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Medizin

Scharlach-Epidemie: Viktorianische Erkrankung beunruhigt englische Gesundheitsbehörden

Dienstag, 28. November 2017

London – In England ist es 2014 jeweils zu einem plötzlichen Anstieg von gemeldeten Scharlacherkrankungen gekommen. Die britische Gesundheitsbehörde Public Health London findet in Lancet Infectious Diseases (2017; doi 10.1016/ S1473-3099(17)30693-X) keine Erklärung für die hohe Zahl von Erkrankungen bei unter zehnjährigen Kindern, die teilweise sogar hospitalisiert werden, die Klinik aber in der Regel am gleichen Tag wieder verlassen.

Scharlach, eine Variante der Streptokokken-Angina, die aufgrund einer Toxinbildung mit einem typischen makulopapulösen „rauhen“ Hautausschlag einhergeht, hat ihren früheren Schrecken eingebüßt. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Scharlach eine häufige Todesursache von Kindern, die vermutlich an den Komplikationen der unbehandelten Infektionen, etwa einer bakteriellen Pneumonie, gestorben waren. Noch vor der Entdeckung des Penicillins ist Scharlach immer seltener geworden. Das erste Antibiotikum kann weiterhin erfolgreich eingesetzt werden, da der Erreger S. pyogenes bisher keine nennenswerten Resistenzen entwickelt hat. 

Schwere Erkrankung oder gar Todesfälle sind selten. In England wird die Erkrankung jedoch noch heute mit der viktorianischen Ära in Verbindung gebracht, als die Ärzte machtlos gegen die hoch-ansteckende Erkrankung waren. Scharlach ist in England bei Verdacht meldepflichtig (In Deutschland besteht eine Meldepflicht nur bei Ausbrüchen in Gemeinschaftseinrichtungen).

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Aus einen unklaren Grund ist es im Frühjahr 2014 in England zu einem landesweiten Anstieg der Scharlach-Meldungen gekommen. Die Zahl der Erkrankungen war (über das ganze Jahr) sieben Mal höher als in den Jahren zuvor. Die Epidemien wiederholten sich in den Frühjahrsmonaten 2015 und 2016. In diesem Jahr verzeichnete Public Health England insgesamt 620 Ausbrüche mit über 19.000 Fällen (gegenüber 1.600 bis 4.700 in den Jahren vor 2014). Wie Theresa Lamagni, die Leiterin der Streptokokken-Surveillance bei Public Health England in London, berichtet, ist die Inzidenz von 3,1 bis 8,2 pro 100.000 Einwohner in den Jahren vor 2014 auf 33,2 pro 100.000 nach oben geschnellt. (Auch im Frühjahr 2017 kam es Ausbrüchen, die aber schwächer ausgefallen sein sollen).

Die meisten Erkrankungen traten in Schulen und Vorschuleinrichtungen auf. Das Durchschnittsalter lag bei vier Jahren. Im Jahr 2014 wurden in England 656 Kinder mit Scharlach ins Krankenhaus überwiesen. Der Anteil von 5 Prozent lag nicht höher als in den Vorjahren, und die meisten Kinder wurden noch am gleichen Tag wieder entlassen. Nur bei 52 Kindern kam es zu Komplikationen. Darunter waren drei Sepsisfälle und zwei Enzephalitis-Fälle, die im Vorjahr nicht aufgetreten waren. Die anderen Komplikationen wie Otitis media, Peritonsillarabszess, Fieberkrämpfe) dürften keine therapeutischen Probleme aufgeworfen haben.

Dennoch sah sich Public Health England veranlasst, nach möglichen Ursachen der Epidemien zu suchen. Die Annahme, dass Mutationen im Erreger-Genom zum Auftreten einer neuen Streptokokken-Variante geführt hat, bestätigte sich jedoch nicht. Die landesweite Epidemie ließ sich auch nicht auf einen einzelnen Erreger zurückführen. Stattdessen wurde ein genetisch vielfältiges Spektrum etablierter Stammtypen („emm“) identifiziert, darunter „emm3“ (43 Prozent der Isolate), „emm12“ (15 Prozent), „emm1“ (11 Prozent) und „emm4“ (1 Prozent).

Die genetische Analyse widerlegte auch die Annahme, dass die Bakterien aus Südostasien eingeschleppt sein könnten. In Vietnam, China, Südkorea und Hongkong ist es in den Jahren zuvor ebenfalls zu einem Anstieg der Erkrankungen gekommen. Er wurde dort von „emm12“ ausgelöst, der in England nur eine untergeordnete Rolle spielte. In einigen wenigen Fällen wurde allerdings eine Phagensequenz „HKU360.ssa“ gefunden, die auf eine Herkunft aus Hongkong hinweisen könnte.

Insgesamt kann die Untersuchung keine Erklärung für die Epidemie liefern. Von außen betrachtet drängt sich die Vermutung auf, dass die intensive Medienberichterstattung, die das Wiederauftreten der vermeintlichen viktorianischen Erkrankung erlangte, die Öffentlichkeit sensibilisiert haben könnte. Der Verlauf von Streptokokken-Infektionen kann sehr unterschiedlich sein und normalerweise dürfte nur ein Teil der Erkrankungen gemeldet werden. Wenn Eltern, Erzieher und Lehrer von der bedrohlichen Erkrankung in den Medien erfahren, könnten sie Rachenentzündungen und einen Hautausschlag bei den Kindern eher in Alarmstimmung versetzen, als dies normalerweise der Fall gewesen wäre. © rme/aerzteblatt.de

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