NewsVermischtesProzess um Massenrausch von Handeloh endet mit Bewährungsstrafe
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Prozess um Massenrausch von Handeloh endet mit Bewährungsstrafe

Mittwoch, 22. November 2017

Stade – Ein Psychotherapeut ist dafür verantwortlich, dass mehrere Menschen zeit­weise in Lebensgefahr schwebten. Sie nahmen in seinem Seminar in Handeloh bei Hamburg Drogen, um ihr Bewusstsein zu erweitern. Am Ende landeten alle im Krankenhaus. Richter haben den 53-Jährigen heute in Stade zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt – wegen des Besitzes und der Abgabe von Drogen. Die Mindeststrafe hätte in diesem Fall bei einem Jahr gelegen. Ein Berufs­verbot verhängte die Kammer nicht.

Der Angeklagte habe auch so schon erhebliche berufliche und wirtschaftliche Konsequenzen zu fürchten, begründet der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp das Urteil des Landgerichts.

Als Psychotherapeut darf der 53-Jährige damit weiter arbeiten – zumindest vorerst. Denn er könnte wegen des Drogenexperiments seine Approbation verlieren. Die Psychotherapeutenkammer beschäftigt sich nach Angaben der Verteidigung bereits mit dem Fall.

Anzeige

„Die sieben Quellen – eine Reise durch unser Energiesystem“ lautete der Titel des Seminars, das der Psychotherapeut im September 2015 im beschaulichen Örtchen Handeloh südlich von Hamburg anbot. Kosten pro Teilnehmer: 290 Euro. Zu dem Seminar brachte er Kapseln mit dem Halluzinogen 2C-E mit, die alle 27 Teilnehmer freiwillig schluckten. Doch was der Organisator nicht wusste: Die Kapseln enthielten auch eine psychoaktive Substanz. Kurze Zeit später wanden sich die Teilnehmer mit Krämpfen, Atemnot und Wahnvorstellungen auf dem Boden. 160 Rettungskräfte kämpften um ihre Leben.

Von einen Unfall, der ihm eine heilsame Lehre sein werde, spricht der 53-Jährige vor Gericht. „Jetzt stehe ich hier und verantworte die Fehler, die ich begangen habe“, sagt er. 

„Wir haben es hier mit einem Fall zu tun, der in diesen Dimensionen in Deutschland wahrscheinlich so noch nie vorgekommen ist“, sagt Staatsanwalt Christian Laustetter in seinem Plädoyer. Neben einer Bewährungsstrafe fordert er ein Berufsverbot für den Angeklagten. „Der Angeklagte hat keinen Zweifel daran erkennen lassen, dass er ein glühender Verfechter der Psycholyse ist.“ Bei der umstrittenen Therapieform soll das Bewusstsein mit Drogen erweitert werden.

Der Angeklagte war ein Schüler des im Januar gestorbenen Schweizer Therapeuten Samuel Widmer und soll den Ermittlern zufolge mit dessen Kirschblütengemeinschaft sympathisieren. Die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen stuft diese als proble­matisch ein. Kritiker sehen in ihr eine Sekte. Seit 2012 habe er nur noch unregelmäßig eine Trainingsgruppe von Widmer besucht, sagt der Psychotherapeut. „Ich bin vor allem eigene Wege gegangen.“ Die Gesinnung des Angeklagten sei nicht Gegenstand des Verfahrens gewesen, sondern allein die Drogendelikte, betont Appelkamp später, als er das Urteil verkündet.

Für das Drogenexperiment muss der Psychotherapeut auch finanziell geradestehen: Er muss für das Verfahren aufkommen, das nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen der vielen Drogenanalysen und Blutuntersuchungen einen fünfstelligen Betrag gekostet hat. Auch den Rettungseinsatz in ähnlicher Höhe muss er voraussichtlich bezahlen. © dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

17. Oktober 2018
Seattle und Pittsburgh – Eine bariatrische Operation könnte für Menschen mit Typ-2-Diabetes und ausgeprägter Adipositas die mit Abstand beste Behandlung sein – sofern die Gewichtsreduktion bestand
Bariatrische Operation schützt vor Herzinfarkt und anderen makrovaskulären Komplikationen
15. Oktober 2018
Freiburg – Wegen fehlerhafter Hüftprothesen hat das Landgericht Freiburg zwei Patienten Schmerzensgeld von jeweils 25.000 Euro zugesprochen (Az.: 1 O 240/10 und 1 O 26/17). Die Hüftprothesen weisen
Patienten erhalten wegen Fehler in Hüftprothese Schmerzensgeld
11. Oktober 2018
Potsdam – Im Arzneimittelskandal um das Unternehmen Lunapharm gibt es neue Vorwürfe gegen die Brandenburger Behörden und den Pharma-Großhändler. Wie das ARD-Politmagazin „Kontraste“ und der Sender RBB
Neue Vorwürfe in Pharmaskandal
10. Oktober 2018
Berlin – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich für eine Aufarbeitung der in der Siedlung Colonia Dignidad in Chile begangenen Menschenrechtsverbrechen ausgesprochen. Nach einem Treffen mit dem
Merkel für Aufarbeitung der Verbrechen in der Siedlung Colonia Dignidad in Chile
10. Oktober 2018
Paris – Im Skandal um minderwertige Brustimplantate des Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP) werden Schadenersatzklagen gegen den TÜV Rheinland in Frankreich neu aufgerollt. Das oberste Gericht des
Brustimplantateklagen gegen TÜV werden in Frankreich neu verhandelt
5. Oktober 2018
Bottrop – Der Skandal um zu gering dosierte Krebsmedikamente aus einer Apotheke in Bottrop soll Thema im Bundestag werden. Der Paritätische Wohlfahrtsverband und Selbsthilfegruppen aus Bottrop haben
Bundestagspetition zu Bottroper Apothekerskandal gestartet
1. Oktober 2018
Frankfurt/Main – Ärzte müssen bei einer fehlerhaften Schwangerschaftsbetreuung auch Zwischenfinanzierungskosten für einen behindertengerechten Neubau übernehmen. Geklagt hatten die Eltern einer
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Anzeige

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER