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Zahl der HIV-Neuinfektionen stagniert in Deutschland bei 3.100

Donnerstag, 23. November 2017

/dpa

Berlin – Im vergangenen Jahr haben sich in Deutschland etwa 3.100 Menschen neu mit dem HI-Virus infiziert. Die Zahl der Neuinfektionen liegt damit auf dem Niveau des Jahres 2015. Insgesamt leben in Deutschland damit rund 88.400 Menschen mit HIV oder Aids. Etwa 460 starben 2016 daran, etwa so viele wie im Jahr davor. Dies zeigen die neuen Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zum HIV/AIDS-Geschehen in Deutsch­land, die im Epidemiologischen Bulletin 47/2017 veröffentlicht sind. 

„Die Zahlen zeigen, dass wir mit unserer erfolgreichen Präventionsarbeit und den guten Behandlungsangeboten auf dem richtigen Weg sind. Deutschland gehört zu den Ländern mit den niedrigsten HIV-Neuinfektionsraten in Europa“, sagte Bundesgesund­heitsminister Hermann Gröhe (CDU). Er forderte, diese Anstrengungen kraftvoll fortzu­setzen, um die Zahl der Ansteckungen zu senken. „Dazu gehört auch, über die Krank­heit zu informieren und so Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit HIV-infizierten Menschen abzubauen, damit ein vorurteilsloses Zusammenleben zur Selbstverständ­lich­keit wird“, so der Minister.

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Steigende Zahlen bei Heterosexuellen

Der Präsident des RKI, Lothar Wieler, wertete vor allem die sinkende Zahl der Neu­infektionen bei homosexuellen Männern als positives Signal. Bei Männern, die Sex mit Männern haben, ging die geschätzte Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen Jahren zurück – von 2.500 im Jahr 2013 auf 2.100 im Jahr 2016.

Allerdings steigen laut den RKI-Zahlen die Neuinfektionen bei Heterosexuellen seit 2010: 2016 infizierten sich schätzungsweise rund 750 Menschen. Auch bei Drogen­konsumenten gibt es seit 2010 einen Anstieg – auf etwa 240 Neuinfektionen 2016. Von den rund 88.400 Menschen mit HIV sind laut dem RKI insgesamt etwa 56.100 homosexuelle Männer, rund 11.200 Heterosexuelle und etwa 8.200 Drogenkonsu­menten. Ein großes Problem ist laut Wieler, dass Tausende Menschen nichts von ihrer Infektion wüssten. Schätzungsweise 12.700 der insgesamt 88.400 Infizierten hätten keine Ahnung von ihrer Ansteckung, weil sie noch nicht getestet worden seien. „Die hohe Zahl von nicht diagnostizierten Menschen mit HIV zu senken, ist ein wichtiges Ziel“, erklärte der RKI-Präsident.

Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) hat anlässlich des Starts der bayerischen HIV-Testwoche am 23. November zu einem konsequenten Schutz vor der Immunschwächekrankheit Aids aufgerufen. Huml betonte heute in München: „Das Risiko einer HIV-Ansteckung darf nicht unterschätzt werden. Aids ist zwar mittlerweile behandelbar, aber noch immer nicht heilbar. Deshalb ist es wichtig, insbesondere junge Menschen auf diese Gefahr hinzuweisen.“

Fachgesellschaft für HIV-Selbsttest

Ein HIV-Selbsttest wäre laut der Gesellschaft für Virologie (GfV) eine Möglichkeit, die Dunkelziffer zu verringern. „Es ist auffällig, dass seit Jahren unverändert bei über einem Viertel der HIV-Neudiagnosen die Infektion erst dann festgestellt wird, wenn der Betroffene bereits erkrankt ist oder die Zahl der T-Helferzellen unter 350/Mikroliter liegt, was einer fortgeschrittenen HIV-Infektion entspricht“, sagte Josef Eberle vom Max-von-Pettenkofer-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem nationalen Referenzzentrum für Retroviren. „Das bedeutet, dass wir trotz der vielen, auch anonymen und kostenlosen Angebote für einen HIV-Test nicht alle Infizierten erreichen“, so der Experte. Für diese Menschen könnte ein Selbsttest, wie er in mehreren Ländern bereits erhältlich sei, eine Chance sein.

In Deutschland darf ein solcher Test bislang nicht an Privatpersonen abgegeben werden. Derzeit wird aber geprüft, ob die Medizinprodukte-Abgabeverordnung entsprechend verändert werden sollte. Problematisch ist jedoch die Fehlerquote – ein positives beziehungsweise negatives Ergebnis eines Selbsttests kann laut der GfV falsch sein. Bei einem Test im Fachlabor werde das Resultat dagegen mittels eines Bestätigungstests überprüft, bevor der Betroffene informiert werde. Zudem hänge das Testergebnis bekanntlich von der Infektionsphase ab. Trotz dieser Bedenken befürwor­ten die GfV-Experten die Abgabe von Selbsttests an Privatpersonen, um die weitere Ausbreitung der HIV-Infektion zu verhindern und Infizierten einen frühzeitigen Therapiebeginn zu ermöglichen. „Es muss jedoch gewährleistet sein, dass die Tests klare Informationen zum Umgang mit den Ergebnissen enthalten“, betonte Eberle.

Sven Warminsky vom Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe kritisierte, die HIV-Infektions­zahlen könnten sinken, wenn Deutschland alle verfügbaren Schutzmethoden zum Einsatz bringen würde. Dazu gehöre, dass die Krankenkassen die HIV-Prophylaxe PrEP für Menschen mit besonders hohem HIV-Risiko bei entsprechender Indikation über­nehmen sollten. Zudem müssten Menschen in Haft Zugang zu sauberen Spritzen erhalten. Außerdem benötigten Menschen ohne Papiere einen anonymen Zugang zur HIV-Therapie, damit sie nicht ihre Abschiebung fürchten müssten, wenn sie medizini­sche Versorgung in Anspruch nähmen, so Warminsky. 

Auf die soziale Situation von Menschen mit HIV/Aids weist die Deutsche Aids-Stiftung hin. „Mit 88.400 Menschen lebten 2016 so viele HIV-positive Menschen in Deutschland wie niemals zuvor. Mittel- und langfristig hat dies zur Folge, dass auch immer mehr Menschen mit HIV und Aids sich um Hilfe an die Deutsche Aids-Stiftung wenden“, sagte dessen Vorstandsvorsitzende Elisabeth Pott. © afp/hil/aerzteblatt.de

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