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Menschenhandel: Ultraschallhand­scanner identifiziert minderjährige Opfer

Montag, 20. November 2017

Ein erster Demonstrator: Der Ultraschall-Handscanner PRIMSA im Einsatz. / Fraunhofer IBMT

Düsseldorf – Ein mobiler, nicht invasiver Ultraschallhandscanner könnte Menschen­handel mit Minderjährigen künftig direkt an der Grenze aufdecken. Das PRIMSA-Ultra­schall-System wurde im Rahmen eines multidisziplinären Forschungsprojekts des Fraunhofer-Instituts für Biomedizinische Technik IBMT entwickelt und auf der MEDICA 2017 in Düsseldorf vorgestellt. PRIMSA steht dabei für „Prävention und Intervention bei Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung“.

Menschenhandel ist oft in Verbindung mit sexueller Ausbeutung ein internationales Problem. Die Opfer dieses Verbrechens sind nicht selten minderjährige Mädchen und Jungen, bei denen Schleuser an den Grenzen mit gefälschten Ausweisdokumenten Volljährigkeit vortäuschen. Eine technologische Lösung, um solchen Passvergehen zum Beispiel an den Grenzen der Europäischen Union (EU) zu begegnen, würde deutlich zur Handlungsfähigkeit der Behörden und zur Prävention von Menschenhandel beitragen.

Aktuell kann das Alter medizintechnisch jedoch nur mittels Knochenaltersbestimmung auf Basis ionisierender Röntgenstrahlung nachgewiesen werden. Da der Einsatz solcher Strahlung eine invasive Untersuchungsmethode darstellt, bedarf diese eines richter­lichen Beschlusses und wird in der polizeilichen Praxis nur selten auf Basis eines vorläufigen Verdachts durchgeführt. 

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„Das PRIMSA-Handscanner-System ermöglicht die Bestimmung der Volljährigkeit durch mobile Ultraschallmesstechnik und kann ohne richterlichen Beschluss bei jedem Verdachtsfall angewandt werden“, erläutert Holger Hewener, Arbeitsgruppenleiter Software Engineering und Systemintegration am Fraunhofer IBMT. Die voranschreiten­de Knochenbildung am menschlichen Handgelenk ersetzte mit fortschreitendem Alter die Wachstumsfugen durch Knochen, erklärt Hewener die Technik. Die für die Bestim­mung der Volljährigkeit relevanten Knochenmerkmale – die Radius- beziehungs­weise Ulna-Knochen – bilden sich bei Frauen vollständig im Alter von 14 bis 17 beziehungs­weise 16 bis 18 Jahren aus, bei Männern im Alter von 16 beziehungsweise 17 bis 20 Jahren. Insbesondere bei Frauen ist die Verknöcherung daher ein signifikantes Indiz für das Erreichen der Volljährigkeit. 

In der Anwendung als schnelles, mobiles Screeningverfahren kann die Nutzung unseres Gerätes mit dem Atemalkoholtester bei Verkehrs­kontrollen verglichen werden. Holger Hewener, Fraunhofer IBMT

Ähnlich wie ein Alkoholtest

„In der Anwendung als schnelles, mobiles Screeningverfahren kann die Nutzung unseres Gerätes mit dem Atemalkoholtester bei Verkehrskontrollen verglichen werden“, erklärt Hewener. Die Messmethode sei zwar zunächst gerichtlich nicht verwertbar, könne jedoch einen ersten Verdachtsfall bestätigen, der weitere Messmethoden begründe. Der Ultraschallhandscanner der Fraunhofer-Wissenschaftler soll den Behörden somit ein zusätzliches Instrument an die Hand geben, um einen aufkommen­den Verdachtsfall auf Zwangsprostitution Minderjähriger zu bestätigen und eine richterlich verwertbare Röntgenuntersuchung zur exakten Altersbestimmung schneller erwirken zu können.

Technisch realisiert wurde die Lösung mit einer handgehaltenen, einkanaligen und kostengünstigen Ultraschallhardware, die während der Messung das Handgelenk umfasst. Sie überträgt die Messdaten über eine Funkschnittstelle zur Verarbeitung und Analyse direkt an ein mobiles Endgerät – beispielsweise ein Smartphone oder ein Tablet. Das Ergebnis der Analyse erscheint als Ampelgrafik. Diese vereinfachte Methodik ermöglicht einen realitätsnahen Einsatz direkt vor Ort durch die Behörden. Eine spezielle Ausbildung ist nicht notwendig.

Ein Prototyp soll nach der Evaluation entwickelt werden

Die Entwicklung und Evaluation des Systems wird durch Projektpartner im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten PRIMSA-Initiative auch aus sozialwissenschaftlicher und sozialpsychologischer Perspektive betrachtet und in seinen klinisch relevanten Implikationen reflektiert. Die Evaluation des Systems an Probanden wird aktuell im Rahmen einer klinischen Studie durch die Universität des Saarlandes am Uniklinik-Campus in Homburg in Zusammenarbeit mit dem Verein Hope for Freedom durchgeführt. Ein in diesem schwierigen Umfeld überhaupt mögliches ideales Szenario sieht vor, dass Menschenhandel von Minder­jährigen durch die Behörden bereits bei der Einreise in die EU verhindert wird – denn wenn die Identifikation minderjähriger Opfer gelingt, können diese umgehend der Obhut des übergreifend entwickelten Präventions- und Interventionsprogramms unterstellt werden.  

Neben dem Fraunhofer IBMT ist die Cemec – Intelligente Mechanik GmbH als Indus­trie­partner an der technischen Entwicklung beteiligt. Im Anschluss an die Evaluation soll der vorliegende Demonstrator zu einem Prototyp und schließlich zu einem einsatzfähigen Produkt weiterentwickelt werden, wobei die behördlichen Partner stets involviert bleiben, um die Anforderungen an den realen Einsatzkontext zu berück­sichtigen. Auch die Zuverlässigkeit und Genauigkeit der Messtechnik und Ergebnisse sollen im Rahmen weiterer Studien untersucht werden. Perspektivisch kann das neue Messverfahren auch weitere medizinische Einsatzzwecke bis hin zum Pflege- und Heimanwendungsbereich finden – zum Beispiel bei Osteoporose. © gie/EB/aerzteblatt.de

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