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Studie: Darmbakterien könnten vor einer Hypertonie schützen

Donnerstag, 16. November 2017

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Cambridge – Ein hoher Salzverzehr führt offenbar zu einer Störung der Darmflora. Die Folge ist aktuellen Untersuchungen in Nature (2017; doi: 10.1038/nature24628) zufolge eine Zunahme von proinflammatorischen Immunzellen im Blut, die an der Entstehung der Hypertonie oder möglicherweise sogar an der Entwicklung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sein könnten. Eine probiotische Behandlung hat bei Mäusen und gesunden Menschen den Anstieg des Blutdrucks unter einer salzhaltigen Kost verhindert.

Der zu hohe Salzkonsum in den industrialisierten Ländern gehört zu den bekannten Risikofaktoren für die arterielle Hypertonie. Die Pathogenese ist nicht bekannt. Die Nieren, die für die Ausscheidung von überschüssigem Natrium und Chlorid zuständig sind, sollen beteiligt sein.

Neuere Untersuchungen bringen das Immunsystem mit der Entwicklung der arteriellen Hypertonie in Verbindung. So kommt es bei salzsensitiven Hypertonikern zu einem Anstieg von Th17-Zellen im Blut. Dies ist insofern erstaunlich, als Th17-Zellen an der Entwicklung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind. Gibt es eine hier etwa eine Verbindung mit der arteriellen Hypertonie?

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Da das Salz über den Darm aufgenommen wird, hat ein Team um Dominik Müller vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin zusammen mit Forschern am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Cambridge/Massachusetts in einer Reihe von Experimenten den Einfluss einer salzreichen Kost auf die Darmflora untersucht.

Zunächst entdeckten die Forscher, dass Mäuse, denen über den Zeitraum von zwei Wochen das Futter versalzen wurde – die Konzentration wurde von 0,5 auf 4 Prozent erhöht –, eine Störung der Darmflora entwickelten. Vor allem die Konzentration von 
Lactobacillus murinus ging zurück. Dies ist insofern auffällig, als die Darmflora von Menschen in den Industrieländern deutlich ärmer an L. murinus ist als die Darmflora von Naturvölkern. Der Rückgang von L. murinus ließ sich auch in Zellkulturen nachweisen. Offenbar vertragen diese Milchsäure-Bakterien keine salzreiche Umgebung.

Die Forscher haben dann untersucht, ob die Gabe von L. murinus einen Anstieg des Blutdrucks unter einer salzreichen Kost verhindern kann. Dies gelang. Gleichzeitig kam es bei den Tieren zu einem Rückgang der Th17-Zellen. Da die Th17-Zellen an der Entwicklung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind, haben die Forscher die Experimente an Mäusen mit einer experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE) wiederholt. Die EAE ist ein Modell für die Multiple Sklerose, die zu den Autoimmunerkrankungen gehört. Auch hier wirkte sich die Gabe von L. murinus günstig aus – was die Frage aufwirft, ob Probiotika den Verlauf der Multiplen Sklerose beim Menschen beeinflussen könnten.

Da dies nur in langwierigen Studien untersucht werden kann, wendeten sich die Forscher dem Einfluss von L. murinus auf den Blutdruck beim Menschen zu. In einer Pilotstudie wurden zwölf gesunde Probanden gebeten, sich extrem salzhaltig zu ernähren. Die Zufuhr betrug 13,8 Gramm Salz am Tag. Dies führte zu einem Anstieg der nächtlichen Blutdruckwerte. Die Stuhluntersuchung ergab, dass L. murinus zurückging. Im Blut stieg die Konzentration der Th17-Zellen.

Die Forscher baten einige Probanden, eine Woche täglich ein Probiotikum mit Milchsäure-Bakterien einzunehmen. Als sie danach auf eine salzhaltige Kost gesetzt wurden, blieb der Anstieg des Blutdrucks aus. Die Milchsäure-Bakterien scheinen verhindert zu haben, dass das Salz in der Nahrung den Blutdruck ansteigen lässt.

Die Ergebnisse einer kleinen Pilotstudie sollten nach Ansicht der Autoren nicht überbewertet werden. Eric Alm vom Center for Microbiome Informatics and Therapeutics am MIT meinte, ein Probiotikum sei keine „Lizenz“ für einen hohen Salzkonsum. Überhaupt bleibt abzuwarten, ob die Ergebnisse von anderen Forschern in größeren Studien bestätigt werden. 

Die Frage einer antihypertensiven Wirkung von Probiotika könnte relativ schnell in einer klinischen Studie untersucht werden. Interessanter, aber schwerer zu klären wäre die Frage, ob die regelmäßige Einnahme von Probiotika die Entwicklung einer arteriellen Hypertonie vorbeugen kann. Der Nutzen von Probiotika bei der Multiplen Sklerose könnte wegen des schubförmigen Verlaufs der Erkrankung nur durch größere Langzeitstudien geklärt werden. Überraschen würde eine Wirkung indes nicht. Der Darm ist Heimat der meisten Immunzellen des menschlichen Körpers und viele Forscher sind überzeugt, dass Darmbakterien hier einen Einfluss haben. © rme/aerzteblatt.de

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