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Politik

GKV-Ausgaben für antiretrovirale HIV-Therapie nähern sich Milliardengrenze

Dienstag, 28. November 2017

/dpa

Berlin – Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) hat 2016 rund 945 Millionen Euro für die Behandlung mit antiretroviralen HIV-Medikamenten ausgegeben. Laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) geht mehr als jeder zweite Euro davon an die amerikanischen Pharmafirma Gilead Sciences.

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) erhalten hierzulande rund 65.000 HIV-Infizierte eine antiretrovirale Therapie. Deren Preis hat sich laut WIdO seit 1990 deutlich erhöht. „1990 kostete die Verordnung eines HIV-Arzneimittels die GKV durch­schnittlich 220 Euro, 2016 mit 1.570 Euro bereits das Siebenfache“, berichtet das Institut.

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Kritik an Industrie und Ärzten

Die WidO-Wissenschaftler kritisieren das Unternehmen Gilead für seine Preisstrategie, sehen aber auch das Verordnungsverhalten der Ärzte kritisch. Umsatz-Spitzenreiter bei den HIV-Arzneimitteln war danach 2016 Truvada (Gilead), eine Kombination aus Emtricitabin und Tenofovirdisoproxil. Kurz vor dem Patentauslauf von Truvada habe Gilead den Wirkstoff Tenofovir modifiziert (Tenofoviralafenamid) und mit neuem Patentschutz unter dem Namen Descovy ähnlich hochpreisig in den Handel gebracht. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hatte die Neueinführung in seiner Entschei­dung am 3. November 2016 bewertet. 

Die Verordnungsmengen von Descovy sind laut WidO sehr schnell gestiegen und haben den Verordnungsrückgang des mittlerweile patentfreien Truvada kompensiert. Obwohl entsprechend den Leitlinien der Deutschen Aids-Gesellschaft (DAIG) ein Therapie­wechsel ausschließlich bei Versagen, Nebenwirkungen, Problemen mit dem Einnahme­regime, Schwangerschaft, Begleittherapien oder Arzneimittelinteraktionen durch­geführt werden sollte.

„Offenbar hat Gilead die vermeintlichen Vorteile seines nur leicht veränderten, aber unter Patentschutz stehenden Präparates erfolgreich beworben und konnte sich somit der unliebsamen Generika-Konkurrenz erwehren“, kritisierte Helmut Schröder, Stellver­tre­tender Geschäftsführer des WIdO. Er betonte, mit dieser Strategie würden HIV-Patienten für Unternehmensinteressen benutzt, indem ihre Therapie unnötig auf neuere und teure Arzneimittel umgestellt werde, deren Verbesserung nicht belegt und mit womöglich neuen Gefahren verbunden sei. „Gilead verhindert damit auch einen möglichen Preiswettbewerb und Einsparungen für die GKV“, sagte Schröder.

Das Institut erinnerte zudem daran, dass die Vereinten Nationen bis zum Jahr 2030 die Aids-Epidemie weltweit eindämmen wollen. Mit der 90-90-90 Strategie sollen 90 Prozent der HIV-Infizierten diagnostiziert sein, 90 Prozent sollen eine adäquate ART-Therapie erhalten und bei 90 Prozent davon soll die Virenvermehrung komplett unterbunden sein, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. „Deutschland steht kurz vor Erreichen dieses Ziels. Den Status zu halten, gelingt allerdings nur, wenn alle Diagnostizierten auch lebenslang mit einer erfolgreichen und bezahlbaren Therapie behandelt werden können“, hieß es aus dem WIdO. © hil/aerzteblatt.de

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