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Medizin

Digitale Pille kontrolliert Einnahme von Neuroleptikum

Mittwoch, 15. November 2017

dpa

Silver Spring - Die USamerikanische Arzneimittelagentur FDA hat ein „digitales Medizinsystem“ zugelassen, mit dem die Einnahme des atypischen Neuroleptikums Aripiprazol überprüft werden kann. Was der Hersteller als Mittel zur Verbesserung der Therapieadhärenz anpreist, weckt bei Kritikern zwangsläufig Orwellsche Ängste. 

Einige Menschen möchten ihre Medikamente nicht einnehmen, andere vergessen es immer wieder. Diese Probleme sind vor allem bei Patienten mit einer Schizophrenie häufig. Es gibt Patienten, die die Einnahme von Medikamenten aufgrund ihrer Positivsymptome (Halluzinationen, Wahnvorstellungen) verweigern, und es gibt Patienten, denen es aufgrund der Negativsymptome (kognitive Störungen) schwer fällt, die Mittel regelmäßig einzunehmen. 

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Der Hersteller Proteus Digital Health aus Redwood City in Kalifornien wendet sich mit seinem Produkt an die zweite Gruppe. Kritiker sehen dagegen den Beginn einer neuen Ära voraus, in der die Einnahme von Medikamenten erzwungen wird. „1984“ oder„Einer flog über das Kuckucksnest“ lassen grüßen. 

Auslöser der Debatte ist eine Medikamentenkapsel mit dem Wirkstoff  
Aripipra­zol, einem atypischen Neuroleptikum, das zur Behandlung der Schizophrenie und von bipolaren Störungen I eingesetzt wird. In der ersten Indikation soll sie Patienten von den Positivsymptomen befreien, in der zweiten Indikation einen Suizid in der manischen Phase verhindern. 

Der Wirkstoff Aripiprazol ist in der „Proteus Discover“-Pille in eine Matrix einge­schlossen, die sich im Magen auflöst. Sie enthält Kupfer, Magnesium und Silikon, die beim Kontakt mit der Magensäure eine Art Kartoffelbatterie bilden. Der Hersteller spricht von einem „Ingestion Event Marker“ (IEM). Der zwischen den Elektroden entstehende Strom löst ein Signal aus. Es wird von einem „Patch“ aufgefangen, das der Patient als Pflaster auf der Haut trägt. Der Patch leitet das Signal dann an ein Smartphone weiter. Dem Patienten wird auf dem Bildschirm signalisiert, dass das Medikament demnächst seine Wirkung entfalten wird. Der Patient hat dann die Möglichkeit, die Wirkung zu beurteilen oder Notizen anzulegen.

Das Smartphone kann und soll die Information aber auch an den behandelnden Arzt weiterleiten, der damit die Therapieadhärenz überprüft. Nach Angaben der FDA und des Herstellers erfolgt die Weitergabe nur mit Zustimmung des Patienten. Es ist aber natürlich leicht vorstellbar, dass diese Weitergabe motiviert oder erzwungen wird. Der Patient könnte ein Lob von seinem Therapeuten erhalten, ihm könnte aber auch mit Sanktionen gedroht werden, wenn er die Tabletten nicht einnimmt. Der Phantasie und ihrer Umsetzung sind hier kaum Grenzen gesetzt. 

Einerseits könnte ein Notruf bei einer Opiatüberdosierung das Leben des Patienten retten. Andererseits könnte die Kran­ken­ver­siche­rung mit höheren Beiträgen oder einer Kündigung drohen, wenn der Patient sich nicht an die Verabredungen hält. Bei Patienten mit Psychosen könnte die vergessene Tabletteneinnahme auch eine Zwangseinweisung in die Klinik bedeuten (sofern die Gesetze dies erlauben).

Ob sich „Abilify MyCite“, so die Bezeichnung für das neue Medizinsystem, zu einem Erfolg wird, lässt sich kaum abschätzen. Eine erzwungene Einnahme dürfte derzeit auch in den USA an ihre rechtlichen Grenzen stoßen. Außerdem kann der Patient das Pflaster jederzeit entfernen. 

Für Ōtsuka Pharmaceutical, dem Hersteller von Aripiprazol, dürfte „Abilify MyCite auch der Versuch sein, sein Präparat nach dem Ende des Patentschutzes für die verordnenden Ärzte attraktiv zu machen. Was die Pille kosten soll, die demnächst in den USA auf den Markt kommt, wurde nicht verraten.

Die Inhaltsstoffe der digitalen Pille sind laut Hersteller für den Patienten harmlos. Alle Materialien kämen im Menschen auch natürlicherweise vor, wird versichert. Die FDA weist darauf hin, dass der Hersteller bisher nicht belegen konnte, dass die digitale Pille die Adhärenz verbessert. Ganz zuverlässig scheint das „digitale Medizinsystem“ nicht zu funktioniert. Die FDA verbietet den Einsatz in Notfällen, etwa um den Wirksamkeit in „Echtzeit“ zu verfolgen.

Die Fachinformation enthält die bekannten Risiken und Nebenwirkungen von Aripiprazol. Dazu gehört wie bei anderen Antipsychotika eine „Boxed Warning“. Sie macht das  Gesundheitspersonal darauf aufmerksam, dass ältere Patienten mit Psychose, die mit Antipsychotika behandelt werden, ein erhöhtes Mortalitätsrisiko haben.

Andere Hersteller haben ebenfalls digitale Pillen in der Entwicklung: „etectRx“ aus Newberry in Florida hat den Sensor „ID-Cap“ entwickelt. Er soll die Anwendung von Opioiden oder HIV-Medikamenten verbessern. © rme/aerzteblatt.de

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