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Ärzteschaft

Geriatrie: Laumann plädiert für regionale Versorgungsnetze

Freitag, 24. November 2017

/dpa

Münster – „Wir haben die Aufgabe, die Pflege und Gesundheitsleistungen da hinzu­bringen, wo wir die Menschen haben“, sagte Karl-Josef Laumann (CDU). „Dazu gehören Professionelle, Ehrenamtliche, aber auch die Menschen im Wohnumfeld Kranker, Pflege- und Hilfsbedürftiger“, so der Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW).

Anlass war eine gesundheitspolitische Fachveranstaltung der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) zur sektorenüber­greifen­den Versorgung geriatrischer Patienten, an der mehr als 100 Vertreter aus ärztlicher Selbstverwaltung und Politik, von Kliniken und Krankenkassen teilgenommen haben. „Seit der Wiedervereinigung ist die Lebens­erwartung in Deutschland um 13 Jahre gestiegen, weil unser Know-how in der Medizin und der Technik umgesetzt worden ist“, führte Laumann weiter aus.

„Wir müssen aber jetzt handeln“

Das bedeute aber, dass die Zahl hochbetagter Menschen steige. Und diese Menschen lebten in Städten und Dörfern, die nach Ansicht Laumanns vor großen Herausforderungen stehen. „Wir müssen sehen, dass wir mehr Ärzte kriegen“, betonte der Minister. „Ich bin nach sieben Jahren in mein Amt hier in NRW zurückgekehrt. Was ich gesehen habe ist, dass die Ärzte sieben Jahre älter geworden sind. Aber an der Struktur hat sich nichts geändert.“ Jeder vierte niedergelassene Arzt sei im Schnitt über 60 Jahre alt. Die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag von CDU und FDP zur Förderung des ärztlichen Nachwuchses, wie etwa eine neue medizinische Fakultät in Ostwestfalen-Lippe, führten erst in zehn Jahren zu Verbesserungen in der Versorgung. „Wir müssen aber jetzt handeln.“

Bedarf zu handeln sieht der Minister auch bei der Pflege. „Jedes Jahr nimmt die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland um zwei bis drei Prozent zu. Aber wo finden wir die Pflegekräfte, die sie versorgen?“ Jährlich legten 60.000 Auszubildende in Deutsch­land das Pflegeexamen ab. „Das ist zu wenig“, betonte Laumann und berichtete, dass die Krankenpflegeausbildung in NRW bis vor zwei Jahren noch durch die Kranken­kassen finanziell legitimiert war und die Pflegeschulen dadurch nur jeden dritten Bewerber annehmen konnten. „Das muss alles weg“, forderte er, ist aber zugleich davon überzeugt, dass auch dann die Zahl der Pflegekräfte nicht ausreichen wird, um den Bedarf zu decken.

Regionale Netzwerke organisieren

„Wir brauchen auch die Angehörigen, die Familien und die Nachbarn. Wir werden das nicht alles mit Professionellen lösen können.“ In einem Netzwerk sollte dann gemeinsam analysiert werden, welcher Versorgungsbedarf besteht und wer welche Fähigkeiten und Talente einbringen kann. „Und das muss regional stabil organisiert werden“, forderte Laumann und erteilte der kommunalen Pflegebedarfs­planung durch das Alten- und Pflegegesetz NRW seiner Vorgängerin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) eine klare Absage: „Ich bin grundsätzlich gegen staatliche Planung. Ich weiß nur noch nicht, wie ich sie wieder wegkriegen soll.“

Außerdem verfolgt Laumann den Grundsatz, dass jeder Mensch selbst entscheiden soll, was für ihn „ein geeigneter Wohnort“ ist. „Deswegen hören Sie von mir auch nicht solche Sätze wie ‚Ambulant vor stationär‘.“ Der Minister sieht daher beim Aufbau einer Versorgung die Kommunalpolitik in der Pflicht: „Wie kriegen wir in einer Bauernschaft mit 700 Einwohnern eine Versorgung hin, auch mit Lebensmitteln? Wo muss die Tages­pflege entstehen, wo die Kurzzeitpflege? Wo haben wir noch Grundstücke, dass Wege zur Kirche und zum Lebensmittelgeschäft nicht zu lang sind?“ Das müsse alles ineinandergreifen und auch die medizinische Versorgung müsse dazu passen. Er gehe allerdings davon aus, dass die Ärzte und Kliniken in den Regionen schon gut vernetzt seien und Krankenhäuser und Einweiser gute Kontakte pflegten.

Bei den Verwaltungen der Städte und Gemeinden sieht Laumann hingegen noch großes Verbesserungspotenzial. Als Beispiel nannte er eine kommunale Internetseite, auf der tagesaktuell die freien Plätze in Pflegeeinrichtungen ausgewiesen sind, um einen möglichen kurzfristigen Bedarf an Plätzen zu decken, etwa wenn der Ehepartner eines Pflegebedürftigen plötzlich krankheitsbedingt ausfällt. „Warum geht sowas, wenn ich irgendwo ein Hotelbett brauche, aber warum geht das in der Pflege nicht?“ Laumann appellierte in diesem Zusammenhang auch an die Krankenkassen, Geld für zusätzliche Kurzzeit- und Tagespflegeplätze zur Verfügung zu stellen.

Auch Pflegebedürftige benötigen eine Reha

Defizite sieht der Minister darüber hinaus in der Rehabilitation. „Nach einem Schlag­anfall kommt man schnell in die Reha – solange man danach noch einigermaßen fit ist. Aber ist man danach pflegebedürftig, gibt es keine Reha.“ Er vermutet, dass die Krankenkassen kein Interesse daran haben, Pflegebedürftigen eine Reha zu finanzieren. An dieser Ungleichbehandlung müsse sich etwas ändern. „Natürlich kann ich nicht jeden Pflegebedürftigen wieder fit machen, aber wenn der sich sein Butterbrot wieder selber schmieren kann, dann ist das für den ein eklatanter Gewinn an Lebensqualität.“

Die Pflegebedürftigen dürften auch nicht in Reha-Einrichtungen überwiesen werden, die „Hunderte von Kilometern“ entfernt sind. Eine Alternative könne „die häusliche Reha“ sein. Allerdings räumte Laumann ein, dass bei diesem Thema in Berlin Fehler gemacht worden sind. „Die Anforderungen sind so hoch gesetzt worden, dass die praktisch nicht stattfindet. Das geht nicht.“ Er ist auch davon überzeugt, dass sich in der Versorgung hochbetagter und pflegebedürftiger Menschen vieles gar nicht über einen langen Zeitraum im Voraus planen lässt. „Das wird man immer auf den Moment planen müssen.“ © ts/aerzteblatt.de

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