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Politik

Digitale Gesundheit: Versicherte wollen nicht alle Angebote nutzen

Dienstag, 28. November 2017

/kentoh, stock.adobe.com

Berlin – Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist mit Erwartungen, aber auch Befürchtungen verknüpft. Während gut 40 Prozent der Befragten einer aktuellen Studie davon ausgehen, dass die Digitali­sierung bei Gesundheitsberufen für den Wegfall von Arbeitsplätzen sorgen wird, sind immerhin fast 70 Prozent nicht dieser Meinung. Das ergab eine heute in Berlin vorgestellte Umfrage der BKK unter 3.000 Versicherten, die vom Marktforschungs­institut Statista durchgeführt wurde und zusammen mit dem BKK Gesundheitsreport 2017 erschienen ist. Dieser steht in diesem Jahr unter dem Motto „Digitale Arbeit – Digitale Gesund­heit“.

Am stärksten könnte die digitale Transformation jene Berufsgruppen im Gesundheits­wesen treffen, deren Tätigkeiten technisierbar seien und wo es um Mustererkennung gehe, erklärte der Professor für Medizinische Soziologie Holger Pfaff von der Universi­tät Köln. „Es wird irgendwann keine Radiologen mehr geben, wenn die Maschine den Krebs auf dem Röntgenschirm besser erkennt als der Mensch.“ Auch den Labordiagnos­tikern prophezeit Pfaff ein ähnliches Schicksal.

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Solange der Mensch aber noch bevorzugt, einen Menschen und nicht eine Maschine zu sprechen, ist der Job gerettet. Holger Pfaff, Universität Köln

„Solange der Mensch aber noch bevorzugt, einen Menschen und nicht eine Maschine zu sprechen, ist der Job gerettet“, ist Pfaff überzeugt. Und genau das sei der Fall im Gesundheitswesen. Vor allem bei der ärztlichen Behandlung legen fast 80 Prozent der Umfrageteilnehmer großen Wert auf einen persönlichen Kontakt. Nur 23,7 Prozent würden zum Telefonhörer greifen oder eine Videosprechstunde akzeptieren. Online­coaching für einen gesünderen Lebensstil oder Sensoren in Alltagsgegenständen zur permanenten Überwachung der Gesundheit trifft bei 20 beziehungsweise 15 Prozent auf Interesse.

Diese digitalen Serviceangebote wünschen sich die Versicherten:

(geordnet nach abnehmender potenzieller Nutzung)

  1. digitale Meldung an die Krankenkasse
  2. digitale Erinnerung Vorsorge/Impfung
  3. persönliche Gesundheitsakte
  4. Onlinesuche nach Ärzten/Kran­ken­häusern und Pflegeeinrichtungen
  5. digitale Kommunikation mit Krankenkassenmitarbeitern
  6. Webseiten mit Informationen zu Krankheiten und Behandlung
  7. digitale Kommunikation mit Ärzten/Thera­peuten
  8. erste Einschätzung via App oder Video
  9. Onlinecoaching (gesunde Ernährung)
  10. Onlinebehandlung von Krankheiten
  11. Überwachung der Gesundheit über Sensoren

Quelle: BKK Gesundheitsreport 2017, S. 118

Ein umgekehrtes Bild zeigt sich bei der Meldung der Arbeitsunfähigkeit. Diese bekämen 65,5 Prozent am liebsten per E-Mail oder App vom Arzt übermittelt, um sie dann elektronisch an die Kranken­kasse und den Arbeitgeber weiterleiten zu können. „Damit hat man auch gleich das schönste Beispiel vom Rückschlag des Analogen in der digitalen Welt gewählt“, sagte Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands. Bisher sei die Krankenkasse aufgrund juristischer Rahmenbedingungen (SGB IV und V) dazu gezwungen, die digitale Meldung zurück zu analogisieren und dem Versicher­ten, Arzt oder Arbeitgeber analog zu beantworten. „Das ist wahr­scheinlich der Prototyp dafür, was auf der E-Health-Agenda der Bundes­regierung aus Sicht der Krankenkassen oben ansteht.“

Bei Medikamenten aus der Apotheke halten sich die Präferenzen etwa die Waage. Etwas mehr als die Hälfte holt sich diese am liebsten selbst in der Apotheke ab. Gut 40 Prozent bevorzugen ein digitales Rezept und eine Lieferung nach Hause. Eine digitale Erinnerung an Vorsorge­untersuchungen und Impfungen würden 47,5 Prozent der Frauen nutzen und 38,7 Prozent der Männer. Eine persönliche Gesundheitsakte mit Untersuchungsergebnissen steht bei beiden Geschlechtern etwa gleich gut im Kurs (Frauen: 43,3 Prozent; Männer: 39,7 Prozent).

Bei der Verwaltung der Gesundheitsdaten zeigte sich ein großes Bedürfnis an Mitbe­stim­mung. Fast 80 Prozent wollen selbst bestimmen, welche Personen oder Institu­tionen diese Daten einsehen können. Der Datenschutz ist vor allem den älteren Befragten wichtig. Männer unter 30 Jahren äußerten den Wunsch nach Selbst­bestimmung und Datenschutz hingegen weit seltener (60 versus 80 Prozent).

Wem traut man seine Gesundheitsdaten am ehesten an?

  • Hausärzte (74,5 %)
  • Fachärzte (72,7 %)
  • Apotheken (54,3 %)
  • Krankenhäuser (53,2 %)
  • Krankenkassen (47,2 %)
  • Betriebsärzte (42,2 %)
  • Forschungseinrichtungen (41,9 %)
  • staatl. Gesundheitsbehörden (41,4 %)
  • private Unternehmen (14,4 %)

Quelle: BKK Gesundheitsreport 2017, S. 122

Ein deutliches Vertrauensgefälle zeichnete sich bei den Akteuren im Gesundheitswesen ab. Ihre persönlichen Gesundheitsdaten würden gut 70 Pro­zent der Befragten am ehesten ihrem Haus- oder Facharzt zur Verwaltung anvertrauen. Staatlichen Gesundheits­behörden und Krankenkassen schenkt weniger als die Hälfte ihr Vertrauen (siehe Kasten).

Gesundheitsberufe stärker psychisch belastet

Mehr als zwei Fünftel der Beschäftigten erledigen nach eigenen Angaben durch die Digitalisierung Aufgaben schneller sowie mehrere Aufgaben gleichzeitig. Mehr als jeder Fünfte gibt an, sich durch die Digitalisierung überlastet beziehungsweise ausgebrannt zu fühlen. Fast 30 Prozent erledigen auch in ihrer Freizeit Arbeit.

Dennoch sieht sich durch die Digitalisierung ihrer Arbeit die Mehrheit nicht in ihrer Gesundheit beeinträchtigt (67,4 Prozent). Fast jeder Dritte fühlt sich jedoch gegenüber früher stärker belastet, was die psychische Gesundheit verschlechtern könnte. Nur einer von zehn Befragten fühlt sich hingegen weniger belastet.

Der Vergleich der verschiedenen Berufsgruppen zeigt, dass vor allem zwei Segmente eine deutliche Mehrbelastung im Vergleich zu früher spüren, die die psychische Gesundheit gefährdet: IT- und naturwissenschaftliche Dienstleistungsberufe führen die Skala mit 32,6 Prozent an, gefolgt von medizinischen und nicht medizinischen Gesundheitsberufen mit 31,4 Prozent. Auch die körperliche Belastung ist laut BKK-Umfrage durch die Digitalisierung gestiegen, meinen 26,3 Prozent derjenigen, die in Gesundheitsberufen tätig sind.

Gleichzeitig stieg der Anteil der Krankentage wegen seelischer Leiden im Zehnjahres­vergleich stark an: 2006 entfielen zehn Prozent aller Krankschreibungen auf psychische Diagnosen. 2016 waren es noch 16 Prozent. Die Ursachen dafür sind vielfältig, zweifels­ohne spielen die zunehmende Verdichtung der Arbeit und die rasant fort­schreiten­de Digitalisierung der der Arbeitswelt eine Rolle, teilt die BKK in ihrem Gesundheitsreport 2017 mit.

Auf die Frage, ob die Digitalisierung am Ende Kosten sparen könnte, antwortete Knieps: „Ich habe in 30 Jahren noch nicht erlebt, dass Entwicklungen das Gesundheits­wesen billiger machen. Das ist auch nicht mein Ziel.“ Sicherlich würden Leistungen rationalisiert, dafür gebe es aber neue Leistungen und Ansprüche. Der Vorstand des BKK Dachverbands erhofft sich eine bessere Versorgung beispielsweise bei seltenen Erkrankungen.   © gie/aerzteblatt.de

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