ nicht bestätigen. Mit der Rücknahme der Ausschreibungsmöglichkeiten würden die Krankenkassen gezwungen, auf Einsparungen in Höhe von rund 700 Millio­nen Euro zu verzichten.

Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung gibt jährlich rund 3,5 Milliarden Euro für Zytostatika aus. Zwar ermögliche es der Gesetzgeber den Kassen, mit den Herstellern Rabatte zu vereinbaren. Damit lasse sich jedoch nur maximal ein Drittel der Einspa­rungen durch die Apothekenverträge erzielen. Außerdem sei fraglich, ob überhaupt ein hinreichender Wettbewerb bestehe, um Rabattpartner zu finden und deren Liefer­fähigkeit zu gewährleisten. Denn ein Drittel der relevanten Produkte würden bereits jetzt nur von zwei Herstellern vorgehalten. „Wir hoffen, dass die Möglichkeit der Ausschreibung von Zytostatika unter einer neuen Bundesregierung wiedereingeführt wird“, sagte Demmler.

Ärzte und Apotheker dagegen haben die Zytostatika-Ausschreibung stets kritisiert. Die Verträge gefährdeten die Versorgungsqualität und erhöhten das Risiko von Liefereng­pässen, erklärten die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apotheker­verbände, der Verband der Zytostatika herstellenden Apotheker (VZA) und der Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO) in einem gemeinsamen Papier im September 2016.

Die GWQ Service Plus AG wurde 2007 als Management- und Dienstleistungs­gesell­schaft von mittelständischen Krankenkassen, insbesondere Betriebskrankenkassen, als Aktiengesellschaft gegründet. Anteile können ausschließlich gesetzliche Kranken­kassen erwerben. Als öffentlich-rechtliche Körperschaften haben die Aktionäre keine Gewinnerzielungsabsicht. Kunden sind die 17 Aktionäre sowie zurzeit 51 weitere Krankenkassen. © HK/aerzteblatt.de

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